Suche
Suche

Reform der Riester-Rente: Signal-Iduna-Chef warnt vor Anlagen in US-Papiere

Die neuen Renten-Pläne der Riester-Rente setzen private Versicherer unter Druck. Der Vorstandschef der Signal Iduna-Gruppe, Torsten Uhlig, kritisiert vor allem den massiven Eingriff des Staats und die unklaren Anlagebedingungen.

Lesedauer: 4 Minuten

Signal Iduna Vorstandsvorsitzender Torsten Uhlig. Quelle: BENITO BARAJAS

Nora Miethke

Dresden. Der Versicherer Signal Iduna übt deutliche Kritik an Bestandteilen der geplanten Reform der Riester-Rente – und warnt vor weitreichenden Folgen für den Wettbewerb und die private Altersvorsorge insgesamt.

Ein zentraler Kritikpunkt ist die geplante stärkere Rolle des Staates. Besonders der kurzfristig eingebrachte Staatsfonds sorgt für Unverständnis. „Der Staat macht die Spielregeln, stellt einen Akteur und kontrolliert sich am Ende auch noch selbst“, sagt Vorstandschef Torsten Uhlig im Gespräch mit dieser Zeitung. Ein staatliches Produkt stelle „einen massiven Eingriff in den Markt“ dar. Die Sorge: Private Anbieter könnten durch das Standardprodukt verdrängt werden. Entsprechend drastisch fällt seine Prognose aus: „Die private Altersvorsorge außerhalb der Förderung ist damit erheblich unter Druck.“

Für bestehende Verträge ändert sich nichts, die vertraglichen Leistungen werden erbracht. – Torsten Uhlig, Vorstandsvorsitzender der Signal Iduna-Gruppe

Der Grund ist die finanzielle Lage vieler Haushalte. Der staatlich geförderte Beitrag könne bis zu 1800 Euro jährlich erreichen, doch die Deutschen legten derzeit deutlich weniger zurück. „Der Durchschnittssparbeitrag in die private Altersvorsorge der Deutschen liegt aktuell unter 100 Euro“, so Uhlig. Es sei unrealistisch anzunehmen, dass die Menschen angesichts der wirtschaftlichen Lage plötzlich ihre Vorsorgeausgaben verdoppeln werden. Das Geld wird nur umgeschichtet. Wenn ein staatlich gefördertes Standardprodukt den größten Teil der Sparleistung bindet, bleibt für andere private Vorsorgeformen kaum noch Spielraum, so die Befürchtung.

Hintergrund dieser scharfen Kritik ist natürlich, dass Signal-Iduna selbst Riester-Produkte anbietet und deshalb Konkurrenz fürchtet. Und diese kommt auch noch vom Staat, der Geld ohne Garantien anlegen kann, weil er per se als sicherer Anbieter wahrgenommen wird, der nicht insolvent gehen kann. Riester-Produkte wie die der Signal Iduna gelten heute eher als sicherheitsorientierte, aber wenig wachstumsstarke Vorsorgelösung, während moderne Ansätze stärker auf Kapitalmarktchancen setzen. Signal-Iduna ist ein mittelgroßer, aber nicht prägender Anbieter auf dem Riester-Markt

Signal-Kunden sollen Ruhe bewahren

Kunden, die schon einen Riestervertrag haben, rät Uhlig dazu, Ruhe zu bewahren. Jeder Vertrag wird individuell geprüft, ob ein Wechsel sinnvoll ist, betont er und sagt: „Für bestehende Verträge ändert sich nichts, die vertraglichen Leistungen werden erbracht.“ Riester-Kunden müssten auch nicht langfristig mit niedrigeren Auszahlungen rechnen, sollten die Beitragseinnahmen durch die staatliche Konkurrenz in der Zukunft geringer ausfallen. „Für bestehende Verträge gibt es keine Änderungen durch ein mögliches staatliches Produkt“, so Uhlig.

Förderbedingungen positiv – Anlagebedingungen unklar

Die Förderung zu vereinfachen, war notwendig, speziell die Aufnahme der Selbstständigen richtig. Unklar ist, wohin das staatlich geförderte Kapital fließt – nur in Anlagen, die in deutsches oder europäisches Produktivvermögen investieren, oder auch in Anlagen, die in geopolitisch kritische Firmen finanzieren? „Staaten, die uns in Europa in geopolitische und wirtschaftliche Probleme bringen, können wir doch nicht mit unseren Steuergeldern unterstützen“, kritisiert Uhlig.

Zum Hintergrund: Die Beliebtheit etwa von ETF-Anlagen in US-Papiere ist hoch, da sie eine kostengünstige Möglichkeit bieten, in die Werteentwicklung US-amerikanischer Unternehmen zu investieren. Anleger profitieren von Zugang zu einem breiten Spektrum an Firmen, die in Indizes wie S&P 500, Nasdaq-100 und MSCI World enthalten sind. ETFs sind börsengehandelte Fonds, die eine breit gestreute Geldanlage ermöglichen.

Politische Vorgaben engen Riester-Produkte ein

Der Signal Iduna-Chef sieht die Probleme der Riester-Rente sowohl im Produkt selbst als auch in den politischen Vorgaben. Die verpflichtende 100-prozentige Beitragsgarantie habe zwangsläufig die Rendite begrenzt. „Wenn ich dem Kunden 100 Prozent Garantien vom ersten Euro anbieten muss, hat das Auswirkungen auf die Anlageoptionen“, so Uhlig. Was dabei oft vergessen wird: Die Versicherungsunternehmen werden so zu institutionellen Investoren, die mit Kundengeldern Staatsanleihen zeichnen oder Infrastruktur finanzieren. Signal Iduna hat zum Beispiel ca. 500 Millionen Euro in Europas größten Solarpark in Witznitz bei Leipzig investiert.

Sparverhalten ändert sich

Allerdings wandelt sich das Sparverhalten: Klassische Lebensversicherungen werden im Ansparvorgang an Bedeutung verlieren. „Das Geld wird in Investmentfonds fließen und der Deckungsstock des Versicherers leert sich langsam“, so Uhlig. Denn ältere Verträge müssen ausgezahlt werden, während weniger neue klassische Vorsorgeprodukte abgeschlossen werden. Die Folge: Die Lebensversicherer werden zukünftig weniger institutionell investieren.

Für Signal Iduna bedeutet die Reform der Riester-Rente, dass sich der Versicherer künftig noch stärker auf betriebliche Altersvorsorge und die Versicherung biometrischer Risiken wie Dienst- und Berufsunfähigkeit konzentrieren wird, kündigt der Vorstandschef an. „Sollte aber auch die betriebliche Altersvorsorge in staatliche Modelle überführt werden, kann es kritisch für die Branche werden“, befürchtet Uhlig.

Der Manager, der in Sachsen geboren und aufgewachsen ist, sieht den zunehmenden Einfluss des Staates auf wirtschaftliche Belange sehr kritisch. „Bewegen wir uns auf eine DDR 2.0 zu?“, fragt er. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl habe einmal gesagt, bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginne der Sozialismus. „Da sind wir aktuell angekommen“, so Uhlig.

Handwerk mit Wachstumspotenzial

Wirtschaftlich bleibe Ostdeutschland für die Signal Iduna-Gruppe sehr relevant, die Geschäftsentwicklung sei gut. Der Versicherer ist mit über 500 Agenturen bewusst stark im Osten vertreten. In Sachsen verwaltet Signal Iduna rund 300.000 Kundenverträge mit einem Jahresbeitrag von 170 Millionen Euro insgesamt.

Uhlig sieht vor allem in den Kundenzielgruppen Handwerk, Handel und im öffentlichen Dienst Wachstumspotenzial. Dort entstünden unter anderem neue Absicherungsbedarfe, etwa durch Cyberrisiken. Künftig werde es jedoch „mehr unternehmerisch tätige und spezialisierte Agenturen geben“, während die klassischen Einzelkämpfer verschwinden werden. Die Beratung wird zunehmend digital unterstützt, persönliche Präsenz soll aber vor Ort erhalten bleiben, heißt es.

Auch im Bereich der Krankenversicherung erwartet das Unternehmen Veränderungen, die Kunden direkt spüren werden. Steigende Kosten im Gesundheitswesen schlagen sich verzögert in den Beiträgen der privaten Krankenversicherung nieder: „Die Leistungsausgaben sind erheblich gestiegen, jetzt zieht der Versicherungsbeitrag nach.“ Treiber seien unter anderem höhere Arztvergütungen und steigende Preise im Pharmabereich.

Auf die Frage, wie die private Krankenversicherung bezahlbar bleiben kann, verweist der Finanzmanager auf die kalkulierten Alterungsrückstellungen und die Option zur Vereinbarung höherer Selbstbehalte. „Wir spüren den Trend, dass zur Beitragsreduzierung die Selbstbehalte in den Tarifen erhöht werden“, so Uhlig. Dadurch könne der Versicherungsschutz nicht nur bezahlbar bleiben, sondern teilweise sogar preiswerter werden.

SZ

Das könnte Sie auch interessieren: