Das alte denkmalgeschützte Neukircher Bürogebäudes atmet Geschichte. Da steht auch der Schreibtisch des Firmengründers Max Hultsch. Die Gegenwart findet ebenso ihren Platz. Neben alten Reklameschildern und Zwiebackdosen sind modern verpackten Gebäck-Nachfolger drapiert. Der beeindruckende, antik wirkende Raum sollte eigentlich das Büro des neuen Chefs werden, Betriebsleiter Dennis Szymainski. Doch er war ihm zu groß. Inzwischen werden dort die Produkte der Neukircher präsentiert. Und der Neue lädt Besucher gern ein, am großen Tisch, der mitten im Zimmer steht, Platz zu nehmen.
Seit einem Jahr hat der 42-jährige Bäckermeister den Hut für die Neukircher Zwiebackproduktion auf. Oder sollte man besser sagen das Netzhäubchen? Denn die blütenweiße Kopfbedeckung nebst Kittel gehört bei Dennis Szymainski zum Outfit, wenn der Betriebsleiter in der Produktion unterwegs ist. Und das ist er oft.
Die Bilanz, die er für sein erstes Jahr in Neukirch zieht, ist positiv. Er hat eine Menge erreicht und noch viel mehr vor. Das Schwierigste an seinem neuen Job ist, dass da zu wenig Zeit ist, für die vielen Vorhaben. Zum Beispiel sei er „straff in Produktentwicklung unterwegs“. Aber auch Einkauf oder das Personalwesen wollen bewältigt werden. „Es ist nicht einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Aber ich bemühe mich.“ Inzwischen habe er sich in vieles reingefuchst. Und er versucht den Spagat zwischen Alltagspensum und Einsatz für Zukunftsvisionen hinzubekommen.
Mehr Zeit hätte Dennis Szymainski auch gern für den Lehrling, den sein Unternehmen zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik ausbildet. Es sei ein Versuch gewesen, erklärt der betriebsame Chef. Er sollte zeigen, ob die Kraft auch noch für Lehrlingsausbildung reicht. Inzwischen weiß er: Die Entscheidung war richtig. Der junge Azubi schlage sich wacker. „Er macht sogar schon selbstständig Teige“, freut sich der Betriebsleiter. Nächstes Jahr wolle man wieder einen Lehrling einstellen.
Die Produktion voranbringen
Die meiste Kraft und viel Geld steckte der Königswarthaer in den zurückliegenden zwölf Monaten in sein wichtigstes Ziel: Die Produktion voranzubringen. Dazu gehört auch, neue Erzeugnisse auf den Markt zu bringen. Denn Zwieback sei – gerade für jüngere Kunden – seit zwei, drei Jahren nicht mehr ganz so interessant. Viele greifen lieber zu Snack-Artikeln wie Chips und Co. Also sondierte Dennis Szymainski den Markt, schaute, was so alles in Supermarkt- Regalen steht und arbeitete danach monatelang an neuen Produkten. Er experimentierte mit Rezepturen, Backzeiten und Konsistenzen. Die ISM, die weltweit größte Messe für Süßwaren und Snacks, Ende Januar in Köln wird zeigen, wie die Neuen aus Neukirch ankommen. Jedes Jahr sollen künftig Neuheiten auf der ISM vorgestellt werden, so der Zwieback-Tüftler.
Einfach ist die Produktentwicklung keinesfalls. Große Konzerne haben dafür eine eigene Abteilung. Der Zwieback-Chef ist auf sich selbst gestellt, entwickelt im Kleinen, schmuggelt Bleche mit Versuchsbackwerk in den Ofen, wenn sich gerade eine Lücke auftut. „Das macht die Sache bisschen kompliziert.“ Nur um Verpackung und Vermarktung kümmert er sich nicht. Das übernimmt die Marketingabteilung im Mutterhaus der Weißenfelser Handelsgesellschaft. Das Tüfteln ist wichtig. Noch wichtiger sei aber die laufende Produktion. Immerhin bildet sie das Fundament der Firma. 28 verschiedene Sorten Zwieback und Röstbiskuit stellen die Neukircher her – in unterschiedlichen Größen, Qualitäten und Preislagen. Von klassisch bis hin zum Müsli-Vollkorn-Zwieback. Begehrt sind die Backwaren nicht nur in Deutschland, sondern u.a. auch in Dubai, Italien oder Holland. Damit die Kundschaft auch künftig Qualität bekommt, wurde in Technik investiert. Zum Beispiel bekam der Reiferaum eine neue Klimaanlage. Auch in Verpackung und Lagerkapazität soll noch Geld fließen. Danach werde sicher auch mal die Gebäudesubstanz an die Reihe kommen. „Alles auf einmal geht leider nicht. Wir haben immer bloß ein bestimmtes Budget.“
Von Manuela Paul
Foto: © Steffen Unger


