Von Nora Miethke
Delitzsch/Görlitz. In Tagebauen, Kraftwerken und technischen Betrieben arbeiten überwiegend Männer. Mit dem Kohleausstieg 2038 gehen daher vor allem männlich geprägte Arbeitsplätze verloren. Milliardeninvestitionen von Bund und Ländern sollen neue Arbeitsplätze schaffen. Doch welche Chancen ergeben sich bei den Strukturwandelprojekten für Frauen? Denn es gilt noch eine andere Herausforderung zu bewältigen: Die Abwanderung junger Frauen zu stoppen beziehungsweise den „Männerüberschuss“ bei jungen Menschen im Osten von bis zu 25 Prozent zu reduzieren.
Große Hoffnungen setzen Politik und Wirtschaft auf Forschung und Innovation. Gerade in wissenschaftlichen Einrichtungen entstehen vielfältige Tätigkeiten – von Forschung und Lehre bis hin zu Verwaltung und Projektkoordination. Experten sehen hier besonders gute Beschäftigungschancen für Frauen.
Eine, die diese Chance ergriffen hat, ist Maria Haupt. In Berlin geboren, Physikstudium in Potsdam, Promotion am DESY Zeuthen im Bereich Astroteilchenphysik, stieg die 36-Jährige in der Konzeptionsphase beim Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA) in Görlitz ein und arbeitet im Leitungsstab. Es war eine bewusste Entscheidung, nach der Abschluss der Promotion und Rückkehr aus der Elternzeit die reine Wissenschaft zu verlassen. Ein zentraler Faktor für den Wechsel war die schwierige Planbarkeit angesichts immer wieder befristeter Arbeitsverträge und erwarteter internationaler Mobilität. „Das Wissenschaftssystem kann schon hart sein“, sagt die vierfache Mutter. Die Familie zog 2023 von Berlin nach Görlitz. Ihr Mann gab dafür eine Festanstellung auf und ist inzwischen ebenfalls am DZA tätig.
Berufliche Kontakte haben den Start an der Neiße erleichtert und die Kinder sorgten über Schule, Kita und Vereine für neue private Kontakte. Anfangs spürte Maria Haupt bei den Görlitzern eine gewisse Zurückhaltung, doch inzwischen hat die Familie auch sehr gute Freunde aus der Stadt. „Görlitz ist zwar als Wissenschaftsstandort begrenzt, aber die Kinder sind entspannter. Wir fühlen uns gut aufgehoben“, sagt Haupt. Für die Stadt als Arbeits- und Lebensort sprechen die familienbezogenen Vorteile wie kurze Wege und weniger Großstadtstress. Der Umzug nach Görlitz brachte Haupt zu ihrem alten Leistungssport zurück, dem Eiskunstlauf. Sie engagiert sich jetzt zweimal die Woche ehrenamtlich als Trainerin beim TSV Cunnersdorf.
Als Entwicklungsfelder nennt sie die mangelnde Vernetzung mit anderen Instituten. „Das könnte noch an Fahrt aufnahmen“, so Haupt. Auch der Ausbau von Transfer- und Gründungsaktivitäten könnte längerfristig die Bleibeperspektiven verbessern. Denn wenn man das DZA verlassen würde, wären die beruflichen Perspektiven begrenzt. Auch eine bessere digitale Infrastruktur und Verkehrsanbindung seien von hoher Bedeutung. „Wir sind im Zentrum Europas, doch von Ost nach West zu kommen, gleicht einer Odyssee“, sagt die Wissenschaftsmanagerin. Das geplante Untergrundlabor sei derzeit ohne Auto schwierig zu erreichen.
Kurze Wege und bezahlbarer Wohnraum
Die Aufgabe von Anna Dunkl ist es, genau das herauszufinden. In einem Projekt erforscht sie, welche Arbeitsbedingungen für den Zuzug von Fachkräften in die Lausitz relevant sind. Die 33-Jährige arbeitet seit Juli 2025 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Transformationsforschung am DZA. Sie soll den Strukturwandel sozialwissenschaftlich begleiten und die Vernetzung vor Ort unterstützen. Anna Dunkl lebt in Leipzig und pendelt zu ihrem Zweitwohnsitz nach Görlitz. Einen Umzug kann sie sich gerade nicht vorstellen, „ich bin noch sehr verbunden in Leipzig“, sagt sie.
Anna Dunkl betreut unter anderem das Projekt „Probewohnen“ – mietfreies Wohnen für Mitarbeitende auf Zeit. Im Anschluss befragt sie die Teilnehmenden zu ihren Erwartungen und Erfahrungen. Die Stärken von Görlitz seien kurze Wege, die schöne Stadt, bezahlbarer Wohnraum, unkomplizierte Wohnungssuche sowie viele Initiativen und gute Kultur- und Sportangebote.
Speziell zum DZA wird ihr ein starkes Gefühl des Willkommenseins widergespiegelt. Sie erlebe viel Zufriedenheit am DZA mit Vereinbarkeitsthemen. Als Handlungsfelder werden immer wieder die schwierige Verkehrsanbindung und medizinische Versorgung als Problem genannt. Auch erschwerten Arbeitsplatzfragen für Partner den Umzug von Familien, berichtet Dunkl. DZA-Geschäftsführerin Katharina Henjes-Kunst ist das bewusst. Sie kündigte auf einer Veranstaltung in Hoyerswerda an, dass Frauen am DZA gezielt gefördert und auch Doppelkarrieren ermöglicht werden sollen, je größer das Großforschungszentrum in den kommenden Jahren wird. Der klare Wille, strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern abzubauen, sei auf jeden Fall da, so Dunkl. Sie ist optimistisch, dass das DZA wirklich eine große Chance für Frauen ist. In Forschungseinrichtungen dieser Größenordnung kämen in der Regel zwei Drittel der Stellen aus dem wissenschaftsunterstützenden Bereich. „Das DZA bietet wirklich zum ersten Mal auch langfristige, gute Jobs für Fachkräfte“, sagt Dunkl. Eine Wissenschaftlerin habe ihr erzählt, dass sie nie gedacht hätte, wieder in der Lausitz als Wissenschaftlerin arbeiten zu können. Für ihre Familie hatte sie das aufgegeben und konnte in die Forschung zurückkehren, weil das DZA gegründet wurde.
Frauen entwickeln in Delitzsch die neue Chemie mit
Ganz ähnliche Erfahrungen machen auch die Frauen am Großforschungszentrum „Center for the Transformation of Chemistry“ (CTC), das im Mitteldeutschen Revier entsteht. Dr. Juliane Adler hilft als „Scientific Talent Managerin“ unter anderem bei der Suche zukünftiger Talente. Die 40-jährige Physikerin hörte 2023 einen Vortrag von Professor Peter Seeberger, dem Initiator und wissenschaftlichen Geschäftsführer des CTC. „Ich fand die Mission so toll und hoffte, dass dort Leute für Wissenschaftskoordination und ähnliches gesucht werden. Als ich die Ausschreibung für meine heutige Stelle sah, habe ich mich sofort beworben“, erzählt sie. Am Großforschungszentrum findet sie für sich selbst „eine bestimmte Kontinuität im Wissenschaftsbetrieb“, die ihr wichtig ist. Auch reizt sie sehr, den Aufbau eines so großen Forschungszentrums von Anfang an mitgestalten zu. Zuvor arbeitete sie an der Universität Leipzig.
Die gebürtige Delitzscherin Sarah Kilz ist nach dem Abitur bewusst weggegangen, „mit dem Ziel, Leben und Beruf an einem anderen Ort aufzubauen“. Die studierte Sozial- und Verwaltungswissenschaftlerin arbeitete einige Jahre in Osnabrück, Potsdam und Berlin, bevor sie dann vor 15 Jahren aus familiären Gründen doch in die Region zurückkehrte. „Zu der Zeit war Leipzig für mich als Sozialwissenschaftlerin kein attraktiver Standort, um einen erfüllenden und meinen Qualifikationen entsprechenden Job zu finden“, sagt die 38-Jährige. Die Kinderbetreuung war zwar super, aber es gab kaum Arbeitgeber, die junge Mütter einstellten und ihnen Vertrauen zeigten, schildert sie ihre Erfahrungen.
2019 wechselte sie in die Forschung und stellte fest, wie wenige Forschungsergebnisse es auf den Markt schaffen. Für sie ist das Reizvolle an ihrer jetzigen Position als Business Development Managerin im Technologietransfer am CTC, ihre Leidenschaft für Forschung mit ihren Kenntnissen aus der Wirtschaft zu verknüpfen, um das zu ändern. „Diese Möglichkeit zu haben und eigene Impulse in einer sich im Aufbau befindenden Forschungseinrichtung einbringen zu können, ist eine einmalige Chance“, sagt die zweifache Mutter.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für viele Frauen eine Grundvoraussetzung, um zu arbeiten. Die schlechten Erfahrungen in ihren ersten Leipziger Jahren führt Sarah Kilz auch auf die Kleinteiligkeit der sächsischen Wirtschaft zurück. Es fehlen Großunternehmen, die das besser strukturieren können. Auch wenn das CTC als Großforschungszentrum langfristig 1.000 Arbeitsplätze in Mitteldeutschland bieten soll, ist es derzeit mit 63 Beschäftigten (davon 26 Frauen) eher ein mittelständisches Unternehmen. „Dennoch wird Gleichstellung bei uns von Anfang an als strategische Aufgabe gesehen und in allen Bereichen von Wissenschaft bis Administration bedacht“, betont Personalleiterin Christin Büscher. Nur ein Beispiel sei die kontinuierliche Erfassung anonymisierter Daten für alle Karrierestufen.
Juliane Adler und Sarah Kilz können das bestätigen. Sie schätzen beide die Freiheit, Entwicklungsperspektiven und die Flexibilität, die ihnen ermöglicht wird. Auf die Frage, worauf es noch ankommt, damit Delitzsch und der zweite CTC-permanente Standort Merseburg attraktive Arbeitsorte für hochqualifizierte Frauen werden, sieht Sarah Kilz vor allem zwei Dinge: eine bessere Verkehrsinfrastruktur mit mehr Bahn- und Flugverbindungen. „Und das zweite ist Internationalität, dass man die Bevölkerung darauf vorbereitet, dass Forschung Internationalität bedeutet“, sagt sie und meint damit konkret, dass Dienstleistungen etwa in Bürgerämtern auch in auf Englisch angeboten werden.
Die gesellschaftlichen Folgen der starken Abwanderung qualifizierter Frauen nach der Wende machen sich jetzt bemerkbar mit fehlendem Nachwuchs und Männerüberschuss. Bis heute verlassen in Sachsen mehr junge Frauen als junge Männer ihre Heimat im ländlichen Raum, um in Großstädten zu studieren.
Deshalb will das CTC frühzeitig in Schülerlaboren Kinder und Jugendliche sensibilisieren, dass Chemie und Mint-Fächer allgemein spannend sind. „Die Schüler und vor allem auch Schülerinnen können dann potenziell Mitarbeitende am CTC werden“, so Juliane Adler, die die Schülerlabore gemeinsam mit dem Team der Akademie für Chemie-Transformation aufbaut. Sie gibt ehrenamtlich Nachhilfe in naturwissenschaftlichen Fächern. „Da bekomme ich mit, dass vor allem Chemie-Lehrkräfte fehlen und oft dieses Fach zuerst ausfällt“, sagt sie. Dem sollen die Schülerlabore etwas entgegenwirken.


