Suche

Suche

Der letzte große Auftritt von Lokführer-Gewerkschaftschef Claus Weselsky

Claus Weselsky, Deutschlands Streikführer Nummer Eins, geht 2024 in Rente. Zuvor will es der GDL-Chef noch mal wissen. Im Interview spricht er auch über ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Bahn.

Lesedauer: 4 Minuten

Claus Weselsky, Gewerkschaftschef der GDL
Claus Weselsky (64) ist gelernter Schienenfahrzeugschlosser und Lokführer und saß bis 1992 selbst im Führerstand. Der gebürtige Dresdner trat nach der Wende in die GDL ein und steht seit 2008 an deren Spitze. © dpa

Von Michael Rothe

Herr Weselsky, da glaubten viele, dass nach den Warnstreiks der Gewerkschaft EVG und der Schlichtung endlich Ruhe bei der Deutschen Bahn einkehren würde. Aber sie haben die Rechnung wohl ohne die Lokführergewerkschaft gemacht, die ab 9.11. mit dem Konzern verhandelt – und deren Friedenspflicht am Dienstag auslief.

Mit uns muss man immer rechnen.

Bahn-Personalvorstand Martin Seiler schlägt einen Weihnachtsfrieden vor …

Ob es den gibt, wird nach Verhandlungsfortschritt entschieden und nicht vorab.

… und gleich von Beginn an eine Art Schlichtung mit Konfliktberatern.

Das nenne ich bei seinem Jahressalär von 1,4 Millionen Euro Arbeitsverweigerung. Die Idee auch noch als Innovation zu verkaufen, ist eine Frechheit. Keine unserer Forderungen ist so unverständlich, als dass Seiler sie an andere delegieren muss.

Die GDL hatte vor anderthalb Wochen mit einem Warnstreik bei der Transdev-Gruppe, Nummer zwei in Deutschland, schon mal ein Signal gesendet.

Ja, wir hatten einen Warmlauf. Der französische Konzern hatte es abgelehnt, uns ein Angebot zur perspektivischen Absenkung der Wochenarbeitszeit für Schichtarbeiter von 38 auf 35 Stunden zu machen. Und das ist der Kernpunkt unserer Forderungen.

Und gibt es in der Hinsicht Bewegung?

Tatsächlich bei der deutschen Tochter des italienischen Staatskonzern Netinera, mit der wir auch verhandeln. Darunter fällt z. B. die Länderbahn mit Trilex in der Lausitz. Das Unternehmen hat uns am Donnerstag angeboten, die Arbeitszeit schrittweise abzusenken – bei gleichem Lohn.

Netinera wird also nicht bestreikt?

Ja, vorerst. Das Angebot war zwar insgesamt zu niedrig. Aber für uns ist entscheidend, dass sich jemand einer Hauptforderung nicht verweigert, sondern sie bedient. Inhaltlich haben wir noch eine weite Strecke, aber der Eisbrecher ist auf der Strecke.

Ist das, was Sie dort verhandeln, Blaupause für die Gespräche mit der DB?

Ja, weil die GDL in den letzten zwölf Jahren in der Branche eine Angleichung der Löhne und der Arbeitszeitelemente vorgenommen hat. Wir können gar nicht anders.

Was heißt das?

Wenn wir einen Pilotabschluss haben, dann ist er die Vorlage für alle anderen – ganz egal mit wem er zustande kommt. Laut unserer Selbstverpflichtung müssen wir in allen Wettbewerbsunternehmen die gleichen Bedingungen schaffen, ansonsten haben die Firmen eine Nachverhandlungsklausel. Was wir beim ersten Größeren abschließen, ist somit marktprägend.

Sie gehen nächstes Jahr in Rente, kandidieren nicht mehr. Wie groß ist die Versuchung, beim letzten großen Auftritt nachhaltig Eindruck zu hinterlassen?

Genauso groß wie bei den vorherigen. Mir wurde ja immer wieder Profilierungssucht nachgesagt, aber Tarifforderungen der GDL entstehen nicht durch Befindlichkeiten ihres Vorsitzenden, sondern aus Problemen und Nöten der Kolleginnen und Kollegen.

Was sind deren größte Sorgen?

Wenig Planungssicherheit, Hyperflexibilisierung, fehlendes Personal. Das führt zu hohen Krankenquoten und zu Unlust. Ich höre mir seit 15 Jahren an, dass wir zu wenig Leute haben – und neuerdings, dass es wegen des unattraktiven Schichtsystems nicht mal mehr genügend Bewerber gibt. Also müssen wir die Rahmenbedingungen verbessern: beim Geld und der Arbeitszeit.

Wird eine Arbeitszeitverkürzung wie in der Ost-Metallindustrie laufen: über Stufenpläne von mehreren Jahren?

Man kann Unternehmen Bedingungen aufzwingen, muss ihnen aber auch Zeit zur Umsetzung geben. Jetzt, da alle Welt über 4-Tage-Woche, Homeoffice, mobile Arbeit schwafelt, ist Zeit, darüber zu reden. Keiner in der Werkstatt kommt in den Genuss solcher Annehmlichkeiten. Auch kein Fahrdiensteiter, Zugbegleiter, Lokführer. Das Schichtsystem muss attraktiver werden: mit weniger Arbeitszeit und gutem Lohn.

Was verdienen Lokführer im Schnitt – auch im Vergleich zu vor 15 Jahren?

Als ich 2008 als GDL-Vorsitzender angefangen habe, hatten Lokführer einen Stundenlohn von 13,60 Euro. Seitdem ist er in der Spitze auf nunmehr 23 Euro gestiegen.

Sind die von der konkurrierenden EVG erzielten 410 Euro Lohnplus in zwei Stufen und der Inflationsausgleich von 2.850 Euro für ihre Runde von Belang?

Ich bin gespannt, was uns die DB anbietet. Wir wollen 555 Euro mehr und 3.000 Euro Teuerungsausgleich. Bei den Wettbewerbern hat sich noch keiner getraut, mit dem EVG-Deal zu winken. Wir haben völlig andere Forderungen. Die EVG hat seit 20 Jahren keine Arbeitszeit-Forderung gestellt.

… aber jetzt immerhin einen recht guten Lohndeal erreicht …

… der auf krude Weise entstanden ist. Wenn die GDL in einer Tarifrunde mit Forderungen auf Granit beißt, macht sie in geheimer Briefwahl eine Urabstimmung. Für einen Streik müssen 75 Prozent der Mitglieder stimmen. Bei der EVG gab es kein Votum pro Streik. Sie hat eine Negativabstimmung mit 25-Prozent-Quorum genutzt, um den Abschluss gegen die Interessen der Mitglieder durchzudrücken. Nur gut die Hälfte hatte online dafür gestimmt. Sie können sich nicht vorstellen, wie es dort rumpelt.

Und nun hoffen alle auf die GDL?

Die Leute warten auf die GDL, weil sie wiederholt schlechte Abschlüsse der EVG verbessert hat. Davon haben dann alle profitiert. Diesmal hat die EVG keine Angstklausel für einen Nachschlag im Vertrag. Mal sehen, was passiert, wenn wir einen besseren Abschluss als sie erreichen, etwa eine Arbeitszeitabsenkung von einer Stunde pro Woche, und die DB ihn nach Tarifeinheitsgesetz nur in 18 Betrieben anwenden will.

In jenen Betrieben mit GDL-Mehrheit.

Willkürlich von der DB zugeteilt, obwohl sie um die tatsächlichen Mehrheiten weiß.

Sie sind dagegen vor Gericht gezogen …

…. und nach gut zwei Jahren erst in 2. Instanz. Es gibt kein Urteil, was und wie gezählt wird und wird wohl noch dauern, bis wir beim Bundesarbeitsgericht sind. DB-Konkurrenten lehnen es übrigens ab, das Tarifeinheitsgesetz anzuwenden, weil sie keinen Unfrieden in ihrer Belegschaft wollen.

Jetzt haben Sie die Genossenschaft Fairtrain gegründet. Sie soll Lokführer an die DB und ihre Mitbewerber verleihen.

…damit unsere Mitglieder nicht länger unter Tarifverträgen ächzen, die sie in eine Hyperflexibilität zwingen. Die Genossenschaft hat Anfang September von der Bundesarbeitsagentur die Genehmigung zur Arbeitnehmerüberlassung erhalten. Wir brauchen 120 Mitglieder, um rentabel zu sein und sind bei über 600 verkauften Anteilen. Derzeit laufen Infoveranstaltungen und erste Einstellungsgespräche – auch mit Leuten der DB. Dort läuten schon die Alarmglocken, weil Beschäftigte von ihrem Teamleiter ein Zwischenzeugnis haben wollen. Dieses Katz-und-Maus-Spiel versetzt das Management in Wallung.

Apropos: Wie begegnen Ihnen Reisende, wenn sie Sie im Zug erkennen?

Die meisten mit Anstand und Hochachtung. Sie haben erkannt, dass an der Misere der Bahn nicht die GDL schuld ist. Was wir an Unpünktlichkeit und Unfähigkeit erleben, ist das Ergebnis des Tuns von Nieten in Nadelstreifen, die die kleinen Leute flach halten und sich selbst die Taschen füllen. Bei eigener Betroffenheit gibt es natürlich auch Frust – aber dennoch kommt es zu ordentlichen Gesprächen. Wenn man den Leuten die Hintergründe erklärt, haben sie Verständnis und einen Wunsch: „Herr Weselsky, machen Sie schnell!“

Sie kandidieren 2024 nicht mehr für den GDL-Vorsitz. Kann die Bahn hoffen, dass nach Ihnen alles anders wird?

Die DB weiß, dass das nichts wird. Mein Stellvertreter und Nachfolger Mario Reiß saß bereits im Konzern-Aufsichtsrat. Das Ruder bleibt in kräftiger sächsischer Hand.

Das könnte Sie auch interessieren: