Dresden . Die Europäische Union will ihre Abhängigkeit von den USA und China bei Schlüsseltechnologien verringern. Mit einem neuen „EU Chips Act 2.0“ plant die EU-Kommission einen Kurswechsel in der Halbleiterpolitik. Statt allein neue Fabriken zu fördern, soll künftig die gesamte Wertschöpfungskette gestärkt werden – vom Chipdesign bis zur Nachfrage nach europäischen Produkten. Was steckt dahinter und welche Folgen hat das für Sachsen? Hier die wichtigsten Antworten.
In diesem Text lesen Sie:
- Warum muss Europa unabhängiger werden?
- Wie will Europa in der Halbleiterpolitik umsteuern?
- Wie erfolgreich war der erste EU Chips Act?
- Was bedeutet die neue Strategie für Sachsen?
- Was wollen Politik und Wirtschaft als Nächstes tun?
Warum muss Europa unabhängiger werden?
Halbleiter sind die Grundlage nahezu aller digitalen Technologien – von Smartphones über Autos bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig stammen viele wichtige Chips, Cloud-Dienste und digitale Infrastrukturen aus den USA oder Asien. Dadurch entstehen strategische Abhängigkeiten.
Die Sorge besteht, China oder die US-Regierung unter Präsident Donald Trump könnten durch Exportkontrollen das Angebot für europäische Industriekunden einschränken und sie so dauerhaft abhängen. Laut Studien ist die EU bei über 80 Prozent ihrer digitalen Produkte, Dienstleistungen und der Infrastruktur auf Anbieter außerhalb der EU angewiesen.
Die EU-Kommission will deshalb Europas technologische Souveränität stärken. Gerade beim Aufbau großer KI-Rechenzentren stellt sich die Frage, ob Europa künftig ausschließlich auf amerikanische Technologien setzt oder eigene Unternehmen stärker einbindet.
Der sächsische CDU-Europaabgeordnete Oliver Schenk verweist auf die geplanten Investitionen in große KI-Rechenzentren. Diese sollen bislang vor allem mit Chips des US-Unternehmens Nvidia ausgestattet werden. Schenk fordert deshalb: „15 bis 20 Prozent der benötigten Chips“ sollten künftig „bei europäischen Start-ups beschafft werden“. Davon könnte etwa auch das sächsische Unternehmen Spinncloud profitieren.
Wie will Europa in der Halbleiterpolitik umsteuern?
Der zentraler Gedanke lautet: Europa soll nicht nur mehr Chips produzieren, sondern auch mehr europäische Chips kaufen. Deshalb plant die EU unter anderem Vorgaben für die öffentliche Beschaffung. Regierungen sollen ermutigt werden, heimische Unternehmen bei strategischen Projekten bevorzugt einzubeziehen. Davon könnten insbesondere europäische Start-ups profitieren, denen bislang oft die ersten großen Kunden fehlen.
Schenk bezeichnet den neuen Ansatz als „ganzheitlichen Ansatz“, der künftig die gesamte Wertschöpfungskette umfasse, von der Rohstoffversorgung, über Forschung und Fachkräftegewinnung bis zum Chipdesign.
Auch der Branchenverband Silicon Saxony e.V. begrüßt diese Ausrichtung. Geschäftsführer Frank Bösenberg spricht von einer „überfälligen Antwort auf die strategische Frage, wie europäische Halbleiter ‚Demand-Pull‘ bekommen“, also einen Nachfrageschub.
Wie erfolgreich war der erste EU Chips Act?
Die Bilanz des ersten EU Chips Act fällt ernüchternd aus. Das Gesetz von 2022 sollte den europäischen Anteil an der weltweiten Chipproduktion bis 2030 auf 20 Prozent verdoppeln. Doch diese Strategie ist nicht aufgegangen. Intel hat seine Pläne für zwei große Waferfabriken in Magdeburg aufgegeben. Auch Wolfsspeed zog sich zurück.
Erfolgreicher ist die Entwicklung in Dresden. Hier laufen mehrere Großprojekte nach Plan: Infineon eröffnet seine vierte Fab am 2. Juli. Der Bau der ersten europäischen Chipfabrik von TSMC kommt voran. Globalfoundries darf seinen Standort in Dresden erweitern.
Trotz der Investitionen von insgesamt 16 Milliarden Euro wird Europas Anteil an der weltweiten Chipproduktion voraussichtlich nicht steigen, sondern nur bei sieben bis acht Prozent stabil bleiben. „Das Ziel des EU-Chips-Act 1 wurde nicht erreicht. Es war zu ambitioniert, denn es reicht nicht aus, einzelne Fabriken zu fördern“, so Schenk.
Was bedeutet die neue Strategie für Sachsen?
Für Sachsen könnte der neue Kurs erhebliche Vorteile bringen. Künftig sollen nicht nur völlig neue Fabriken förderfähig sein, sondern auch Erweiterungen bestehender Werke, Infrastrukturprojekte und Aktivitäten zur Rohstoffversorgung.
Als Beispiel nannte Schenk die Abhängigkeit von China bei der Versorgung mit Gallium. Mit dem neuen Chip-Gesetz könnten Projekte unterstützt werden, eine eigene Gallium-Produktion zu errichten. Das wäre für das Unternehmen Freiberger Compound Materials wichtig.
Das Ziel des EU-Chips-Act 1 wurde nicht erreicht. Es war zu überambitioniert, denn es reicht nicht aus, einzelne Fabriken zu fördern. – Oliver Schenk, sächsischer Europa-Abgeordneter für die CDU
Auch Silicon Saxony sieht große Chancen. Bösenberg lobt, dass künftig „Spezialmaterialien, Fertigungsanlagen, Leiterplatten, fortschrittliche Verpackung und fertigungsorientiertes Chipdesign“ stärker berücksichtigt werden. Damit werde „genau jene Wertschöpfungstiefe in den Förderhorizont gerückt, die Sachsen in den vergangenen drei Jahrzehnten aufgebaut hat“.
Auch die geplante Einführung sogenannter „Europäischer Exzellenzregionen für Halbleiter“ dürfte Sachsen entgegenkommen. Silicon Saxony gilt schon heute als Vorbild für ein solches Modell. Bösenberg und Schenk erwarten aber, dass dieses Label mit konkreten Vorteilen verbunden wird. Das könnten schnellere Genehmigungen, eine gezielte Berücksichtigung bei strategischen Investitionen oder ein leichterer Zugang zu Fördermitteln sein.

Quelle: Jan Woitas/dpa
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter verweist auf die besondere Stellung des Freistaats: „Sachsen ist heute der leistungsfähigste Halbleiterstandort Europas.“ Die Stärke liege im Zusammenspiel von „Forschung, Entwicklung, Produktion und industrieller Anwendung“. Nach Ansicht Panters kann Sachsen insbesondere von der stärkeren Förderung kompletter Innovationsketten profitieren.

Quelle: SZ/ Veit Hengst
Was wollen Politik und Wirtschaft als Nächstes tun?
Sowohl die Politik als auch die Industrie fordern nun, den neuen Kurs mit ausreichenden Finanzmitteln zu unterlegen.
Der Entwurf des Chips Act 2.0 muss zunächst das europäische Gesetzgebungsverfahren durchlaufen und könnte frühestens 2027 in Kraft treten. Entscheidend wird sein, wie viel Geld die EU im Haushalt für die Jahre 2028 bis 2034 bereitstellt.
Das Netzwerk Silicon Saxony setzt sich für die Forderung nach einer eigenständigen europäischen Halbleiter-Budgetlinie von mindestens 20 Milliarden Euro ein. Gleichzeitig verlangt die Branche eine bessere Abstimmung zwischen europäischer und deutscher Halbleiterstrategie.
Wirtschaftsminister Dirk Panter fordert darüber hinaus schnellere Genehmigungsverfahren, wettbewerbsfähige Energiepreise, mehr Fachkräfte sowie eine langfristig verlässliche Industriepolitik.
Sein Fazit: „Europa wird im globalen Wettbewerb nur erfolgreich sein, wenn wir unser technisches Knowhow und unsere industrielle Kraft um mehr Tempo und Kapitalmobilisierung ergänzen.“
SZ


