Von Ulrich Milde
Leipzig. Hartmut Mehdorn war die Energie und gewisse Unruhe anzumerken. Im Gespräch mit Journalisten ließ der Vorstandschef der Deutschen Bahn AG (von 1999 bis 2009), der aus dem Transportriesen einen Börsenstar machen sollte, gern den Clip seines Kugelschreibers nach oben und unten schnellen, beantwortete präzise die Fragen. Ganz anders Joachim Milberg. Der frühere BMW-Chef, in dessen Amtszeit (1999 bis 2002) der Zuschlag für Leipzig als Standort des neuen Werkes fiel, strahlte Ruhe statt Hektik aus, vermittelte den Eindruck, als habe er alle Zeit der Welt.
Ulf Heitmüller, der seit knapp zehn Jahren an der Spitze des Leipziger Energieriesen VNG AG steht, gehört eindeutig in die Milberg-Kategorie. Weshalb es dem gebürtigen Niedersachsen auch gelungen ist, das gemessen am abgerechneten Umsatz von gut 18 Milliarden Euro größte ostdeutsche Unternehmen mit einer gewissen Gelassenheit und klarem Kurs durch unerwartet harte Zeiten zu führen. Allen voran der Ukraine-Krieg. Er gefährdete die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Leipziger Unternehmens erheblich. Schließlich stellte Russland, jahrzehntelang ein zuverlässiger und wichtiger Geschäftspartner, die Belieferung plötzlich ein. Heitmüller bleibt in der Rückschau souverän. „Für Menschen, die direkt vom Krieg betroffen sind, ist er deutlich schlimmer.“ Deshalb seien die extremen Schwierigkeiten, die auf die VNG zugekommen seien, ein bisschen wie Klagen auf sehr hohem Niveau. „Es ging ja nur um Geld und Gas, keiner war mit dem Leben bedroht.“
Konsequente Diversifizierung
Was nichts daran ändert, dass sich die Lage für VNG 2022 quasi über Nacht zuspitzte. „Es war existenzbedrohend.“ Doch eine Stützungsmaßnahme der Bundesregierung sowie der Anteilseigner, allen voran Mehrheitsaktionär Energie Baden-Württemberg AG (EnBW), und die eigene Leistung „haben uns stabilisiert“. Heitmüller und seinem Team gelang es, neue Lieferanten zu finden und so die russischen Ausfälle zu kompensieren. „Um eine hohe Versorgungssicherheit zu garantieren, diversifizieren wir unsere Gasbezüge konsequent weiter.“ Hauptsächlich kommt diese Energieart aus Norwegen und Algerien und als LNG etwa aus den USA. VNG ist nach Abschluss eines Vertrages mit dem Staatskonzern Sonatrach seit 2024 die erste deutsche Firma, die Pipelinegas aus Algerien bezieht. Bei LNG handelt es sich um Liquefied Natural Gas. Es entsteht durch die Abkühlung auf mehr als minus 160 Grad. Dadurch schrumpft das Volumen auf ein Sechshundertstel, was einen effizienten Transport per Schiff ermöglicht.
Die Abhängigkeit Deutschlands vom Erdgas ist groß. So wurden nach Angaben der Bundesnetzagentur im vorigen Jahr 864 Terawattstunden Gas verbraucht, 2,2 Prozent mehr als 2024. Davon entfielen 60 Prozent auf Industriekunden. Gasheizungen sind mit einem Anteil von 56 Prozent der größte Energieträger im Wärmemarkt. Mithin „sind wir ein zentraler Bestandteil der Energieversorgung“, meint der VNG-Chef.
Der 61-Jährige räumt ein, dass es schon enttäuschend gewesen sei, dass die Verträge mit Russland weggebrochen seien. „Wir haben alle daran geglaubt, mit dem Handel auch zum Friedenserhalt beizutragen.“ Das sei leider nicht gelungen. Die jetzigen Handelshemmnisse, ausgelöst durch die Ereignisse im Iran, seien anders strukturiert. „Unsere Einkaufsverträge sind nicht direkt davon betroffen.“
Lob für die Beschäftigten
Zugleich habe er registriert – und das sei vielleicht die schönste Erfahrung in seiner bisherigen Amtszeit -, dass „wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, auf die wir uns zu einhundert Prozent verlassen können.“ Das habe ihn „nachdrücklich beeindruckt“ und sei ein entscheidender Punkt gewesen, warum VNG auch im vorigen Jahr ein Konzernergebnis von 200 Millionen Euro erwirtschaftet habe. Auf den Gehaltslisten stehen inzwischen gut 2.000 Angestellte. Das sind 500 mehr als Ende 2022.
Eine erfolgreiche Arbeit, die auch die Aktionäre registriert haben. So wurde Heitmüllers Vertrag vor einiger Zeit bis 2029 verlängert. Mit ihm „bleibt dem VNG ein erfahrener und strategisch denkender Vorstandsvorsitzender erhalten“, lautet die Begründung von Dirk Güsewell, Chef des Aufsichtsrats und Vorstandsmitglied der EnBW. Seine klare Ausrichtung auf Transformation und Versorgungssicherheit habe VNG in den vergangenen Jahren entscheidend geprägt. „Seine fokussierte Führung hat das Unternehmen erfolgreich durch unsichere und dynamische Zeiten gebracht.“
Dabei setzt Heitmüller weiter auf die existierende Strategie. „Die zentralen Punkte stehen.“ Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähige Preise für die Kunden – das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die bundesrepublikanische Transformation der Energiesysteme, weg von den fossilen, hin zu den erneuerbaren Energien. Was letztlich irgendwann das Aus für das Erdgas bedeutet. Wann wird das so weit sein? „Ich weiß es nicht“, sagt der studierte Elektrotechniker. Aber es zeichne sich immer mehr ab, „dass Erdgas länger als vor ein paar Jahren gedacht als Brückentechnologie weiter benötigt wird“.
Um sich eine Zukunft ohne Erdgas zu sichern, hat VNG viel Geld in Biogas, Biomethan und grünen Wasserstoff investiert. Von der Technologie her sei Wasserstoff ein, „wenn nicht der Weg für die finale Dekarbonisierung“. Noch seien die Produktionsaufwendungen zu hoch. Das werde sich aber mit der Zeit über Skalierungseffekte verändern. Auch die Politik sollte reagieren, etwa durch eine Netzentgeltbefreiung. „Die Lücke zwischen Kosten und Wettbewerbsfähigkeit gilt es politisch zu schließen.“
Dennoch rechnet Heitmüller, der früher bei der BEB Erdgas und Erdöl GmbH, bei Shell und ab 2010 bei EnBW arbeitete, erst Anfang der 2030er-Jahre mit einem echten Hochlauf der deutschen Wasserstoffwirtschaft.
Hohe Investitionen geplant
Biomethan hat seiner Ansicht nach großes Potenzial, wird zunehmend als Lösung im Wärmemarkt bei Gebäuden gesehen. „Wir prüfen auch, ob wir es in größeren Mengen in unsere Erdgasnetze einspeisen können.“ Zum Portfolio gehören Biogasanlagen an 40 Standorten in Nord- und Ostdeutschland. Angesichts der soliden finanziellen Lage will Heitmüller in den nächsten zehn Jahren bis zu fünf Milliarden Euro ausgeben, um in erster Linie die Aktivitäten und die Infrastrukturen für Wasserstoff und Biogas zu stärken. „Unser Ziel ist klar: Wir wollen das Energiesystem aktiv mitgestalten – erneuerbar, resilient und zunehmend CO2-neutral.“ Ein Großteil dieser Mittel bleibt im Osten der Republik. „Das entspricht unserer DNA.“
Etwas unruhig wird Heitmüller, als er auf die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten zu sprechen kommt. „Ich sehe, dass wir als deutsche Volkswirtschaft in eine echte ökonomische Krise hineingleiten.“ Das betreffe nicht direkt VNG, sondern in erster Linie die Kunden. Die Bundesrepublik sei ein Exportland, hänge an globalen Lieferketten. „Wir beobachten gerade eine Rolle rückwärts in der Globalisierung.“ Das sei schon eine ernste Lage, „die Herausforderungen sind immens“. Dennoch „sollten wir nicht schwarzmalen“. Deutschland habe fähige Menschen, „wir können die Probleme lösen“, sagt Heitmüller wieder ganz ruhig und mit einem Schuss Optimismus.


