Suche
Suche

„Früher war hier mehr Niveau“

Der russische Discounter, der Deutschlands erste Filiale in Leipzig eröffnete, sorgt bei Kunden noch nicht für Begeisterung.

Lesedauer: 3 Minuten

Die Revolution in der Discounterbranche kommt ohne jeden Firlefanz daher. Im Gegenteil: Deutschlands erste Billig-Filiale "Mere", die die russische Kette Torgservis gestern in Leipzig öffnete, könnte kaum primitiver aufgemacht sein: Statt mit Regalen sind die hell gefliesten Gänge nur durch volle Paletten getrennt. In aufgestapelten Kartons türmen sich hüfthoch eingemachter Paprika und Konserven mit Spargel, Champignons oder Oliven. Die Büchsen sind noch mit Folie umwickelt. Eine Frischtheke mit Obst und Gemüse gibt es nicht auf den 1 000 Quadratmetern. Selbst in den wenigen Kühlregalen an der Rückwand liegt nur Haltbares: Zwei Sorten H-Milch für 49 und 62 Cent, Lyoner in der Dose, 200 Gramm für 48 Cent, eingeschweißter Hackbraten: 500 Gramm für 97 Cent. Arme Schweine.

Das Geschäft liegt im kleinen Einkaufszentrum Portitz Treff am nördlichen Stadtrand, noch hinter der Autobahn A 14, wo die Siedlungshäuser beginnen. Zwischen anderen Billiganbietern wie Tedi, Kik und einem Sonderpostenverkauf steht über dem Eingang "Tiefpreise jeden Tag" und: "Herzlich Willkommen". Gleich hinter dem Drehkreuz sind aufgeschlitzte Kartons mit Haushaltswaren aufgereiht: Schmutzmatten für die Wohnungstür für 1,71 Euro, Klobürsten-Garnituren für 63 Cent, Salatschüsseln für 2,07 Euro. Alles bunt, alles aus Plastik. Der Kaffee einer Dortmunder Rösterei kostet 2,59 Euro. Er gehört zu den teureren Produkten. Weißwein aus Österreich kostet 1,04 Euro. Aus den Boxen kommt Popmusik, die amerikanische Sängerin Pebbles träumt gerade vom "Mercedes Boy". Sie wird unterbrochen von lauten Werbedurchsagen, die Waren für Küche und Bad anpreisen – allerdings auf Englisch. Man hat nicht den Eindruck, dass jemand zuhört.

Dabei ist es wirklich voll am frühen Nachmittag gegen 14.30 Uhr. Alle drei Kassen sind geöffnet, die Kassiererinnen in den gelben "Mere"-Pullis haben alle Hände voll zu tun. Die Schlangen sind fast 20 Meter lang. Die meisten Kunden hat die Neugier hergetrieben – oder ein kleiner Irrtum. "Ich dachte, es gibt vor allem russische Spezialitäten", erzählt eine Frau in den 50ern, die mit ihrer Mutter gekommen ist. Ein bisschen Dosenfisch und Meerrettich habe sie wenigstens gefunden, schön scharf und hoffentlich ohne Sahne. Die Frau hat das Konzept schnell analysiert: "Viele verschiedene Sachen gibt es ja nicht", sagt sie. "Eher von wenigen Sachen sehr viel, um die günstigen Preise hinzubekommen."

Alle Leute rennen heute hierher

Auch eine junge Familie mit Tochter im Einkaufswagen hat eine Runde gedreht und stapelweise Saft eingepackt. Den gibt es für um die 60 Cent. "Wir haben bei Facebook von der Eröffnung gelesen", erzählt der Familienvater. Aber regelmäßig einkaufen würden sie hier wohl nicht. Es fehle ja an einfachen Dingen: Brot, Waschmittel, Süßigkeiten. Vor Torgservis hatte Aldi eine Filiale in dem Laden und davor schon Spar. Eine Rentnerin aus den benachbarten Siedlungshäusern hat früher dort an der Information gearbeitet. "Typisch russisch", findet sie den "Mere"-Laden und lacht. "Früher war hier mehr Niveau." Nein, kaufen werden sie bestimmt nichts. Auch ein Rentner in der Schlange witzelt: "Alle Leute rennen heute hierher, da wollten wir dabei sein. Ist mal ne Abwechslung." Aber eigentlich, sagt seine Frau verschwörerisch, kaufen sie immer bei einem anderen großen Supermarkt ein.

Mit seinen Dumpingpreisen will der russische Discounter Torgservis erst Leipzig und dann Schritt für Schritt ganz Ostdeutschland erobern. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen bereits mehr als 900 Filialen in Osteuropa und Asien eröffnet. Die deutsche Tochter TS Markt existiert seit 2017, sitzt in Ost-Berlin und sagt von sich: "Wir sind ein schnell wachsendes, ehrgeiziges Team, das gerade an der Zukunft der Firma intensiv arbeitet." Das Profil sei die Einzelhandelskette im Lebensmittelbereich, "die ihren Kunden gute Waren für wenig Geld anbietet". Branchenexperten sind allerdings äußerst skeptisch, dass das Ultra-Billig-Konzept funktioniert. Es gab schon andere Versuche, die kläglich gescheitert sind. Auch Gewerkschafter warnen vor einer Verschärfung des Preiskampfs bei Lebensmitteln – der geht meist nicht zugunsten der Qualität aus.

 

Von Sven Heitkamp

Foto: Jan Woitas/dpa

Das könnte Sie auch interessieren: