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Klimakrise im Lager: Netto-Mitarbeiter in Thiendorf klagen über Arbeitsbedingungen

Seit einem Jahr gibt es im Großhandel in Sachsen keinen Tarifvertrag. Im Netto-Zentrallager in Thiendorf kommen jetzt auch noch Vorwürfe polnischer Arbeiter hinzu. Was ist da los?
Lesedauer: 6 Minuten
Zwei Männer stehen nebeneinander. Der eine Mann trägt eine Netto-Warnweste und steht mit dem Rücken zur Kamera. Der andere Mann schaut ernst in die Kamera.
„Viele haben Angst“: Lukas Wrzeszcz (r.) hat seinen Job im Netto-Zentrallager in Thiendorf gekündigt und muss damit keine Sanktionen mehr befürchten. © Jürgen Lösel

    Von Henry Berndt

    Lukas fährt gern Auto, am liebsten die richtig großen Laster. Wie Dutzende seiner Kollegen war der 40-Jährige bis zuletzt täglich unterwegs, um Netto-Märkte in der Region mit Waren zu beliefern. Früher arbeitete er für Penny in Bayern, dann ab 2013 bereits für Netto Marken-Discount in Baden-Württemberg. Er habe dort gut verdient, sagt er, fühlte sich auf Dauer aber zu weit weg von seiner Familie in Polen. Deswegen wechselte Lukas Wrzeszcz im Januar 2022 zum Netto-Standort Thiendorf.

    Das Zentrallager wurde 2001 eröffnet. Heute werden von dort aus 236 Netto-Filialen in Ostsachsen und Südbrandenburg beliefert. „Über 5.000 Artikel zu Discountpreisen“ steht auf den gelben Lkw.

    Die Lage direkt an der Autobahn 13 von Dresden nach Berlin kam auch Lukas zugute. Er konnte jeden Tag nach Hause fahren – eine Strecke 130 Kilometer bis nach Gieraltow, einem kleinen Dorf kurz hinter der polnischen Grenze. Dort lebt Lukas mit seiner Frau und seinen beiden Kindern.

    Auch nach zehn Jahren bei Netto sei ihm in Thiendorf zunächst wieder nur ein befristeter Vertrag angeboten worden, sagt er. „Der schwarze Affe aus Polen bekommt wohl keinen Festvertrag“, habe er sich bei seinem Chef beklagt – und ihn kurz darauf doch noch bekommen. Trotz der Nähe zur Heimat bereut Lukas den Wechsel nach Thiendorf inzwischen. „Egal, wo ich war, ich wurde nie so schlecht behandelt wie hier.“ Vor wenigen Wochen hat er seinen Vertrag gekündigt, der ihm für seine Arbeit als Kraftfahrer für 39 Wochenstunden 2.591,16 Euro brutto im Monat einbrachte (Stand Januar 2022).

    Was ist passiert?

    Lukas ist nicht der einzige Mitarbeiter im Großhandel, der gerade unzufrieden ist. Seit einem Jahr kämpfen die Beschäftigten in Sachsen an der Seite der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) um einen neuen Tarifvertrag. Der alte lief zum 30. April 2023 aus. In fünf Wellen wurde seitdem allein vor dem Tor in Thiendorf gestreikt. Eine Einigung ist allerdings noch immer meilenweit entfernt. Die Arbeitgeber boten zuletzt im September 5,1 Prozent mehr Lohn. Verdi fordert 13 Prozent.

    Netto selbst beteuert auf einem Aushang seinen Grundsatz: „Kein Tarifkonflikt auf dem Rücken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ In der Zwischenzeit hat das Unternehmen seinen Beschäftigten bereits einmal von sich aus 5,3 Prozent mehr Lohn zugebilligt, ab 1. Mai sollen weitere 4,7 Prozent dazukommen. Sollte ein späterer Tarifabschluss darunter liegen, kann dieses Geld allerdings anteilig zurückgefordert werden, wie betont wird.

    Zuletzt streikten zwei Dutzend Mitarbeiter in Thiendorf zu Ostern.© Norbert Millauer

    Mit Blick auf einen möglichen Tarifabschluss sieht die Arbeitgeberseite nun Verdi am Zug. „Seit Monaten sind Konjunktur und Inflation im Sinkflug“, heißt es vom Landesverband des Sächsischen Groß- und Außenhandels (SGA). „Nun ist es an der Gewerkschaft, sich inhaltlich auch auf uns zuzubewegen, um eine Einigung möglich zu machen.“

    Im Netto-Zentrallager in Thiendorf scheint es darüber hinaus auch anderweitige Spannungen zu geben. Dabei geht es um den Wunsch nach einem fairen und respektvollen Umgang mit Mitarbeitenden und die Förderung eines anständigen Betriebsklimas.

    Zum Treffen im McDonalds an der Autobahnabfahrt ganz in der Nähe des Lagers bringt Lukas einen seiner früheren Kollegen und eine Kollegin mit. Auch die anderen beiden sind Polen. Mit dabei haben sie sechs handschriftlich verfasste Berichte weiterer polnischer Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen. Viele hätten Angst, offen zu reden, sagt Lukas. „Ich muss an meine Kinder denken“, würden sie sagen, oder: „Ich brauche noch zwei, drei Jahre bis zur Rente. Was soll ich machen?“

    Abmahnungen wie Frühstückskekse verteilt

    Das, was die polnischen Arbeitskräfte erzählen und schreiben, deckt sich in weiten Teilen. Die Rede ist von zunehmend belastenden Arbeitsbedingungen. Immer wieder fällt dabei das Wort Diskriminierung. Schichten würden ohne vorherige Absprachen festgelegt. Auf individuelle Bedürfnisse der Mitarbeitenden werde keine Rücksicht genommen. Insbesondere gelte das für die Festlegung von Diensten an Samstagen. Laut Manteltarifvertrag in Sachsen (Paragraf 8) sollen Samstage grundsätzlich arbeitsfrei sein. Allerdings ist auch eine abweichende Verteilung der wöchentlichen Arbeitszeit „aus betrieblichen Gründen zulässig“.

    Bei Netto in Thiendorf kommt Samstagsarbeit nicht selten vor. Wer angebe, bereits privat verplant zu sein, müsse zum Beweis Buchungsbestätigungen vorlegen, heißt es von den Mitarbeitern. Wer zum Beispiel zu einer Hochzeit eingeladen sei, müsse das schriftlich nachweisen. Wer das nicht akzeptiere, erhalte eine Abmahnung, wobei Abmahnungen in Thiendorf seit vergangenem Sommer wie Frühstückskekse verteilt würden.

    Mehr noch: Die Sprachbarriere und das Abhängigkeitsverhältnis würden von den Vorgesetzten ausgenutzt, um die Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Regelmäßig fielen Sätze wie: „Wenn dir das nicht passt, dann geh’ zurück nach Polen!“ Konkret richten sich die Vorwürfe der polnischen Arbeitskräfte gegen den Fuhrparkleiter und den Lagerleiter.

    „Faires Miteinander gelebt“

    Netto weist die Vorwürfe strikt zurück. Auf konkrete Fragen zu diesen Vorwürfen schickt die Leiterin der Netto-Unternehmenskommunikation eine eher allgemeingültige Antwort: „Ein fairer Umgang mit unseren Mitarbeitenden ist für uns sehr wichtig. Dazu gehört für uns die Gleichbehandlung aller Beschäftigten unabhängig von Geschlecht, Alter, Sexualität, Herkunft oder Religionszugehörigkeit. Dieser von uns gelebte Gleichbehandlungsgrundsatz – inkl. der Touren- und Urlaubsplanung – sowie das faire Miteinander mit unseren Beschäftigten wird auch an unserem Lagerstandort in Thiendorf gelebt. Daher distanzieren wir uns ausdrücklich von den geäußerten Vorwürfen.“

    Eine 22-jährige Polin, die bis zuletzt ein Jahr und neun Monate lang im Logistikbereich in Thiendorf angestellt war, hat andere Erfahrungen gemacht. Sie habe im Vorfeld erklärt, dass sie an einem bestimmten Samstag nicht arbeiten könne, und für ihre Abwesenheit dann dennoch eine Abmahnung kassiert. Kurz darauf sei ihr mitgeteilt worden, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde – ohne Angabe von Gründen. „Ich musste gehen, weil ich den Mund aufgemacht und ‚Nein‘ gesagt habe“, glaubt sie. „Einem deutschen Mitarbeiter wäre das so nie passiert. An diesem Arbeitsplatz gibt es keine Gleichberechtigung. Polen werden behandelt, als hätten sie keine Rechte.“ Die junge Frau wohnt mit ihrem Freund in Dresden. Da sie gerade neue Arbeit sucht, möchte sie ihren Namen nicht nennen. „Ich will jetzt erst einmal besser Deutsch lernen, um bessere Chancen auf einen guten Job zu haben.“

    Die Gewerkschaft Verdi bestätigt auf Nachfrage die Probleme speziell in Thiendorf und spricht von einer „betrieblichen Praxis zum Wegrennen“. Das Unternehmen bekomme es nicht hin, die Arbeitszeiten der Mitarbeitenden systematisch zu planen. „Wenn es um Sanktionen gegen streikende Mitarbeiter geht, geben sie sich dafür eifrig Mühe.“ Dazu gehörten lange und unliebsame Touren, häufig wechselnde Schichten und Fahrzeuge sowie Abmahnungen für kleinste Vergehen. Solange keiner aufmucke, werde sich an diesen Zuständen allerdings nichts ändern.

    „Wie eine Kaserne geführt“

    Das Unternehmen weist auch in dieser Hinsicht alle Anschuldigungen zurück.

    Beim ersten Streik im vergangenen August beteiligten sich immerhin noch 85 der rund 450 Netto-Mitarbeiter in Thiendorf. Auch zahlreiche Polen waren dabei. „Danach haben die Chefs mit gezielten Sanktionen darauf hingewirkt, dass sich immer weniger getraut haben“, sagt der Kraftfahrer Ralf Büttner. Er ist seit 20 Jahren in Thiendorf beschäftigt und sitzt seit acht Jahren im Betriebsrat. „Ich bin jetzt 57 und lasse mir von niemandem mehr den Mund verbieten, auch wenn dieses Lager wie eine Kaserne geführt wird.“ Inzwischen habe er bereits 13 Abmahnungen kassiert, unter anderem, weil er eine Minute zu spät Pause gemacht habe.

    Am letzten Streik über Ostern nahmen gerade noch 23 Beschäftigte teil. Einige Polen hätten die Streikenden unterstützt, indem sie an diesen Tagen der Arbeit ferngeblieben seien – unbezahlt, denn Mitglied bei Verdi ist keiner von ihnen.

    Beim Streik Ende März wurde auch eine gelb-rote Flagge gehisst, auf der ein grimmig aussehender Wolf zu sehen war. Hinter den „Netto-Wölfen“ verbirgt sich eine Art „Untergrundgruppe“, wie Büttner sie nennt, die sich im Laufe der Streiks in Thiendorf gegründet hat und offensichtlich gewillt ist, sich durchzubeißen.

    Kein Geld trotz Krankschreibung

    Ralf Büttner war natürlich auch diesmal beim Streik dabei, während große Teile des Betriebsrates fehlten. „Da weiß man doch schon, woran man ist“, heißt es dazu von Verdi. Von den elf Plätzen im Betriebsrat seien nur fünf mit Verdi-Mitgliedern besetzt, sagt Büttner. Nicht selten endeten die Abstimmungen mit sechs zu fünf Stimmen im Sinne der Arbeitgeber – zum Beispiel, wenn es um Samstagsarbeit geht. Obwohl mehr als die Hälfte der rund 440 Beschäftigten in Thiendorf Polen sind, sitzt kein einziger von ihnen im Betriebsrat. Laut Verdi hätten sie sich nicht zur Wahl aufstellen lassen, „weil sie gar keinen Zugang zu diesem Thema haben“. Büttner will das ändern, zumal einige inzwischen ganz gut Deutsch sprechen würden.

    Lukas ist einer der wenigen, die sich mit den Bedingungen nicht abfinden wollten. Er schrieb an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und sogar ans Amtsgericht – ohne zufriedenstellende Antworten zu bekommen.

    Bei Netto gekündigt habe er letztlich, weil er nach einem Arbeitsunfall im November trotz fortdauernder Krankschreibung im Dezember kein Gehalt mehr überwiesen bekommen habe. Was genau ist da vorgefallen?

    Am 16. November 2023 stürzte Lukas beim Entladen von Ware an einem Netto-Markt in Freital, fiel dabei auf eine Treppe und verletzte sich am Finger. Der Finger schwoll an und schmerzte, aber er habe nicht auf seine Frau gehört und sei zunächst weiter arbeiten gegangen, sagt er. Erst am 24. November seien die Schmerzen so stark gewesen, dass er sich in der Klinik in Görlitz vorgestellt habe – zufällig nach zwei Streiktagen, an denen er teilgenommen hatte. Sein Finger wurde versteift und er wurde zunächst bis zum 10. Dezember und kurz darauf bis zum 29. Dezember krankgeschrieben.

    Neustart in Polen

    Sein Arbeitgeber stellte jedoch die Lohnfortzahlung ab 11. Dezember kurzerhand ein. Nur 841 Euro wurden ihm für diesen Monat überwiesen. Auf seiner Gehaltsabrechnung ist dazu der Hinweis „Unbestimmt unbezahlte Fehlzeit unter einem Monat“ vermerkt. Daraufhin nahm sich Lukas einen Anwalt, der Netto schriftlich darauf hinwies, dass sein Mandant arbeitsunfähig erkrankt und der Entgeltfortzahlungszeitraum noch nicht ausgeschöpft gewesen sei. Auf das erste Schreiben gab es keine Antwort, woraufhin der Anwalt mit der gerichtlichen Klärung drohte.

    Am 19. Februar 2024 – vier Tage, nachdem die SZ dazu konkret bei Netto nachgefragt hatte – schrieb die Personalabteilung der Netto Marken-Discount Stiftung & Co. KG eine Mail an die Anwaltskanzlei: Zwischenzeitlich sei „nach entsprechender Prüfung“ die „Ihrem Mandanten zustehende Lohnfortzahlung geleistet“ worden. „Wir gehen somit davon aus, dass sich die Angelegenheit damit erledigt hat.“

    Lukas hat inzwischen neue Arbeit in Polen gefunden. Statt 130 Kilometern fährt er jetzt nur noch 15 Kilometer auf Arbeit, macht Testfahrten für ein Logistikunternehmen. „Ich bekomme fast das gleiche Geld raus, arbeite jeden Tag acht Stunden von 6 bis 14 Uhr und habe ein normales Arbeitsklima.“ Trotz seiner jüngsten Erfahrungen würde er dennoch wieder in Deutschland arbeiten. „Dort kann man Euro verdienen, und der ist in Polen immer noch etwas wert.“

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