Von Florian Reinke
Leipzig. Primogene hat 13 Mitarbeiter, ein Labor, einen eigenen Produktionsbereich – und eine Ambition, die Leipzig gerade gut gebrauchen kann. Mitgründerin Linda Karger bringt sie auf einen Satz: „Wir unterstützen die menschliche Gesundheit vom ersten Atemzug bis ins hohe Alter.“ Ihre Leipziger Firma baut mit Enzymen komplexe Zucker nach, die es sonst nur in Muttermilch gibt und die Frühgeborenen helfen sollen.
Auf dem Markt ist Primogene damit bisher nicht. Die Zulassung dauert länger. Mit derselben Technologie stellt die Firma inzwischen Inhaltsstoffe für Hautpflege und Rohstoffe für die Pharmaindustrie her. Dabei startete Karger 2023 mit zwei Mitgründern – ohne Kapital, ohne eigenes Labor. Im April kamen 4,1 Millionen Euro von Investoren dazu, für Vertrieb, Personal und Produktion.

Quelle: Primogene GmbH
Es ist ein Bild, wie Leipzig es in den vergangenen Jahren oft geliefert hat: junge Firmen, frisches Kapital, neue Ideen. Doch verlässt man den BioCity-Campus an der Alten Messe, weht der Wind gerade in eine andere Richtung.
Im zurückliegenden Frühjahr, so zeigen es aktuelle Umfragen von IHK und Handwerkskammer, ist das Konjunkturklima in der mitteldeutschen Wirtschaft auf den tiefsten Stand seit der Energiekrise im Herbst 2022 gefallen. Aus den großen Unternehmen kommen Krisenmeldungen: Der Gewinn von Porsche brach dramatisch ein. Im Leipziger Werk fallen rund 200 Jobs weg. Hinzu kommen einige Hundert gestrichene Zeitarbeitsstellen. Auch DHL baut an seinem Luftfrachtdrehkreuz nach Recherchen dieser Zeitung Stellen ab. Ebenso tat dies der Flughafen Leipzig/Halle.
Leipzig nach dem Aufstieg: Die bequemen Jahre sind vorbei
Das ist neu für eine Stadt, die zehn Jahre lang zu den großen wirtschaftlichen Gewinnern gehörte. Im Leipzig-Kompass, einer nicht repräsentativen Umfrage der LVZ, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Wirtschaft und Arbeit unter die drängendsten Handlungsfelder in der Stadt gewählt. Die entscheidenden Fragen: Wie stabil ist der Standort noch? Und was muss sich verändern?
Fakt ist: Die bequemen Jahre sind vorbei. „Wenn man die Zeitung aufschlägt, entsteht der Eindruck: Die Welt steht Kopf“, sagt Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister Clemens Schülke (CDU). Irankrieg, Energiepreise, Zölle, Chinas aggressive Exportstrategie – all das geht auch an Leipzig nicht spurlos vorbei.
Leipzig erlebt einen Strukturwandel, der durch die aktuelle konjunkturelle Schwäche in Deutschland verschärft wird. – Tobias Dauth, Rektor HHL Leipzig Graduate School of Management
Mit der Weltlage allein lassen sich die Umbrüche jedoch nicht erklären. „Im Kern erlebt Leipzig einen Strukturwandel, der durch die aktuelle konjunkturelle Schwäche in Deutschland zusätzlich verschärft wird“, analysiert Tobias Dauth, Rektor der Leipziger Wirtschaftshochschule HHL. Die Autoindustrie durchlaufe einen tiefgreifenden Transformationsprozess. Der Wandel „ist nicht konjunkturell bedingt und wird länger dauern als eine übliche wirtschaftliche Delle“. Leipzig trifft das besonders: Porsche und BMW sind zwei der größten Arbeitgeber.
Dass sich etwas gedreht hat, spüren die Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Im Juni waren in der Stadt 31.322 Menschen arbeitslos gemeldet, 1725 mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch kommen derzeit knapp sechs Arbeitslose auf eine offene Stelle. Im Sommer 2022 waren es rund zwei. „Die Arbeitslosigkeit ist angestiegen, die Zahl der offenen Stellen deutlich zurückgegangen, und kurzfristig ist keine Trendwende erkennbar“, sagt Frederic Schulze, Sprecher der Agentur für Arbeit in Leipzig. Für Arbeitsuchende heißt das ganz praktisch: Die Suche nach einer neuen Stelle ist schwieriger geworden.

Quelle: Andre Kempner
Und doch gehen der Stadt die Arbeitsplätze nicht aus: In Energie- und Elektroberufen etwa kommt weniger als ein Arbeitsloser auf eine gemeldete Stelle. Häufig passen schlicht die Qualifikationen der Arbeitssuchenden und die Anforderungen nicht zusammen.
Für Beschäftigte bedeutet das: Es kommt mehr denn je darauf an, was sie können. „Die entscheidende Währung auf dem Arbeitsmarkt ist die Qualifikation“, sagt Arbeitsmarktexperte Schulze.
Porsche, BMW, DHL: Wie Leipzig groß wurde
Es fühlt sich an wie ein Bruch, weil die zehn Jahre davor so gut liefen. Zwischen 2015 und 2025 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Leipzig von rund 253.000 auf knapp 300.000 – getragen von Logistik, IT, wissensintensiven Dienstleistungen und einer wachsenden Industrie. Auch der Mittelstand legte zu: 220 große Mittelständler mehr als vor zehn Jahren, ein Plus von einem Drittel.
„Der Aufstieg Leipzigs folgt einem Muster“, sagt HHL-Rektor Dauth: „Ankerinvestitionen ziehen Folgeinvestitionen nach sich.“ Die Ansiedlungen von BMW und Porsche hätten nicht nur Jobs gebracht, sondern auch Vertrauen – und signalisiert: „Wenn sich zwei der bedeutendsten Unternehmen Deutschlands für Leipzig entscheiden, ist die Stadt offensichtlich wettbewerbsfähig. Das war der eigentliche ‚Ritterschlag‘.“ Zulieferer folgten, aber auch Logistiker wie DHL und Amazon.

Quelle: Photo: Porsche AG / Marco Prosch
Seit dem Sommer 2025 sinkt die Beschäftigung erstmals seit vielen Jahren wieder leicht. Die schwache Konjunktur, so die Arbeitsagentur, bremse den Beschäftigungsaufbau jedoch bundesweit.
Und doch gebe es in Leipzig einen Unterschied, sagt Frederic Schulze: „Wir starten nach zehn Jahren außergewöhnlich starken Wachstums von einem hohen Beschäftigungsniveau.“
Kein Absturz – aber Dresden zieht davon
Tatsächlich erlebt Leipzig keinen Absturz. Im Regionalranking der IW Consult, das 400 Kreise und kreisfreie Städte nach Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität vergleicht, steht Leipzig 2026 auf Rang 231 – vier Plätze schlechter als 2024. „Bei insgesamt 400 Kreisen und kreisfreien Städten kann man hier eher davon sprechen, dass Leipzig das Niveau gehalten hat“, sagt IW-Experte Johannes Ewald.
Heißt aber auch: Andere ziehen davon. Dresden lag schon bisher vor Leipzig – und verbesserte sich 2026 noch einmal deutlich, auf Rang 147. Vor allem aber verliert Leipzig an Tempo: Im Dynamikvergleich, der nicht den Stand misst, sondern die Veränderung, lag die Stadt 2024 noch auf Rang 11 von 400. Jetzt steht dort Rang 83. Mit den sieben großen Metropolen von Berlin bis Stuttgart kann Leipzig laut Ewald derzeit ohnehin nicht mithalten.

Quelle: Robert Michael/dpa
All das hat mehrere Gründe: Laut IW ist Leipzig seit 2020 im Bereich Lebensqualität abgerutscht. Das Niveau an Straftaten sei hoch, erklärt Experte Ewald: „2026 ist es nur in wenigen Regionen bundesweit noch höher.“ Und: Trotz des Bevölkerungswachstums – Leipzig hat bei den Einwohnerzahlen inzwischen Stuttgart überholt – habe sich die Stadt bei den erteilten Baugenehmigungen verschlechtert.
Die große Frage lautet also: Lässt sich die Dynamik wieder entfachen? Zuversichtlich stimmt HHL-Rektor Dauth, dass Leipzig früh begonnen habe, den Branchenmix auszubauen – zuletzt bei Lebenswissenschaften und Digitalwirtschaft. Dies mache Leipzig unabhängiger von der Konjunktur einer einzelnen Branche. Nur sei das Wachstum in diesem Bereich noch zu klein, um den Rückgang im Automobilsektor auszugleichen.
Woran das Wachsen hakt
Der Aufbau neuer Geschäftsmodelle ist dabei kein Selbstläufer, wie das Beispiel Primogene zeigt. Das Start-up hat seinen Sitz inzwischen im sogenannten BioCube, mit mehr Fläche und eigenem Produktionsbereich. Leicht war der Weg dorthin nicht, erzählt Mitgründerin Linda Karger. „Es war sehr schwierig, überhaupt Räume zu finden, in denen man wachsen kann.“ Labore auf dem privaten Markt seien teuer, der eigene Ausbau voller Hürden. Und die Förderung passe selten zu dem, was eine wachsende Firma brauche. Ihr Fazit: „Insgesamt haben wir das Gefühl, dass generell vieles zu langsam geht für das, was ein junges Unternehmen eigentlich bräuchte.“

Das sieht nicht allein die Gründerin so. Der Leipzig-Kompass der LVZ zeigt: Bürokratieabbau und schnellere Genehmigungen halten 73,9 Prozent der Teilnehmer für „sehr wichtig“. Zusammen mit „eher wichtig“ sind es 91,4 Prozent. Kein anderes Thema erreicht solche Werte. Eine stärkere Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bewerten 88,2 Prozent als eher oder sehr wichtig.

Im Rathaus setzt Wirtschaftsbürgermeister Clemens Schülke darauf, Leipzig wirtschaftlich breit und widerstandsfähig aufzustellen: „Mit mehreren Innovationsclustern, einer starken Forschungslandschaft, guten Bedingungen für Unternehmen machen wir uns weniger abhängig von einzelnen Branchen und Märkten.“ So entsteht auf dem BioCity-Campus derzeit etwa die Halle 12, ein Innovationszentrum mit Laboren für Life-Sciences-Firmen. Zugleich will die Stadt ihre Strategie auch in Zukunft auf den starken Mittelstand ausrichten – und die etablierten Branchen wie Logistik und Autoindustrie weiter unterstützen.
Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet sich bei Firmen wie Kargers. Theoretisch, berichtet die Co-Gründerin, hätte man auch anderswo gründen können. „Ausschlaggebend für Leipzig waren zwei Dinge: passende, schon ausgestattete und preislich faire Räumlichkeiten – und die Förderlandschaft.“ Ihr Unternehmen bezog zum Start zunächst Flächen in der sogenannten Medical Forge, einer Art Gründerzentrum auf dem BioCity-Campus, in dem junge Firmen ausgestattete Labore nutzen und Unterstützung auf dem Weg zum Markt bekommen. Ohne die, so Karger, hätte Primogene gar nicht starten können.
Was daraus werden kann, hat Leipzig schon einmal erlebt. Die Enzymfirma c-LEcta ging 2004 aus der Universität hervor und gehört seit 2022 zum Kerry-Konzern – ein Vorbild für Start-ups wie Primogene. „Ich glaube, das Potenzial ist sehr groß“, sagt deren Co-Gründerin Linda Karger. „Das zeigt, wie viel sich hier aufbauen lässt. Dafür braucht man aber auch die passenden Flächen und Unterstützung, um im nächsten Schritt selbst zu bauen.“


