Von Fabian Deicke und Nora Miethke
Dresden. Drei Jahre Bauzeit, schneller fertig als geplant, 1000 neue Arbeitsplätze, fünf Milliarden Euro Investition – das ist ein Großprojekt. Und noch dazu eins, bei dem nicht reflexartig zuerst darüber gesprochen wird, was alles schiefgegangen ist. Die bevorstehende Eröffnung der vierten Fabrik des Halbleiterkonzerns Infineon Technologies AG in Dresden am 2. Juli verdeutlicht: Deutschland kann es noch.
Für Thomas Richter ist die nagelneue „Smart Power Fab“ aber noch weit mehr als ein erfolgreich abgeschlossenes Bauprojekt. Der Geschäftsführer von Infineon Dresden hat vor etwas mehr als 30 Jahren in der Halbleiterindustrie angefangen. Mitte der 1990er war er dabei, als in Dresden zum ersten Mal auf der Welt die industrielle Produktion von Mikrochips auf 300-Millimeter-Wafern erfolgte. Für die Branche war das ein Meilenstein, für Sachsen der Beginn des Aufstiegs zu einer weltweit führenden Region in der Halbleiterproduktion.
Für den 52-Jährigen fühlt es sich so an, als würde sich ein Kreis schließen. „Ich darf jetzt zum dritten Mal an diesem Standort eine Erweiterung mit begleiten. Das macht mit mir persönlich etwas, dass ich diese Erfolgsgeschichte immer wieder mit begleiten und vielleicht ein Stück weit auch mitschreiben durfte“, sagt Richter im Podcast „Thema in Sachsen“ von Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung.
Den Podcast gibt es auch auf Spotify und Apple Podcasts.
In dem exklusiven Interview vor der Fabrikeröffnung geht es aber nicht nur um persönliche Erinnerungen des Managers, sondern vor allem um die Zukunft des Standorts und die damit verbundene Chance, in einer wirtschaftlich angespannten Gesamtsituation in Deutschland, auf der Gewinnerseite zu stehen. Das Gespräch dreht sich um die Kernfrage: Warum kommt die „Smart Power Fab“ genau jetzt zur richtigen Zeit?
KI-Boom beflügelt Hochfahren der neuen Fabrik
Richter hat auf die Frage mehrere Antworten. Die für den Erfolg des Standorts ausschlaggebende sei, dass man in der Produktion jetzt schnell und flexibel Änderungen vornehmen könne. „Wir werden in kürzester Zeit in der Lage sein, in dieser Fabrik zwischen beiden Teilen unseres Produktportfolios hin und her zu schalten“, erklärt er. Das klingt „smart“ und: „Das verbirgt sich auch hinter der Begrifflichkeit Smart Power Fab“, so Richter.
Wir werden wirklich an unsere Grenzen gehen. – Thomas Richter,, Geschäftsführer Infineon Dresden
Vor allem aber komme die Fabrik zur richtigen Zeit, weil die Nachfrage nach Halbleiterprodukten im Zuge des KI-Booms gerade explodiere. Die US-amerikanische Semiconductor Industry Association, der wichtigste Halbleiterverband in den USA, und die weltweite Beraterfirma Deloitte haben kürzlich errechnet, dass über die nächsten rund zweieinhalb Jahre weltweit etwa 4000 Milliarden Dollar in den Aufbau von KI-Rechenzentren investiert werden. Davon wiederum fließen bis zu 2800 Milliarden Dollar allein in Halbleitererzeugnisse. 2800 Milliarden Dollar, das entspricht ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt Italiens.
Von diesem Riesenkuchen ein großes Stück abzubekommen, davon kann Infineon ausgehen. Die Firma stellt Mikrochips für die Energieversorgungssysteme von Rechenzentren her. Für das Hochfahren der 1000 Maschinen im neuen Reinraum, der sich über zwei Etagen auf einer Fläche größer als drei Fußballfelder erstreckt, bedeutet das: „Wir werden wirklich an unsere Grenzen gehen.“ Richter sieht die Eröffnung der neuen Fab gleichsam als Startschuss für die nächste Phase des Großprojekts. „Je besser uns das Hochfahren gelingt, desto besser für Infineon.“
Wachstum der Chip-Branche eine „Riesenchance“ für Sachsen
Was Richter dabei immer mitmeint, ist, wie der Erfolg seiner Firma und der anderer Halbleiterproduzenten in Dresden und Umgebung die ganze Region wirtschaftlich aufwertet. Auf die Frage, warum die Fab zur rechten Zeit komme, hat der gebürtige Chemnitzer auch eine für das Bundesland Sachsen optimistisch stimmende Antwort: „Wir wachsen! Das ist eine Riesenchance, insbesondere gegenüber anderen Regionen in Deutschland.“

Quelle: Getty Images
Schließlich kommt das Interview mit Blick auf einen angespannten Fachkräftemarkt zu der Frage, wer die 1000 neuen Arbeitsplätze in der neuen Fab besetzen soll. Richter sagt: „Bereits heute arbeiten am Dresdner Standort Menschen aus mehr als 50 Nationen.“
Für den Geschäftsführer sei die internationale Fachkräftegewinnung deshalb kein „Nice-to-have“, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. „Es ist tiefste und innerste Überzeugung, dass nur genau mit dieser Arbeitsmigration Deutschland und die deutsche Industrie eine Chance haben. Wir werden diese Fachkräfte brauchen. Was heißt werden? Wir brauchen sie jetzt schon.“

Quelle: Infineon Technologies Dresden AG & Co. KG
Auch bei der Frage, wie Infineon mehr Frauen und Mädchen im Schülerinnenalter für Technikberufe begeistern will, sieht Richter Lösungen und hat klare Ziele. Welche, das sagt er im Podcast.
Warum Infineon mehr Frauen für Technikberufe begeistern will
Auch deshalb werbe Infineon längst nicht mehr nur in Sachsen oder Deutschland um Nachwuchs. Gleichzeitig setzt das Unternehmen verstärkt auf eigene Ausbildung und möchte insbesondere mehr junge Frauen für technische Berufe begeistern. Der Frauenanteil am Standort liegt derzeit bei etwas mehr als 20 Prozent. Für Richter ist das zu wenig. „Wenn es nach mir geht, müssten die Teams noch diverser besetzt sein“, sagt er und erzählt schließlich, wieso ein Job in der Halbleiterindustrie nicht nur lukrativ, sondern auch sinnstiftend sei.
Außerdem Kernfragen des Gesprächs:
- Warum müssen Unternehmen im Milliardenmarkt Chip-Industrie für den Bau von Fabriken immer noch mit Steuermitteln gefördert werden?
- Wieso soll ein weiteres Bestehen des Dresdner Flughafens für das Cluster Silicon Saxony unerlässlich sein?
- Wie können sich Halbleiterproduzenten beim Lösen struktureller Probleme im Zuge ihres Wachstums einbringen? Stichworte: Mietpreisentwicklung und Wohnungsmangel
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