Florian Reinke, Laura Krugenberg und Andreas Dunte
Leipzig/Dresden. An den mitteldeutschen Flughäfen müssen Mitarbeiter um ihre Jobs bangen. Seit dieser Woche ist klar, dass ein weitreichender Stellenabbau auf die Belegschaft zukommt: Das Unternehmen streicht noch in diesem Jahr 172 Stellen, damit fällt bei einer Gesamtbelegschaft von 1200 bis 1300 Beschäftigten rund jeder achte Arbeitsplatz weg. Dabei drohen auch betriebsbedingte Kündigungen. Der Grund: Die Mitteldeutsche Flughafen AG (MFAG) verfolgt einen harten Sparkurs. Bis 2026 muss sie erstmals in der Geschichte ein positives Betriebsergebnis erreichen. Im vergangenen Jahr lag dieser operative Gewinn (Ebit) noch bei Minus 28 Millionen Euro. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Alle Fragen auf einen Blick
- Wie will die MFAG die Stellen abbauen?
- Wie viele betriebsbedingte Kündigungen wird es geben?
- Wie fallen sonst die Reaktionen aus der Belegschaft aus?
- Was sagen der Freistaat Sachsen und die Region zum Abbau?
- Wie hoch fällt die Abfindung aus?
- Wird sich der Stellenabbau auf den Betrieb am Flughafen auswirken?
- Welche Folgen hat der Stellenabbau für den Arbeitsmarkt in der Region Leipzig?
Wie will die MFAG die Stellen abbauen?
Betroffen sind sowohl die Verwaltung als auch operative Stellen an beiden Standorten, verlautete aus Managementkreisen. Das Unternehmen setzt in Leipzig/Halle und Dresden zunächst auf ein Freiwilligenprogramm. Bis 31. August könnten sich Mitarbeiter dafür melden, heißt es aus Managementkreisen. Sollte der Abbau der 172 Stellen nicht auf diesem Weg gelingen, will der Vorstand bis 30. September betriebsbedingte Kündigungen aussprechen, wirksam würden sie zum 1. Oktober. Auswahlkriterien sind Alter, Betriebszugehörigkeit, Unterhaltspflichten und Schwerbehinderung. Das Vorgehen ist im Sozialplan und Interessenausgleich festgeschrieben, den Betriebsrat und Management seit April verhandelt haben. Weil sich beide Seiten nicht einigen konnten, entschied die Einigungsstelle Ende Juli mit einem verbindlichen Spruch.
Nach Informationen dieser Zeitung haben sich bisher rund 50 Beschäftigte für ein freiwilliges Ausscheiden entschieden, somit müssten noch rund 120 Stellen abgebaut werden. Aus Managementkreisen heißt es als Begründung zu den Abbauplänen: „Nach eineinhalb Jahren Personalabbaumaßnahmen steht fest: Es reicht nicht. Wir müssen mehr tun.“ Bisher hatte der Flughafenbetreiber auf natürliche Fluktuation, einen Nachbesetzungsstopp und Altersabgänge gesetzt, um Personal einzusparen.

Quelle: Michael Strohmeyer
Wie viele betriebsbedingte Kündigungen wird es geben?
Das lässt sich noch nicht sagen, und hängt damit zusammen, wie das Freiwilligenprogramm angenommen wird. Nach Einschätzung des Gesamtbetriebsrats der Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden „ist es sehr wahrscheinlich, dass das Freiwilligenprogramm allein nicht ausreichen wird, um den geplanten Stellenabbau vollständig umzusetzen“. Weiter heißt es auf Anfrage dieser Zeitung: „Wir müssen daher leider davon ausgehen, dass betriebsbedingte Kündigungen nicht vermieden werden können.“
Wie fallen sonst die Reaktionen aus der Belegschaft aus?
Der Gesamtbetriebsrat kritisiert die personellen Einschnitte deutlich. „Der Betriebsrat lehnt den geplanten Stellenabbau klar ab. Ein solcher Schritt bedeutet für die Belegschaft erhebliche persönliche und berufliche Einschnitte und wird von uns nicht unterstützt“, heißt es.
Der Betriebsrat betont auch, worin er die Hauptursachen für die aktuelle Situation sieht: Dies seien vor allem die „hohen, politisch bedingten Standortkosten – insbesondere durch vom Bund erhobene Steuern und Gebühren –, die den Luftverkehrsstandort Deutschland zunehmend unattraktiv machen und Unternehmen unter zusätzlichen Druck setzen.“
Bei der Gewerkschaft Verdi ist man sich bewusst, dass die beiden Flughäfen in einer wirtschaftlichen Krise stecken, wie Verdi-Sekretär Lou Hauser betont. Über die Jahre sind bei der MFAG erhebliche Verluste aufgelaufen, die Infrastruktur gilt als überdimensioniert und kostenintensiv.
Ich bedauere jeden Arbeitsplatz, der in dieser Stadt verloren geht, ausdrücklich. – Rayk Bergner (CDU), Oberbürgermeister Schkeuditz
„Ohne Sparmaßnahmen wird es leider nicht gehen“, sagt Verdi-Vertreter Hauser. Zugleich kritisiert er: „Dass die Einsparungen komplett auf dem Rücken der Belegschaft erfolgen, ist ungerecht. Wir und auch die Belegschaft haben erwartet, dass auch der Vorstand seinen Beitrag leistet. Ein derartiges Signal ist aber ausgeblieben.“ Dem Management wirft der Gewerkschafter vor, an der aktuellen Misere nicht unschuldig zu sein. Er kritisiert den deutlichen Fokus auf die Fracht – hier seien die Wachstumspläne nicht aufgegangen.
Was sagen der Freistaat Sachsen und die Region zum Abbau?
Der Freistaat Sachsen, größter Anteilseigner der MFAG vor Sachsen-Anhalt, hat das Verhandlungsergebnis zur Kenntnis genommen und respektiere dieses, betont Finanzministeriumssprecher Dirk Reelfs. Ministerpräsident Michael Kretschmer habe sich zusammen mit seinem Amtskollegen Reiner Haseloff (beide CDU) im Vorjahr klar zu den Airports bekannt. Dieses Bekenntnis sei jedoch an eine ehrgeizige Sanierung geknüpft – einschließlich eines „bitteren, aber notwendigen” Stellenabbaus.
In der Region Leipzig erklärt Rayk Bergner (CDU), Oberbürgermeister der Stadt Schkeuditz: „Ich bedauere jeden Arbeitsplatz, der in dieser Stadt verloren geht, ausdrücklich.“ Leider hätte die Kommune bei der Entscheidung keinerlei Mitspracherecht gehabt. „Es ist ein erheblicher Einschnitt für Schkeuditz und die Menschen aus der Region“, für die der Flughafen lange ein sicherer Arbeitgeber gewesen sei.

Quelle: Andre Kempner
Dennoch haben ihn die neusten Entwicklungen nicht überrascht. In verschiedenen Gremien sei der Stellenabbau schon lange diskutiert worden. Bergner ist selbst Mitglied im Aufsichtsrat der Flughafen Leipzig/Halle GmbH. Solche drastischen Maßnahmen seien im Rahmen des Konsolidierungsprogrammes notwendig. „Auch wenn es eine sehr unschöne Sache ist.“
Wie hoch fällt die Abfindung aus?
Es gibt zwei Varianten. Die erste: Für die Abfindung nach Sozialplan zieht der Flughafen den Faktor 0,1 eines Bruttomonatsgehaltes pro Beschäftigungsjahr (entspricht 10 Prozent eines Monatsgehalts pro Jahr) heran. Generell ist die Abfindung aber auf 10.000 Euro pro Beschäftigten gedeckelt. Hinzukommen noch 250 Euro für jedes Kind. Schwerbehinderte erhalten ebenfalls eine Extrasumme, die nach Grad der Behinderung aber 1000 Euro nicht übersteigt.
Die zweite Variante kommt für den ins Spiel, der freiwillig das Unternehmen verlässt. Er oder sie muss die Bereitschaft dazu bis Ende August signalisieren. Zur bereits erwähnten Abfindung über Sozialplan kommen dann Extras hinzu: Wer bis fünf Jahre im Unternehmen ist, erhält einmalig obenauf 3000 Euro, für bis zu zehn Jahre gibt es 6000 Euro und über zehn Jahre sind es 10.000 Euro.
In Belegschaftskreisen findet man dafür deutliche Kritik: Den Faktor 0,1 als Berechnungsgrundlage zu nehmen, sei viel zu gering, heißt es.
Wird sich der Stellenabbau auf den Betrieb am Flughafen auswirken?
Der Gesamtbetriebsrat beider Flughäfen sorgt sich, dass die Arbeitsbelastung für die Beschäftigten steigt. „Die verbleibende Arbeit wird auf weniger Schultern verteilt werden müssen, um den Flughafenbetrieb aufrechtzuerhalten“, heißt es. Für Fluggäste soll der Abbau aber keine Folgen haben. Laut Betriebsrat sei es „das klare Ziel der Kolleginnen und Kollegen, die Servicequalität trotz dieser widrigen Umstände auf einem hohen Niveau zu halten – auch wenn dies eine besondere Herausforderung darstellt“.
Bei Verdi sorgt man sich ebenfalls um die Beschäftigten. Allein im Frachtbereich rechnet die Gewerkschaft mit 50 bis 60 betriebsbedingten Kündigungen. Auch die Bodenverkehrsdienste werde es treffen. „Hier spüren wir schon jetzt einen Personalmangel“, sagt Gewerkschaftssekretär Lou Hauser.
Welche Folgen hat der Stellenabbau für den Arbeitsmarkt in der Region Leipzig?
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in und um Leipzig sei angespannt, erklärt Tina-Marie Reuter, Sprecherin der Agentur für Arbeit Leipzig. „Leider verzeichnen wir bei der Arbeitslosigkeit einen Aufwärtstrend und kalkulieren mit keiner kurzfristigen Entspannung.“ Die Entwicklung am Airport füge sich in dieses Bild ein. Mit einem sprunghaften Anstieg sei durch den Stellenabbau lokal jedoch nicht zu rechnen, sagt Sprecherin Reuter. Das ergebe sich aus der Lage und der Pendlerbewegung des Flughafens Leipzig/Halle. „Betroffene kommen höchstwahrscheinlich aus verschiedenen Landkreisen und Städten.“
Diese hätten auf den regionalen Arbeitsmärkten zum Teil gute Chancen, auch wenn sich Arbeitergeber mit Neueinstellungen eher zurückhielten. Gute Perspektiven gibt es im Logistiksektor rund um den Airport, schwieriger dürfte es für hochspezialisierte Flughafenfachkräfte werden. „Dafür gibt es zwar einen Arbeitsmarkt, aber nicht in unserer Region.“


