Suche
Suche

Ein Spiel aus der Schublade voller Ideen

Zwei Dresdner haben mit „Unimory“ eine Memory-Version entwickelt, die auch blinde und schlecht sehende Menschen spielen können. Dafür wurden sie mehrfach ausgezeichnet.

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Frau zeigt zwei Spielelemente
Jessica Haustein ist Preisträgerin des "Mission Awards" des Freistaates Sachsen 2025, sie hat das Gedächtnisspiel Unimory entwickelt. Foto: Veit Hengst

Von Irmela Hennig

Dresden. Ein Spielbrett aus Pappe mit nummerierten Feldern. Und rohe Eier als „Spielsteine“, die man darauf drehen musste – die erste Spiele-Entwicklung von Jessica Haustein war nicht wirklich serientauglich. Das Projekt aus Kindertagen blieb denn auch ein Prototyp. Doch eine Idee aus Studienzeiten hat die heute 45-Jährige inzwischen so weit vorangebracht, dass man sie als tatsächliches Spiel kaufen kann. „Unimory“ heißt es. Ist eine besondere Variante von Memory, jenem Spiel, bei dem man unter vielen verdeckten Karten passenden Paare finden muss. Die Version von Jessica Haustein kommt ohne Bilder aus. Stattdessen gibt es 24 runde Spielsteine mit verschiedenen sicht- und zudem fühlbaren Mustern. Sie werden mit der einheitlichen Rückseite nach oben auf den Tisch gelegt, dann wie beim klassischen Memory aufgedeckt. Wer zwei gleiche Muster erkennt – ob mit den Augen oder per Tastsinn – darf das Pärchen behalten.

Ein Familienschicksal brachte die vierfache Mutter auf diesen Einfall. Eines ihrer Kinder habe gern mit dem Großvater Memory gespielt. Allerdings sei der Opa dann an Makuladegeneration erkrankt, konnte immer schlechter sehen. Mit Aufdecker war es darum vorbei. „Wir haben uns dann umgeschaut, was es auf dem Markt für solche Situationen an Alternativen gibt“, so Jessica Haustein. Fündig geworden, sei man nicht. Also entstand der Plan, so etwas selbst zu entwerfen. Die Gelegenheit und Freiheit dafür brachte ein Lern-Modul namens „Design & Poesie“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Dresden. Dort hatte die gelernte Hotelfachfrau 2016 ein Designstudium begonnen – als die Kinder größer waren und sie das Abi nachgeholt hatte. Als sie selbst Kind war, hat Jessica Haustein viel gezeichnet. Hat zudem jedes Gerät auseinandergeschraubt. „Ich wollte wissen, was wie funktioniert“, erinnert sie sich. Und so schien die Fachrichtung Design für sie zu passen.

Hilfe aus der Ideenwerkstatt
Wer Jessica Haustein zuhört, begreift den Studiengang als eine Welt, in der junge Menschen Schubladen voller Ideen ansammeln. „Die umzusetzen, dafür reicht ein Leben nicht aus“, so die Sächsin, die längst ihren Master in der Tasche hat und nun vier Tage die Woche als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HTW tätig ist. Und „Unimory“, der Name verbindet „universell“ und „Memory“, wurde realisiert. Auch mithilfe von 7.500 Euro aus dem Fördertopf der HTW-Ideenwerkstatt „Lab X“. Mit dem Geld bezahlte die Nachwuchs- Designerin unter anderem die Fertigung einer ersten Spritzgussform für ihre Steine. Später gab es weitere Zuwendungen. Mit der Hilfe von zunächst zwei Studienkollegen, Lara Neustadt und Jonathan Meuer, wurden Testversionen und Prototypen immer mehr zum echten Spiel. Während Lara später aus zeitlichen Gründen ausstieg, sorgte Jonathan Meuer beispielsweise mit dafür, dass sich „Unimory“ heute gut herstellen lasse und optisch was hermache. Die Idee für das Spiel fand er von Anfang an cool. „Es ist etwas Neues und etwas, das vielen helfen kann“, so der 29-Jährige. Zusammen haben die beiden dafür schon mehrere Preise bekommen. Unter anderem einen von sechs „Mission Awards“. Das ist der mit je 5.000 Euro dotierte sächsische Staatspreis für Design.

Es sei eine von wenigen Auszeichnungen in diesem Bereich, der überhaupt finanziell untersetzt sei, so Jonathan Meuer, der in der Vergangenheit schon zweimal für die Ehrung nominiert gewesen ist. Hier treffe eine Jury mit Sachverstand die Von Irmela Hennig Auswahl. Für andere Designpreise müssen die Bewerber zahlen. Meuer lobt am Award auch, dass er einen Netzwerkeffekt bringe, man Menschen kennenlerne. Die Einbindung von Studenten sei zudem groß, und überdies die Anbindung an die Industrie. „Der Preis ist wohl auch ein Grund dafür, dass es überhaupt so viel Design in Sachsen gibt“, vermutet der gebürtige Dresdner, der mittlerweile im Sauerland einen Job im Bereich Industriedesign hat. „Unimory“ habe er noch als Freiberufler mitentwickelt. „Auch wenn es nach einem sehr einfachen Produkt aussieht, ist es technisch komplex. Wir haben zwölf unterschiedliche Oberflächen- Geometrien“, beschreibt Meuer. Bei der Herstellung habe das die Spritzgussdienstleister über ihre Grenzen gebracht. Denn die Produktion müsse in Serie ohne viel Ausschuss klappen. Als Material nutzen die Designer Re-Wood von der Firma Wissner aus dem hessischen Bensheim. Das besteht zu 80 Prozent aus Holzspänen und zu 20 Prozent aus Recyclingkunststoff und lasse sich auch selbst wiederverwerten. Die Re-Wood-Steine können zudem in die Spülmaschine und seien lebensmittelecht.

Auf dem Striezelmarkt vor Ort
Im Januar 2024 hat Jessica Haustein – allein – das Unternehmen „Unimory Spiele“ gegründet. Sie trage das Risiko, habe viel eigenes Geld in das Projekt gesteckt. Sie hat einen Online-Shop konfiguriert, war auf Messen. Ist an Verbände herangetreten, bei denen so ein barrierefreies Angebot Anklang finden könnte. Hat sich an regionale Bibliotheken gewandt – die Dresdner habe vier Spiele bestellt. Im sogenannten „Offlineshop“ in der Königsbrücker Straße Dresden hat sie ein Regal gemietet, bietet „Unimory“ dort an. Und vom 17. bis 24. Dezember ist ihr Spiel zu haben in der Newcomer- Hütte auf dem Striezelmarkt. Die Gründerin will ihr Produkt nun bekannter machen, an Menschen bringen, für die es durch Inklusion einen Mehrwert bringe. Und sie will weitere Spiele in dem Sinne entwickeln. Für „Unimory“ plant sie mit Jonathan, eine Erweiterung zu schaffen, damit es schwieriger und vielseitiger werde. Haustein überlegt, es „großhandelstauglich“ zu machen. Die bisherige Auflage mit 5000 Stück sei dafür zu klein. Ihre Familie helfe beim Projekt ehrenamtlich mit. Sei stolz auf das, was die Ehefrau, Mutter und Tochter geschaffen habe. Der Opa allerdings sei verstorben und habe „Unimory“ nicht mehr ausprobieren können. „Aber den Prototyp hatte er noch in der Hand“, so Jessica Haustein. Sie hat die finale Version inzwischen auf einer Reha-Messe präsentiert. „Dort“, so sagt sie, „konnten wir viele Menschen damit sehr glücklich machen.“

Das könnte Sie auch interessieren: