Dresden . Beim Spitzentreffen der Koalitionsparteien CDU, CSU und SPD in der Villa Borsig vor gut zwei Wochen hat ein Vorstoß der Union, den gesetzlichen Feiertag am 1. Mai abzuschaffen, für heftige Spannungen gesorgt. Dem Vernehmen nach musste sich Bundesfinanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil anschreien lassen, als er dieses Ansinnen ablehnte.
Nun hat der Mai gleich drei Feiertage: 1. Mai, Christi Himmelfahrt und Pfingstmontag. Immer wieder flammt die Debatte auf, ob man einen Feiertag ganz streichen sollte, um die seit Jahren schwächelnde deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Die Arbeitnehmer in Deutschland sollen mehr arbeiten, auch deshalb, weil es gilt, die neuen Milliardenschulden für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz zu finanzieren. Sächsische Zeitung und Leipziger Volkszeitung haben deshalb in der Wirtschaft und Politik nachgefragt, ob im Mai ein Feiertag gestrichen werden sollte.
Wirtschaftskammer: Weniger Feiertage helfen
Fabian Magerl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Leipzig, ist einer der wenigen, der sich damit anfreunden könnte. Er findet, dass angesichts der Lage alle Vorschläge auf den Tisch müssten. Das Statistische Bundesamt habe errechnet, dass ein zusätzlicher Arbeitstag ein durchschnittliches Plus von gut 0,1 Prozentpunkten mehr Wirtschaftsleistung bedeute. In diesem Jahr liege dieser sogenannte Kalendereffekt bei etwa 0,3 Prozentpunkten. „Das macht für 2026 nach aktueller Prognose gut 60 Prozent des Wirtschaftswachstums aus“, so Magerl. Die generelle Abschaffung eines Feiertags könnte also durchaus stimulierend auf die Wirtschaftsleistung wirken, meint der IHK-Geschäftsführer. Er hält sich jedoch mit einer Empfehlung zurück, welcher das sein könnte.

Quelle: Kempner
Gewerkschaft: 1. Mai abschaffen ist reine Provokation

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Nicht überraschend ist für Daniela Kolbe, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen, der Vorschlag der CDU eine reine Provokation. „Das zeugt von Ignoranz und Respektlosigkeit gegenüber den Beschäftigten. Diesen Feiertag werden wir definitiv nicht hergeben“, sagt Kolbe. Aber auch sonst lehnen die Gewerkschaften die Abschaffung eines Feiertags „entschieden“ ab. Die Lage sei zu ernst für absurde Vorschläge. Die Unternehmen und Beschäftigten brauchen jetzt Sicherheit, und da hilft es nicht, jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf zu treiben.
Kretschmer: Weniger Teilzeit, statt weniger Feiertage

Quelle: Katharina Kausche/dpa
Ministerpräsident Michael Kretschmer hat wiederholt gefordert, dass die Deutschen wieder mehr arbeiten sollen, die 40-Stunden-Woche der Regelfall sein soll, nicht die Ausnahme. Doch dafür einen Feiertag streichen, das will er nicht. „Es wäre auch schon viel gewonnen, wenn in Deutschland Teilzeit wieder die Ausnahme ist. Gut sind auch Anreize, die das Weiterarbeiten über das Rentenalter hinaus attraktiv machen. Wenn wir da weiterkommen, braucht es keine Streichung von Feiertagen“, sagt Kretschmer. Klar sei aber auch, dass die Wirtschaft nicht durch zusätzliche arbeitsfreie Feiertage geschwächt werden dürfe, fügt er hinzu.
Ökonom: Feiertag streichen ist Einmal-Effekt

Quelle: PR/Ifo
Joachim Ragnitz, Vize-Chef der Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, macht diese Rechnung auf: Ein Jahr hat 250 Arbeitstage. Ein Feiertag weniger würde also 0,4 Prozent mehr Arbeitszeit bedeuten. Unter der Annahme, dass sich die Produktivität nicht ändert, wäre das ein einmaliger Anstieg der Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent, in den Folgejahren bliebe die Wachstumsrate gleich. „Das finde ich jetzt nicht wirklich quantitativ bedeutsam“, so Ragnitz. Im Gegenzug hätte man dann auch wieder irgendjemanden zum Gegner: Man müsste sich entweder mit den Gewerkschaften anlegen (1. Mai), mit den Kirchen (Pfingstmontag) oder mit den Männern (Himmelfahrt). Viel sinnvoller sei es, Maßnahmen zu treffen, um einen Produktivitätsanstieg von 0,4 Prozent hinzukriegen, durch Abbau von Bürokratiekosten, Lohnnebenkosten und durch Stärkung von Investitionen. „Also all das, was die Politik ganz leicht selber beeinflussen könnte, aber offenbar sich nicht traut“, betont der Dresdner Ökonom.
Handwerk: Lohnnebenkosten senken

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Jörg Dittrich, Präsident der Dresdner Handwerkskammer, sieht es ähnlich. „Für das Handwerk als personalintensive Branche ist die Höhe der Lohnnebenkosten von entscheidender Bedeutung“, betont Dittrich, der auch Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks ist. Die gestiegenen Lohnnebenkosten seien mit knapp 43 Prozent des Bruttolohns aktuell auf Rekordhöhe. Wenn Lohnzusatzkosten und Sozialabgaben zu hoch sind und die Preise steigen, gehen Kunden seltener zum Friseur, kaufen sie weniger Brötchen und Kuchen beim Bäcker, warnt Dittrich. Seiner Ansicht nach, wird die Streichung von Feiertagen das eigentliche Problem der schwachen Konjunktur nicht lösen. „Sollten Feiertage gestrichen werden, bedarf es dafür eines gesellschaftlichen Konsens“, so Dittrich.
An den regulären Arbeitstagen wird in Deutschland zu wenig gearbeitet. – Jörg Brückner, Sachsens Arbeitgeberpräsident
Arbeitgeberpräsident: Rückkehr zur Vollzeit

Quelle: Archiv/dpa
Nach Ansicht von Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner lenkt die Diskussion über die Abschaffung von Feiertagen vom eigentlichen Problem ab: „An den regulären Arbeitstagen wird in Deutschland zu wenig gearbeitet“, so Brückner. Mit rund 1300 Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen sei Deutschland im OECD-Vergleich Schlusslicht. Gleichzeitig würden Urlaubs- und Freistellungsansprüche steigen. Die Teilzeitquoten, hätten sich seit dem Jahr 2000 von etwa 16 auf rund 35 Prozent mehr als verdoppelt. In der Summe sinkt damit die gesamtwirtschaftliche Arbeitsleistung – mit spürbaren Auswirkungen auf Wachstum und Produktivität. „Eine echte Trendwende wird es nur mit einer klaren Rückkehr zur Vollzeit geben“, betont der Präsident der Vereinigung der sächsischen Wirtschaft.
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