Florian Reinke und Andreas Dunte
Leipzig/Dresden. Die Folgen des Iran-Krieges erreichen Sachsens Supermärkte. Noch ist es zwar ein moderater Preisanstieg, den die Leipziger Konsumgenossenschaft meldet, aber die Richtung ist klar: Es geht nach oben.
„Preiserhöhungen haben bereits stattgefunden“, bestätigt Jan Friedrich, Leiter Kommunikation beim Konsum Leipzig, auf die Frage, ob die Genossenschaft im Einkauf schon höhere Forderungen der Lieferanten spürt. „Die Preiserhöhungen verteilen sich über alle Warengruppen.“ Derzeit liegt das Plus über das gesamte Sortiment bei etwa einem Prozent gegenüber dem Vormonat – eine kleine Zahl, die eine große Welle ankündigt. Die regionale Genossenschaft rechnet fest mit weiteren Aufschlägen – es sei denn, die globalen Energiepreise fallen rasch wieder auf ihr Ursprungsniveau zurück.
Sorge vor neuem Preisschock
Aus Verbrauchersicht fühlt es sich an wie ein Déjà-vu. Der massive Inflationsschub der vergangenen Jahre, insbesondere infolge des Ukraine-Krieges, ist vielen noch gut in Erinnerung.
Laut Statistischem Bundesamt sind Nahrungsmittel seit 2020 um über 35 Prozent teurer geworden, deutlich über der allgemeinen Inflationsrate. Mit dem Iran-Krieg steht eine neue Teuerungswelle bevor. Die entscheidende Frage lautet: Wie hart trifft der Anstieg die Verbraucher?

Quelle: Sven Hoppe/dpa
In der Branche tut man sich schwer, offen über die aktuelle Entwicklung zu kommunizieren. So teilt Konsum Dresden mit, man könne Preisentwicklungen bei einzelnen Produkten nicht detailliert bewerten.
Vorstandssprecher Sören Goldemann verweist auf die Lieferantenumstellung auf Edeka. Der Partner sei nun weitgehend für die Verkaufspreise verantwortlich. Edeka äußerte sich auf Anfrage nicht.
Dosenobst um 20 Prozent teurer
Klarer kommuniziert Konsum Leipzig. Besonders stark verteuert hätten sich im Vorjahresvergleich Obstkonserven: Da seien teilweise Steigerungen von über 20 Prozent zu beobachten. Diese seien aber in erster Linie noch nicht auf die gestiegenen Energiekosten zurückzuführen, sondern Folge schlechter Ernten aus dem Vorjahr.
Die hohen Kraftstoffpreise verteuerten die Logistik und damit die gesamte Produktionskette. „Aus diesem Grund rechnen wir mit Preissteigerungen in allen Sortimentsbereichen“, so Konsum Leipzig.
Durch den starken Wettbewerb werden die Händler versuchen, die Preise niedrig zu halten – zumindest für bestimmte Güter, die günstige Preise signalisieren. – Erik Maier, Inhaber der Professur BWL und Marketing an der TU Chemnitz
Voraussichtlich am stärksten betroffen: Waren mit einem hohen Gewicht und einer hohen Umschlaghäufigkeit. Steigende Preise erwartet der Händler etwa bei Mehrweggetränken sowie importierten Obst- und Gemüseprodukten.
Die amtliche Statistik stützt diese Befürchtung. Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen für März eine Gesamtteuerung von 2,8 Prozent in Sachsen – deutlich über den Werten der vergangenen zwölf Monate. Der Hauptgrund laut den Statistikern: gestiegene Preise für Heizöl und Kraftstoffe. Auch die Preise für alkoholfreie Getränke zogen im Jahresvergleich bereits um 5,1 Prozent an.
Teurer Dünger, teure Fracht: Die Ursachen
Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden rechnet fest damit, dass der Handel um Preiserhöhungen nicht umhinkommen wird.
Zum einen aufgrund höherer Transportkosten bei den Spediteuren, zum anderen, weil Dünger knapp und teurer ist.

Quelle: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa
Seit Jahresbeginn sind die Preise für Stickstoffdünger auf den Weltmärkten um 30 bis 40 Prozent gestiegen – ein radikaler Kostenschub am Anfang der Wertschöpfungskette.
Dies werde sich erst verzögert bemerkbar machen, so der Experte. Weniger Dünger auf den Feldern werde zu deutlich geringeren Erträgen führen.
Discounter wiegeln ab – der harte Kampf um Marktanteile
Die großen Handelsketten äußern sich bisher zurückhaltend. Aldi Nord sieht derzeit „keine direkten Auswirkungen auf unser Sortiment“, wie es auf Anfrage heißt. „Einkaufspreise, die uns Lieferanten anbieten, orientieren sich immer an Entwicklungen auf den Weltmärkten.“
Von Lidl heißt es, man gehe derzeit nicht von „größeren Lieferengpässen“ aus. Der Discounter wolle den Kunden auch in Zukunft „die günstigsten Preise“ bieten. Die Preisführerschaft beansprucht aber auch Aldi. Zwischen beiden Handelsriesen tobt ein erbitterter Kampf. Rewe indes will sich grundsätzlich nicht zu Preisentwicklungen äußern.

Quelle: Dirk Knofe
Das Verhalten der Branche hat System: Der Lebensmittelhandel in Deutschland ist hart umkämpft. Erik Maier, Inhaber der Professur BWL und Marketing an der TU Chemnitz, meint: „Durch den starken Wettbewerb werden die Händler versuchen, die Preise niedrig zu halten – zumindest für bestimmte Güter, die günstige Preise signalisieren.“ Dazu zählt er Produkte wie Butter, Milch oder Cola.
In den vergangenen Monaten ließ sich eher beobachten, dass Händler öffentlichkeitswirksam mit Preissenkungen warben. Nach Maiers Einschätzung werden die Hersteller hingegen mittelfristig versuchen müssen, die Preise zu erhöhen. „Das führt häufig zu Preiskämpfen zwischen Händlern und Herstellern, mit Auswirkungen wie Auslistungen.“
Bauern unter Druck: Warum das Brötchen teurer werden könnte
Am Anfang der Kette ringen Erzeuger wie die Obstland Dürrweitzschen AG. Der sächsische Produzent hat wie viele andere Obstanbauer erhebliche Mehrkosten zu stemmen.
An die Kunden kann sie Obstland aber nicht weitergeben, wie der Vorstandsvorsitzende Mathias Möbius sagt. Man habe feste Verträge mit dem Handel über die im Verbund produzierten Säfte und Weine. Bei frischen Äpfeln sieht er ebenfalls keine Chance, die gestiegenen Kosten weiterzureichen. Grund sei die starke Konkurrenz mit ausländischen Produzenten.

Quelle: Fotograf Sven Bartsch
Mit Blick auf die nächsten Monate tut sich Sachsens Landesbauernpräsident Torsten Krawczyk mit einer Prognose schwer. In der Vergangenheit hätten sich steigende Erdölpreise stets in steigenden Getreidepreisen niedergeschlagen. Momentan sei das nicht der Fall. Das könnte an einer weltweiten Überproduktion von Getreide liegen. Festlegen will er sich aber nicht. Der Getreidepreis werde aus seiner Sicht sicherlich nicht der Hauptgrund für steigende Brot- oder Brötchenpreise sein, so Krawczyk. Dennoch würden sich Backwaren verteuern, denn Herstellung und Transport seien sehr arbeits- und energieintensiv.
Da man am Markt keine höheren Erzeugerpreise durchsetzen kann, hofft die Landwirtschaft auf baldige Schritte der Politik. Die bisher beschlossene Entlastung sei nicht der große Wurf, sagt Krawczyk. „Das ist ein kleines Wundpflaster. Die Blutung wird das nicht stillen.“
Während Landwirte auf politische Lösungen warten, ziehen die Kundinnen und Kunden an der Supermarktkasse längst ihre eigenen Konsequenzen. Bei Konsum Leipzig greifen sie bereits wieder vermehrt zu Eigenmarken. Die Genossenschaft setze bei diesen Preiseinstiegsprodukten bewusst auf ein breites Angebot auf Discounter-Niveau, betont Sprecher Jan Friedrich. Die Botschaft auf dem Kassenbon duldet eben keine Illusionen. Wer seine Kunden in der Krise halten will, muss sich auf den kompromisslosen Preiskampf in der Branche einlassen.
SZ


