Von Ralf Grunert
Bernsdorf/Straßgräbchen. Runde drei Jahrzehnte in der Gastronomie und im Beherbergungswesen sind eine lange Zeit. Und auch wenn es so mancher Gast gern sehen würde, dass Marion Böhme weitere zehn Jahre dranhängt, so hat die inzwischen 70-Jährige doch andere Pläne. Die Eigentümerin des Landgasthofes „Zur Ausspanne“ mit Pension und Biergarten im Bernsdorfer Ortsteil Straßgräbchen würde sich gern in den Ruhestand verabschieden.
„Mit Rentenbeginn wollte ich eigentlich in Rente gehen“, erzählt sie. Das hat allerdings bisher nicht geklappt. Marion Böhme sieht sich nach einem Interessenten um, der den 1996 errichteten Gebäudekomplex übernimmt. „Ein Gastronom wäre mir das Allerliebste. Aber es ist heutzutage schwierig, die richtigen Leute zu finden“, hat Marion Böhme bei ihrer bisher erfolglosen Suche feststellen müssen.
Hier sollen ruhig andere zum Zug kommen. Je eher, desto besser. Ein Gastronom wäre mir das Allerliebste. – Marion Böhme, Inhaberin des Landgasthofes „Zur Ausspanne“
Doch das geht nicht nur ihr allein so. In ihrem etwa 20-köpfigen Bekanntenkreis von Gastwirten und Gastwirtinnen, die wie sie ebenfalls das Ruhestandsalter erreicht haben, gebe es nur einen Fall, in dem sich ein Nachfolger aus der Familie gefunden hat. „Zwölf bis vierzehn Stunden lange Arbeitstage sind nun mal nicht jedermanns Sache“, weiß die Seniorin, die viele Jahre in der „Ausspanne“ nicht nur hinter dem Tresen, sondern auch in der Küche am Herd gestanden hat.
Ihre Spezialität war das „Essen vom heißen Stein“, erzählt Marion Böhme. Die Gäste können dabei wahlweise Fleisch oder Fisch auf einem bis zu 300 Grad erhitzten Natur- oder Lavastein garen. Garniert wird das Ganze mit verschiedenen Sorten Gemüse und einer Auswahl an Soßen. Die 70-Jährige erinnert sich auch gern an die Anfangszeiten der TD Deutsche Klimakompressor GmbH (TDDK) in Straßgräbchen. Der damalige Geschäftsführer aus Japan habe jeden Freitag ein paar Kollegen in die „Ausspanne“ eingeladen – eben zum „Essen vom heißen Stein“.

Quelle: Ralf Grunert
Aber nicht nur das Angebot aus der Küche war eine Besonderheit der Gaststätte. Auch das Ambiente im Gastraum, das bis heute so gut wie unverändert geblieben ist, strahlt einen gewissen Charme aus. Kaum zu übersehen sind die Postkutsche und eine Postsäule. Der Postkutschermantel und die Peitsche sind erst auf den zweiten Blick erkennbar. Kleine Pferdeköpfe aus Messing runden das Gesamtbild einer „Ausspanne“ ab, wie sie auch auf der Gebäudefassade abgebildet ist – und wie es sie früher mal in Straßgräbchen gab.
„In der Nähe des heutigen Landgasthofes wohnte der letzte königlich Sächsische Postillion“, ist beim Blättern in einer alten Speisekarte zu erfahren. Dort steht auch, dass sich der Postillion namens Christian Pötsch 1849 in Straßgräbchen in einem sogenannten Pfaffenhaus niedergelassen hat. „Der Postverkehr wurde von der Sächsischen Landeshauptstadt Dresden über Königsbrück und Kamenz zur Landesgrenze nach Straßgräbchen geführt. Hier wurden die Pferde vor der Weiterfahrt nach Preußen gewechselt.“ Soll heißen: Die erschöpften Tiere wurden ausgespannt, die frischen Pferde eingespannt. Dieser historische Hintergrund wurde auf Anregung eines Bekannten für die Wahl des Namens „Zur Ausspanne“ gewählt, schildert Marion Böhme.
Biergarten idyllisch am Gartenteich gelegen
Seit rund zwei Jahren findet im Landgasthof, der auf einem rund 1800 Quadratmeter großen Grundstück steht, kein regelmäßiger Gaststättenbetrieb mehr statt. Die Inhaberin fühlt sich gesundheitlich nicht dazu in der Lage. Auch waren zuvor schon die Corona-Pandemie und der in Straßgräbchen erfolgte Straßenbau, der sich mit Vollsperrungen über Jahre hingezogen hat, dem Geschäft nicht gerade förderlich. Für Feiern kann das Haus an der Kamenzer Straße 16 allerdings nach wie vor gebucht werden. Neben dem Gastraum bietet sich das Kaminzimmer für solche Veranstaltungen an. Reichlich Platz bietet auch der idyllisch am Gartenteich gelegene Biergarten.
Gut gebucht sind derweil die fünf Pensionszimmer, ist zu erfahren. Unter der Woche übernachten hier vor allem Handwerker. An den Wochenenden zählen insbesondere Urlauber und Radwanderer zu den Gästen. „Viele kommen aus Dresden, aber auch aus den alten Bundesländern“, freut sich Marion Böhme über die Nachfrage. Aktuell sind unter den Pensionsgästen auffällig viele, die in die Lausitz gekommen sind, um die Krabat-Saga in der Krabat-Mühle in Schwarzkollm zu erleben.
In den geplanten Ansiedlungen von Industrie und Bundeswehr sieht die gebürtige Straßgräbchenerin Gästepotenzial für die Zukunft, insbesondere aber auch im Tourismus. Auf dem Grundstück der „Ausspanne“ sei Platz für Wohnmobile. „Dazu könnte man Frühstück anbieten.“ Die Errichtung von kleinen Bungalows oder Tiny-Häusern wäre ebenfalls denkbar. Im Trend sind Radtouren, bei denen die Radler mit Zelt unterwegs sind. Auch für diese Personengruppe komme die „Ausspanne“ als Übernachtungsstation infrage. „Das wäre sehr schön. Heutzutage geht ja so gut wie alles“, ist Marion Böhme zuversichtlich. Unter ihrer Regie werden diese oder andere Ideen allerdings nicht Realität werden. „Hier sollen ruhig andere zum Zug kommen. Je eher, desto besser“, so die 70-Jährige.
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