Von Ulrich Langer
Leipzig. Weltenbummlerin – das umschreibt es wohl am besten, wenn von Hiltrud Dorothea Werner die Rede ist. „Na ja, irgendwie stimmt es. Immerhin bin ich in meinem Leben schon 17-mal umgezogen“, gibt sie zu. „Das ist vor allem durch die häufigen beruflichen Veränderungen so gekommen,“ sagt Werner, die noch bis Ende Januar 2022 als Vorstandsmitglied für Integrität und Recht im Wolfsburger Volkswagen- Konzern agierte – seit Februar 2017. Dass sie seit November 2021 den Aufsichtsrat der Mitteldeutschen Flughafen AG anführt, trifft noch besser ihren Globetrotter-Nerv. Sie strotzt vor Agilität. Oft auf Achse sein mit dem Anspruch, etwas zu bewegen, zu gestalten, ist das Lebensmotto der 59-Jährigen. Und das kommt den beiden Airports Leipzig/Halle und Dresden, die unter dem Dach der Aktiengesellschaft vereint sind, seit vier Jahren zugute. „Unser Ziel ist die Stärkung der Standorte und ganz Mitteldeutschlands für die wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung“, umreißt die Chefin die Herausforderung.
Das zu erreichen, „erfordert natürlich Ausdauer“, weiß die Ökonomin. Eine Eigenschaft, die sie schon seit früher Jugend auszeichnet. „Ich stamme aus einer kirchlichen Familie, durfte also zu DDR-Zeiten nicht auf die Erweiterte Oberschule, um das Abitur zu machen.“ Für sie kein Grund aufzugeben. „Da habe ich eine Berufsausbildung mit Abi in Mühlhausen absolviert.“ So sei sie 1985 Facharbeiterin für Textiltechnik geworden, erzählt Werner, die in Bad Doberan nahe Rostock geboren wurde und ab 1971 als damals Fünfjährige in Apolda aufwuchs. An der Martin-Luther-Universität in Halle studierte sie „Mathematische Methoden und Datenverarbeitung in der Wirtschaft“, schloss dort mit Diplom ab. „Ich bin selbst die Drehbuchautorin meines Lebens selbst“, betont sie und fügt hinzu: „Bei Weitem wurde nicht alles vorgeschrieben in der DDR, wie oftmals noch heute klischeehaft behauptet wird.“
Begegnungen und Verbindungen jeder Art
Diese Durchsetzungskraft ist ihrem ganzen beruflichen Werdegang zugutegekommen. Als Softwareentwicklerin war sie beim einstigen IT-Dienstleister Softlab mit Projekten in München, San Francisco, Amsterdam und Wien aktiv, oder beim Autoriesen BMW als Revisionsverantwortliche für Großbritannien und Irland zwischen Oxford, Birmingham, Bracknell und Goodwood pendelnd, später für die BMW Group in München, aber auch als Leiterin der Internen Revision an zahlreichen Standorten des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen, oder schließlich als Vorständin beim Autokonzern VW. Allein diese Auswahl macht ihre Globetrotter- Mentalität deutlich. „Eigentlich begann alles schon mit meiner Diplomarbeit“, erzählt die Mutter zweier erwachsener Kinder. „Damals habe ich über die Logistik der Chemiewerke Buna in Schkopau geschrieben. Jetzt bin ich bei der Flughafenholding gelandet, da schließt sich der Kreis.“ Denn Logistik – „sie war schon immer ein Herzens-Thema“ – bedeutet ja übersetzt Optimierung von Güter- und Personenströmen. „Der Flughafen-Job ist ein großes Glück für mich. Hier geht es ja nicht nur um Verkehr und Infrastruktur. Vielmehr sind Begegnungen, Bewegungen, wirtschaftliche Verbindungen der Kern. Ja, ein Airport ist eine enorm wichtige Lebensader“, schwärmt Werner. Sie kämpfe mit Herzblut dafür, dass es an den Luftfahrtzentren Leipzig/Halle und Dresden bald wieder aufwärts geht. Sie fühle sich dabei beileibe nicht als Aufpasser, wenngleich der Begriff Aufsichtsrat dies vermuten lässt. „Ich verstehe dieses Gremium – wir sind insgesamt 15 Mitglieder – als strategischen Begleiter und Berater des Vorstandes.“ Dabei sei eine der schwierigsten Herausforderungen, zu sehen, was fehlt, wohin die Reise gehen soll, und nicht nur zu beurteilen, was da ist. „Dazu ist ein 360- Grad-Blick erforderlich. Wir agieren fern vom Tagesgeschäft. Es kann ja durchaus vorkommen, dass eine Unternehmensführung im Alltag den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.“
Sie und ihre Mitstreiter müssten den Überblick behalten, um langfristige Impulse geben zu können. „Das bedeutet vielfältige Gespräche mit den Vorständen, regelmäßige Abstimmungen und häufige Beratungen mit Fachleuten“ – aus den Landesministerien ebenso wie etwa vom Bundesverband Luftfahrt oder dem Flughafenverband ADV (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen). Für die sächsischen Standorte sieht sie gute Chancen. Leipzig/ Halle zeichne sich aus als europäischer Frachthub mit industrieller Perspektive. „Rund um den Airport ist viel los. Weitere Firmenansiedlungen sind möglich. Das unterstützen wir als Aufsichtsrat.“
Schlüsselstandorte Dresden und Leipzig
Gelungen sei, dass sich Mytheresa, eine führende digitale Multi-Brand-Plattform für Luxus-Mode und -Artikel, vor zwei Jahren und jüngst der Flugzeugbauer Deutsche Aircraft hier niederließen. Auch die Erreichbarkeit für die Bevölkerung und Unternehmen in Sachsen-Anhalt müsse gewährleistet sein. Und Dresden – „ist für mich ein Tor zu einer der führenden Mikroelektronik-Regionen Europas und gleichzeitig eine wichtiger Wissenschafts-, Kultur- und Tourismusregion“, ist Werner überzeugt. „Beide Flughäfen sind Schlüsselstandorte für die Zukunftsfähigkeit der mitteldeutschen Wirtschaft. Deswegen brauchen wir die Flughäfen als Rückgrat und müssen sie weiter voranbringen.“ Jeder Euro, den Sachsen und Sachsen- Anhalt hier investieren, „zahlt sich in mehrfacher Hinsicht aus“. Es bedeute eine wichtige Anbindung an die Welt. Daher gebühre dem derzeit laufenden dreijährigen Sanierungszyklus volle Unterstützung. Dabei geht es um die Modernisierung der Strukturen, Anpassung der Infrastruktur an die Erfordernisse und die Ansiedlung luftverkehrsnaher Industrie. Besonders freue es sie, dass der Luftfrachtriese DHL seinen Standortvertrag mit Leipzig/Halle vorfristig verlängert hat und dieser nun bis übers Jahr 2050 hinausreicht.
Ähnliche wichtige Erfolge der jüngsten Vergangenheit zählt sie auf: Erstens: Die Ansiedlung der CO2-neutralen Endfertigung des Flugzeugs D 328eco von Deutsche Aircraft. Zweitens: Der Bau des neuen Hangars für die Wartung der ukrainischen Antonov-Flugzeuge. Drittens: Die belgische Weerts- Gruppe errichtet einen Logistikpark mit einer Lagerfläche von rund 37.500 Quadratmetern, womit weitere Firmen angelockt werden sollen. Nach der Fertigstellung werden etwa 100 Arbeitsplätze neu geschaffen. Weitere Fortschritte seien nur möglich, „wenn Leipzig/Halle und Dresden gut mit den innerdeutschen Luftverkehrs-Drehkreuzen Frankfurt/Main und München verbunden bleiben oder wieder werden“, betont die Aufsichtsratschefin. Deswegen frustriere sie, dass die im aktuellen Koalitionsvertrag verankerte Senkung der Luftverkehrssteuer nach wie vor ausstehe. Das schade der ganzen Region. Kein Wunder, dass sich in den vergangenen Monaten Fluggesellschaften von hier zurückgezogen haben – und dabei nicht nur touristisch ausgelegte Airlines. Zwar setzte der Koalitionsausschuss vom 13. November mit der Rücknahme der Steuererhöhung und der Entlastung bei den Gebühren für die Flugsicherung erstmals ein positives Signal, doch mit rund 400 Millionen Euro bleibt das Entlastungsniveau weit hinter dem für eine echte Trendwende erforderlichen Volumen zurück. Ryanair-Manager Marcel Pouchain Meyer begründete den Weggang seinerzeit mit den hohen Kosten beider mitteldeutscher Standorte.
Als Beispiel nannte er die Sicherheitsgebühren in Leipzig/ Halle. Die liegen demnach bei rund 13 Euro pro Passagier, in Dresden bei fast 15 Euro. In Barcelona seien es nur 60 Cent. In der Kritik der Airlines stehen generell die nationalen Kosten: Luftverkehrs-, Flugsicherungssteuer und Luftsicherheitsgebühren. Sie stiegen seit 2019 im Schnitt von fünf auf 15 Euro, die Sicherheitsgebühr von 10 auf 15 Euro. In Lissabon beträgt sie nur 1,80 Euro. Hier bessere Wettbewerbsbedingungen zu erreichen, ist ein aktuelles Anliegen von Hiltrud Werner und Co. So hat das Aufsichtsratsgremium volles Verständnis für das breite Bündnis der sächsischen Industrie- und Handelskammern sowie Wirtschaftsverbänden bei ihrer Unterschriftenaktion und der Petition an die Politik und Lufthansa, die beiden Flughäfen zu stärken. Wenigstens etwas Druck, um Bewegung in die Politik zu bringen, endlich ihr Versprechen umzusetzen. Dabei hilft eine Weltenbummlerin wie Hiltrud Dorothea Werner mit der ihr eigenen Agilität – also schneller Anpassungsfähigkeit und Wendigkeit, rasch auf neue Situationen zu reagieren – aufs Beste.


