Von Tabea Zimmermann
Dresden. Schnipp, Schnipp, Schnipp – brrrrrr. Schon früh am Morgen klappern die Scheren im Friseursalon Schneider im Einklang mit dem Brummen der Haarschneidemaschinen. Ein süßlicher Duft von Shampoo und Haarpflegeprodukten liegt in der Luft. Eine Kundin blättert durch eine Zeitschrift, während ihre Tönung einzieht. Zufrieden betrachtet sich ein Herr im Spiegel, bevor er einen neuen Termin für in zwei Wochen vereinbart.

Quelle: Salon Schneider
Aus heutiger Sicht, eine ganz normale Szene beim Friseur – doch das war nicht immer so: Als Arthur und Elisabeth Schneider vor etwas mehr als 100 Jahren den Friseursalon an der Königsbrücker Landstraße eröffneten, war ein Friseurgeschäft sowohl für Herren als auch für Damen ein Novum.
Einhundert Jahre Salongeschichte über vier Generationen
„Mein Großvater hat immer Wert auf einen guten Haarschnitt gelegt“, erinnert sich Ute Däbritz, damalige Chefin der 3. Generation. Ihre Großeltern eröffneten Ende April 1926 den „Schneider-Salon“ für Damen- und Herrenhaarschnitte.
Mittlerweile führt Utes Tochter, Stephanie, den Betrieb. Auch sie hat schon als Kind Salonluft geschnuppert, aber eigentlich nur „weil die Oma da war“, sagt die 46-jährige Inhaberin belustigt.
Ein Friseurbesuch lebt von Vertrauen, persönlichem Kontakt, Einfühlungsvermögen und handwerklichem Können. – Stephanie Däbritz, Chefin im Salon Schneider in Dresden-Klotzsche
Als gelernte Friseurin und studierte Maskenbildnerin steigt sie 2019 mit in das Familienunternehmen ein und übernimmt schließlich 2024 die Führung. „Die Mutti ist ja noch mit Teil des Ladens“, sagt die Chefin. Auch wenn alle Fäden in ihrer Hand zusammenlaufen, schätzt sie die große Unterstützung.
„Das Herzstück des Ladens“: Ein gutes Team als Erfolgsgarant
Wie hält sich ein Familienunternehmen, ausgerechnet ein Friseursalon, über 100 Jahre? Stephanie Däbritz sieht den Schlüssel zum Erfolg in einem gut funktionierenden Team und einem intensiven Verhältnis zu ihrer Kundschaft. Ein guter Friseur weiß, was sein Kunde braucht – für den Kopf und für die Seele. „Es geht um die Menschen, nicht nur um Haare“, meint die Saloninhaberin. „Ein Friseursalon lebt von den Leuten, die in ihm arbeiten.“
Kolleginnen und Kollegen sind „das Herzstück des Ladens und tragen mit ihrer Leidenschaft und ihrem Einsatz jeden Tag dazu bei, dass sich unsere Kundinnen und Kunden wohlfühlen“, beteuert Däbritz. Dankbarkeit und Wertschätzung schwingen in ihrer Stimme mit, wenn sie über ihre Mitarbeiter spricht. Das eingespielte Team sei auch ein Grund, weshalb der Inhaberwechsel vor zwei Jahren so reibungslos geklappt hätte.

Quelle: marion doering
Die Harmonie der Belegschaft wirke sich auch auf die Klienten aus, erzählt die Chefin. Viele Kollegen würden schon über 20 Jahre im Salon arbeiten, einer sogar 40. Auch der Kundenstamm enthält einige Gesichter, die bereits bei Däbritz’ Großmutter im Sessel saßen – aber auch neue Kunden, die den Familienbetrieb schätzen.
Friseurhandwerk im Gesellschaftswandel – und der Zeit
„In 100 Jahren hat sich einfach alles verändert“, meint Salonchefin Däbritz. Was sind Ursache und Wirkung? Gesellschaftliche Standards und Umgangsformen, gefolgt von räumlichem Design und Gestaltung – oder andersherum?
Der Friseurladen auf der Königsbrücker Landstraße wurde über die Jahrzehnte mehrfach umgebaut, einmal bis auf die Grundmauern abgerissen. Aus abgeschirmten Kabinen entwickelten sich offene Ladenkonzepte. Dunkle Möbel und mintgrüne Wände wurden von warmen Holztönen im lichtdurchfluteten Geschäft abgelöst.
Däbritz versteht das Geschäft als modernen Arbeits- und Wohlfühlort. Ein geschichtsträchtiger Laden, der dennoch mit der Zeit geht. Und trotzdem hängen zurzeit „alte Zöpfe“ im Schaufenster. Echthaar, alte Holzwickler und Lockenstäbe. „Aber nur, wegen des Jubiläums“, winkt Däbritz ab, „sonst dekorieren wir schon etwas moderner.“
100-Jahrfeier am 12. Juni 2026
Das Team des Salon Schneider feierte 100-jähriges Bestehen – Kundinnen und Kunden sowie Feierlustige waren eingeladen.
Der Salon ähnelte für diesen Anlass einer kleinen Ausstellung. Alte Fotos, Werkzeuge und Relikte des letzten Jahrhunderts waren zu sehen. Gleichzeitig fand eine kleine Gartenfeier als Begegnungs- und Austauschplattform statt.
Wie die Einrichtung unterliegen auch Friseurbesuche dem Wandel der Zeit, erklärt Däbritz: Die Besuche würden nicht mehr so häufig stattfinden, dafür seien die Termine aber umfangreicher. Kundinnen kommen nicht mehr jede Woche, doch trendigen Ansprüchen gerecht zu werden, dauert heutzutage länger. Besonders großen Wert legt die Friseurin auf Qualität, handwerkliche Präzision und individuelle Beratung der Kunden.
„Ein Friseurbesuch ist mehr als eine Dienstleistung“, erklärt Däbritz. „Er lebt von Vertrauen, persönlichem Kontakt, Einfühlungsvermögen und handwerklichem Können“, sagt sie, „er lebt von der menschlichen Begegnung.“
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