Von Ulrich Milde
Leipzig. „Die Energiewende ist eine Transformation von historischer Dimension.“ Sie könne aber ein Erfolgsprojekt werden, meint Tobias Paulun, seit 1. August der Vorstandschef der European Energy Exchange AG. Das Leipziger Unternehmen kam im vorigen Jahr auf einen Umsatz von 737 Millionen Euro (plus zehn Prozent).
Herr Paulun, Sie sind seit 2009 Teil der EEX und haben zum 1. August die Rolle des CEO übernommen. Wie wollen Sie den Erfolg Ihres Vorgängers Peter Reitz fortführen?
Ich habe großen Respekt vor dem, was Peter Reitz gemeinsam mit unserem Team aufgebaut hat. Unter seiner Führung hat sich die EEX von einer deutschen Strombörse zu einer globalen Plattform für Energie- und Commodity-Märkte entwickelt. Der Erfolg der EEX basiert auf Kontinuität und stetiger Weiterentwicklung. Das ist auch für mich die Richtschnur. Als langjähriger Strategievorstand durfte ich viele Wachstumsschritte begleiten und möchte diese Erfahrung nun als CEO einbringen.
Wo liegen Ihre Schwerpunkte?
Sie liegen auf dem weiteren Ausbau unserer internationalen Marktposition, der Stärkung unserer Rolle als verlässlicher Anbieter von Marktinfrastruktur und der Unterstützung der Energiewende durch innovative Marktlösungen.
Von Leipzig aus?
Leipzig bleibt unsere Heimat. Mit unserem neuen Firmensitz im NEO bekennen wir uns klar zum Standort und schaffen Raum für weiteres Wachstum. Dass wir ein internationales Geschäft von Leipzig aus steuern, zeigt die Attraktivität und Stärke der Region und unsere Anziehungskraft als Arbeitgeber vor Ort. Derzeit beschäftigen wir in Leipzig mehr als 650 Mitarbeitende aus 56 Nationen, über alle Standorte sind es mittlerweile mehr als 1300 Angestellte.
Wo sehen Sie international Potenzial?
Unser Ziel ist klar: Wir wollen die EEX als führende globale Plattform für Energie- und Commodity-Märkte weiterentwickeln. Im Mittelpunkt steht dabei nicht Wachstum um jeden Preis, sondern die Schaffung von Mehrwert für Kunden und Energiemärkte. Besonders großes Potenzial sehe ich in Regionen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie Europa. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien entstehen weltweit neue Anforderungen an Preisbildung, Risikomanagement und Transparenz. Hier können wir unsere Erfahrung einbringen. Neben organischem Wachstum werden Partnerschaften weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Ein Beispiel ist unser Engagement in Brasilien, wo wir gemeinsam mit brasilianischen Partnern eine neue Strombörse aufbauen.
Die Energiewende, die Versorgungssicherheit, staatliche Regularien werden intensiv diskutiert. Brauchen wir angesichts volatiler erneuerbarer Energien gasbetriebener Kraftwerke?
Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz gleichzeitig zu gewährleisten, ist eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende. Moderne Gaskraftwerke genauso wie Batteriespeicher können dabei in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle als flexible Ergänzung zu Wind- und Solarenergie spielen. Unternehmen investieren langfristig und benötigen Planungssicherheit, daher sind verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend. Gut funktionierende Märkte schaffen Investitionsanreize und sorgen dafür, dass Flexibilität dort verfügbar ist, wo sie gebraucht wird. Das verringert die Notwendigkeit zusätzlicher Fördermechanismen und stärkt die Effizienz des Gesamtsystems.
Welchen Folgen hat das für die Strom- und Gaspreise?
Bei Strom- und Gaspreisen ist Vorsicht mit Prognosen geboten. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie stark geopolitische Entwicklungen die Märkte beeinflussen können. Langfristig wirken erneuerbare Energien im Zusammenspiel mit Speichern und zunehmend flexiblem Verbrauchsverhalten jedoch preisdämpfend. Das liegt sowohl an den geringeren Technologiekosten als auch an der geringeren Abhängigkeit von Importen und deren geopolitischen Risiken.
Kritiker der Energiewende verweisen auf steigende Preise und Belastungen für die Wirtschaft.
Die Aufgabe besteht nicht darin, zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit zu wählen, sondern beides miteinander zu verbinden. Genau dabei können transparente und verlässliche Märkte wie die EEX helfen. Die Energiewende ist eine Transformation von historischer Dimension und erfordert erhebliche Investitionen. Deshalb müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Europa im Blick behalten. Aus meiner Sicht greift es zu kurz, die Energiewende ausschließlich anhand kurzfristiger Preisentwicklungen zu bewerten. Denn langfristig stärkt sie die Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten, schafft die Grundlage für ein nachhaltiges und wirtschaftlich tragfähiges Energiesystem und fördert Innovationen sowie neue Geschäftsmodelle.
Was ist noch nötig?
Neben erneuerbaren Energien benötigen wir leistungsfähige Netze, Speicher, flexible Strukturen und – einmal mehr – verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen. Die größte Herausforderung liegt darin, den Umbau so zu gestalten, dass die Menschen und Unternehmen Teil davon sind und selbst etwas davon haben. Ich bin überzeugt, dass die Energiewende ein wirtschaftliches Erfolgsprojekt werden kann, wenn wir die richtigen Voraussetzungen schaffen. Gut funktionierende Märkte spielen eine Schlüsselrolle, weil sie Transparenz schaffen, Investitionen ermöglichen und die zur Verfügung stehenden Mittel effizient lenken.


