Großschönau. Wer im Internet die Suchbegriffe „Youtube“, „Merganteks“ und „Damino“ eingibt, stößt auf ein Video aus der Textilbranche. Darin wird dargestellt, wie der Damasthersteller aus der Oberlausitz im Firmenverbund des usbekischen Investors agiert, der den Großschönauer Traditionsbetrieb übernehmen wollte – was bisher allerdings gescheitert ist.
Gezeigt werden wogende Baumwollfelder, ihre Ernte, die Verarbeitung der Fasern, bis hin zu Szenen aus der Produktion. Bunte Stoffe für viele verschiedene Verwendungszwecke. Es gibt Bilder von Produktionshallen und Maschinen in langen Reihen. Hell und modern – „from Seed to Shirt“, wie es im Begleittext heißt. Zu deutsch: Vom Samen bis zum Hemd, was die komplette Produktionskette verdeutlichen soll.
Damino taucht schon in usbekischem Firmenvideo auf
Das Geschäftsmodell wird mit „Vertical Textile Production“ beschrieben – danach befinden sich alle Stufen der Wertschöpfungskette unter einem Dach. Als eine der dazugehörigen Marken wird auch Damino aufgeführt. Gezeigt werden schöne Bilder aus der Produktion und von den Erzeugnissen des Damastherstellers.
Zu voreilig? Das Video wurde offenbar vor mehr als einem Monat ins Internet gestellt. Damals galt die Übernahme von Damino durch die usbekische Zarhal Group noch als ziemlich sicher. Geschäftsführer Sandro Strack hatte Ende April darüber ausführlich bei einem Besuch der Mittelstandsvereinigung in dem Werk berichtet.
Merganteks und Zarhal sind nach SZ-Recherchen zwei Riesen der usbekischen Textilindustrie und eng miteinander verknüpft. Die Firma aus dem zentralasiatischen Land hatte im Rahmen des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung einen Investorenvertrag unterschrieben und die Hälfte des Kaufbetrages angezahlt. Die andere Hälfte sollte fließen, sobald die Gläubigerversammlung den Insolvenzplan des Großschönauer Betriebes bestätigen würde.
Warum es konkret nicht zur angedachten Abwicklung des Verfahrens kam, ist nicht bekannt. Allerdings kam der Prozess ins Rollen, der zum Aus des Oberlausitzer Traditionsbetriebes und zur Kündigung all seiner Mitarbeiter führte.
Ihre Botschaft war, dass sie am Produktionsstandort Großschönau weiter interessiert sind. – Frank Peuker, Bürgermeister von Großschönau zum überraschenden Besuch des usbekischen Investors
Wie die SZ erfuhr, mussten sich die Usbeken nach dem Scheitern des Insolvenzplanes neu aufstellen, die Finanzierung funktionierte in der Kürze der Zeit nicht. Daraufhin musste wiederum Damino reagieren. Um keine Insolvenzverschleppung zu riskieren, wurde ein regulärer Insolvenzantrag gestellt. Die Gläubiger entschieden anschließend, den Geschäftsbetrieb einzustellen.
Laut Dirk Eichelbaum, dem zweiten Damino-Geschäftsführer, gibt es derzeit „keine konkrete Hoffnung“, dass es am Standort in Großschönau nach der Schließung zum 1. Juni irgendwann weitergeht. Zwar bemüht der Manager mit „man sollte nie nie sagen“ eine Floskel, die noch einen Rest Zuversicht ausdrücken soll. Gleichzeitig betont er aber, dass die Fortsetzung der Produktion allein vom Zeitablauf gar nicht möglich sei. Denn: Die Beschäftigten sind weg, der Maschinenpark steht zum Verkauf. Vielleicht gebe es aber einen Interessenten, der auf sinkende Preise gewartet habe, um dann zuzuschlagen.
Nach Damino-Aus könnte Abwasserpreis in die Höhe schnellen
Bürgermeister Frank Peuker (parteilos) hat das Geschehen um den einstigen Vorzeigebetrieb „komplett erschüttert“ verfolgt. Vom Aus habe er nicht direkt, sondern aus der SZ erfahren, sagt er. Mit dem Produktionsstopp von Damino gehe eine rund 360-jährige Tradition im selbst ernannten Textildorf zu Ende. Und es zeichnen sich Folgen ab, die den gesamten Ort betreffen.
Damino war neben Frottana der größte Abwassereinleiter in das Klärsystem. Das Gemeindeoberhaupt beziffert die Menge mit einem Viertel des Gesamtaufkommens. Gerade wegen des großen Volumens war die Abwasserklärung in Großschönau bisher äußerst günstig, der von Einwohnern und Gewerbebetrieben zu zahlende Preis einer der niedrigsten in Sachsen.
Wir handeln derzeit Sozialplan und Interessenausgleich aus. – Uta Appelt, Vorsitzende des Betriebsrates von Damino
Das wird sich perspektivisch ändern. „Wir haben erst vor Kurzem den Abwasserpreis bis 2029 kalkuliert“, erklärt Peuker. Unter den veränderten Bedingungen müsse man diese Berechnungen jedoch abbrechen und nachkalkulieren. „Tun wir das nicht, läuft über die Jahre ein Defizit auf. Dann gäbe es in drei Jahren einen exorbitanten Sprung nach oben.“
Ganz aufgeben will Frank Peuker die Hoffnung auf eine Zukunft der Damastweberei in Großschönau aber nicht. Überraschend hatten sich für den vergangenen Mittwochnachmittag vier Vertreter des usbekischen Investors bei ihm angekündigt und dafür 500 Kilometer Anfahrt in Kauf genommen.
Seit 2023 kooperieren die Usbeken mit der über 190-jährigen Weberei Langheinrich in Schlitz nahe des hessischen Fulda. Seitdem lässt das deutsche Traditionsunternehmen in Buchara produzieren und unterhält am Stammsitz nur noch einen Teil der Verwaltung.
„Ihre Botschaft war, dass sie am Produktionsstandort Großschönau weiter interessiert sind“, berichtet der Bürgermeister. Allerdings scheint unklar, wie die Umsetzung praktisch funktionieren soll. Nach SZ-Recherchen gibt es Überlegungen, vor Ort eine neue Firma zu gründen und den Maschinenpark – wenn er denn verkauft würde – zu leasen. Angeblich besteht die Hoffnung, dann auch die gerade entlassenen Mitarbeiter zurückgewinnen zu können. Die Markenrechte haben sich die Usbeken schon gesichert.
Die Beschäftigten vertrauen vorerst ihrem Betriebsrat. Vorsitzende Uta Appelt: „Wir handeln derzeit Sozialplan und Interessenausgleich aus.“ Ob es allerdings zu Auszahlungen kommen wird, hängt vom Verkauf des Firmenvermögens und der gesamten Gläubigermasse ab. Viele der rund 80 gekündigten Maschinenanlagenfahrer, Weber, Mechaniker, Logistiker und Bürokräfte hätten 30 oder gar 40 Jahre bei Damino verbracht und seien jetzt um die 60 Jahre. „Für sie ist es natürlich tragisch, im ‚Herbst‘ ihres Erwerbslebens noch den Job zu verlieren.“
Klarer ist dagegen die Zukunft des Fabrikverkaufs von Damino. „Wir werden ihn über den 1. Juni hinaus weiter öffnen, solange es ein Sortiment gibt und Restbestände aus der Produktion zu verkaufen sind“, so Geschäftsführer Eichelbaum.
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