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Der Mann, der den Beton leichter macht

Für seine führende Rolle bei der Entwicklung des Carbonbetons bekommt der Dresdner Forscher Manfred Curbach den Nachhaltigkeits-Nobelpreis. Das Rampenlicht teilt er gern.

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Mann schaut freundlich in die Kamera.
Manfred Curbach im Cube, der Realität gewordenen Vision für das Bauen der Zukunft. Es ist das weltweit erste komplett aus Carbonbeton gebaute Haus – und ein Symbol für das Lebenswerk des Forschers. Foto: Matthias Schumann

Von Jana Mundus

Dresden. Manfred Curbach sitzt in einem Gebäude, das vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Die Wände sind dünn, das Dach geschwungen. Eine Architektur, die nicht protzt, sondern Leichtigkeit vermittelt. Großzügig fällt Licht durch die weiten Glasfronten des Cube. Das ungewöhnliche Haus auf dem Campus der TU Dresden wirkt wie ein Versprechen der Zukunft. Es ist das weltweit erste Gebäude, das vollständig aus Carbonbeton besteht, der nachhaltigen Variante zum herkömmlichen Stahlbeton. Das Haus ist nicht nur ein Experiment. Es ist auch Symbol eines Lebenswerks.
Der Wissenschaftler ist beim Abendessen, als im Oktober 2025 sein Handy klingelt. Manfred Curbach ahnt nicht, dass drei Jahrzehnte Forschung in diesem Moment einen würdevollen Höhepunkt bekommen. „Die Überraschung war riesig“, sagt er über die Nachricht, dass er den Nobel Sustainability Academic Award 2025 erhält, den Nobelpreis für Nachhaltigkeit. Der international renommierte Preis würdigt ihn damit als Pionier des Carbonbetons. Aber Curbach ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Er weiß, solche Ehrungen gelten selten nur einer Person. Viele Menschen, Institutionen und Firmen haben die Forschung über Jahrzehnte geprägt. „Letztlich hat der Carbonbeton selbst den Preis bekommen.“
Seine Begeisterung fürs Bauen entdeckt er früh. „Nicht ganz unschuldig daran ist mein Vater, der ebenfalls Bauingenieur war“, erinnert er sich. In den Ferien nimmt der Vater ihn mit auf Baustellen. Brücken faszinieren den Jungen: „Das Fantastischste, was ich mir vorstellen konnte.“ Dieses Staunen bleibt. Ab 1977 studiert er Bauingenieurwesen an der TU Dortmund, spezialisiert auf Konstruktiven Ingenieurbau. Sein Entwurf für einen studentischen Wettbewerb – eine Brücke mit integriertem Lärmschutz – begleitet ihn bis heute. Das leicht lädierte Modell steht jetzt im Cube. Nach dem Studium forscht er an der Universität Princeton in den USA. Dort hört er Vorlesungen von Christian Menn, einer Brückenbau-Legende. Der Funke springt endgültig über.

Die verborgene Kraft des Betons
Bevor Carbonbeton sein großes Thema wird, findet Curbach ein anderes Feld, das ihn nicht mehr loslässt. Nach seiner Zeit in den USA holt ihn sein früherer Professor an die Universität Karlsruhe. Dort vertieft er sich in ein Spezialgebiet, das abstrakt wirkt, aber enorm wichtig ist: die Kurzzeitdynamik. „Es geht um Belastungen, die extrem schnell wirken“, erklärt er. Ein Flugzeug stürzt auf ein Kernkraftwerk, ein Schiff rammt einen Brückenpfeiler, ein Lkw kracht unkontrolliert in ein Tragwerk. In Sekundenbruchteilen wirken Kräfte, die Baustoffe zu einem völlig anderen Verhalten zwingen. Seine wichtigste Erkenntnis damals: „Beton ist zehnmal so fest, wenn man ihn blitzschnell beansprucht.“
Diese Entdeckung faszinierte ihn so sehr, dass er darüber promoviert. An der TU Dresden baut er später mit seinem Team Falltürme, lässt zwei Tonnen schwere Massen zwölf Meter tief stürzen, beobachtet, misst, lernt. Was einst ein Nischenthema war, gewinnt derzeit politische Brisanz. „Heute werden die Erkenntnisse interessant, wenn es um Zivilschutz geht“, sagt er. Jahrzehntelang entwickelte er Modelle, um kritische Infrastrukturen gegen extreme Ereignisse zu schützen. Ein Wissen, das jetzt gebraucht wird.
Nach der Promotion ahnt er das nicht. Er will in die Praxis.1988 wechselt er als Projektleiter zum Ingenieurbüro Köhler + Seitz in Nürnberg. Dort konstruiert er große Brücken. Schon die erste führt über die Donau, weitere über Main oder Neckar. Besonders fasziniert ihn der Freivorbau. Eine Technik, bei der Brückenteile von beiden Ufern freitragend aufeinander zuwachsen. „Wenn die sich am Ende nicht treffen, ist das schlecht“, sagt er trocken. Zwei Kräfte treiben ihn voran. Einerseits fordert ihn die Praxis und bringt ihn weiter. „Die Lernkurve war steil und ging hoch.“ Er schreibt Fachartikel über seine Projekte und entdeckt dabei eine neue Leidenschaft: das Erklären. „Es machte mir Spaß, anderen zu erläutern, was ich tue.“ Andererseits lässt ihn die Forschung nicht los. Warum nicht beides verbinden? Lehren und Forschen, Baustelle und Labor, Praxis und Theorie. An der TU Dresden bekommt er die Chance dazu. 1994 übernimmt er die Professur für Massivbau.

Aus einem Rätsel wird die Revolution
An der Universität spürt er Mitte der 1990er-Jahre Aufbruchsstimmung. „Die Studierenden waren unglaublich interessiert und motiviert.“ Er unterrichtet anders als viele. Statt Normen zu lehren, setzt er auf Verständnis. Er zeichnet, farbig und anschaulich, an die Tafel, bis alle im Hörsaal es begreifen. „Bei mir saßen die jungen Leute mit Farbstiften in der Vorlesung und haben mitgezeichnet und -geschrieben.“ Bis zu seinem offiziellen Abschied 2024 bleibt er diesem Ansatz treu. Digitale Präsentationen, die man nur herunterladen muss? Nicht sein Stil. „Wer es selbst macht, versteht es auch.“ So prägt er die Ingenieursausbildung in Dresden – und wird schließlich zum Wegbereiter eines neuen Baustoffs.
Peter Offermann leitet damals das Institut für Textil- und Bekleidungstechnik der TU Dresden, heute bekannt als Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik. Zusammen mit Rainer Hempel vom Institut für Baustoffe fertigt er Versuchskörper aus Textilien und Beton an. Glasfaser-Matten verstärkten den Baustoff. „Die Ergebnisse waren rätselhaft. Niemand wusste, wie man sie deuten sollte. So kamen sie zu mir“, erzählt Manfred Curbach. Er erkennt darin einen Schatz. „Ein riesiges Potenzial.“ Einen Werkstoff, der nicht rostet, hochfest ist und neue Formen ermöglicht.

Wenig später ersetzen die Wissenschaftler Glas durch Matten und Stäbe aus Kohlenstofffasern. Der Carbonbeton war geboren. Gemeinsam mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen gründen sie einen Doppel-Sonderforschungsbereich. Statt Konkurrenz herrscht Absprache, statt Eitelkeit Kooperation. Ein wissenschaftliches Wagnis mit hohem Risiko. „Nur wir glaubten an den Erfolg“, erinnert sich Curbach. Die Forschung macht Dresden und Aachen – Deutschland insgesamt – weltweit zum Vorreiter im Carbonbeton. Aus Theorie wird Praxis, als ein Rohbau in Prag gravierende statische Fehler zeigt. Abriss droht. Die Forscher schlagen vor, die Decke mit Carbonbeton zu verstärken. Schneller, leichter, nachhaltiger als jede andere Lösung. „Das Kaufhaus steht bis heute.“

Ein neuer Baustoff für die Welt
Es folgen eine Brücke in Oschatz und die Verstärkung des schalenförmigen Dachs über dem Großen Hörsaal der Fachhochschule Schweinfurt. Immer wieder zeigt sich: Das Material bewährt sich. Doch die Genehmigungsprozesse bleiben zäh. Bis 2014 das Mammutprojekt C³ – Carbon Concrete Composite beginnt. Über 160 Partner arbeiten daran, Carbonbeton breit einzusetzen. Der Cube ist die gebaute Quintessenz dieser Jahre. Seine dünnen Wände, die elegante Krümmung des Dachs, die Leichtigkeit sind Ausdruck einer neuen Material- und Bauästhetik. „Mit dem neuen Werkstoff kann man völlig anders bauen.“ Eine ganze Baukultur lässt sich damit umgestalten.
Die Baubranche gilt als traditionell, vorsichtig, oft skeptisch. Auch Curbach hat das erfahren. Ein Vorstand eines großen Baukonzerns, erzählt er, habe anfangs gezweifelt. Doch nach intensiver Beschäftigung mit dem Thema wandelte er sich zum begeisterten Anhänger des Carbonbetons. Später gründeten die beiden sogar Firmen, um das Material praktisch einzusetzen. Heute schätzt man weltweit die Möglichkeiten des neuen Werkstoffs, besonders in Italien, wo er Gebäude erdbebensicherer macht, und in China, das die deutschen Ideen mit beeindruckender Geschwindigkeit umsetzt.
Für Manfred Curbach ist Carbonbeton mehr als ein Produkt. Er sieht darin ein Werkzeug zur Rettung einer Branche, die global ein Gigant ist – und ein Klimaproblem. „Das Bauwesen verursacht mindestens 25 Prozent des CO₂-Ausstoßes“, sagt er. Carbonbeton kann das ändern: mit weniger Material, längerer Haltbarkeit und Carbonfasern, für deren Herstellung CO₂ aus der Luft genutzt wird. „Wir können sogar im Betonbau klimaneutral werden“, erklärt er überzeugt. Im September 2024 hielt er seine Abschiedsvorlesung an der TU Dresden, heute ist er Seniorprofessor. Dass ein möglicher globaler Materialwandel auch sein Verdienst ist, macht ihn beinahe verlegen. „Ich denke selten darüber nach“, sagt er. „Ich bin ja mitgewachsen.“ Er und seine Weggefährten hätten nie darüber nachgedacht, wie groß die Idee sei. „Wir wollten sie einfach sauber zu Ende denken.“

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