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Görlitzer Bett-Geschichten: Rieger feiert 95. Jubiläum

Eine Kissenfüllung aus Alpakawolle? Oder doch lieber Kamel oder Schaf? Kein Problem. „Hauptsache Natur“, sagt Birgit Rieger.

Lesedauer: 4 Minuten

Matthias Klaus

Plastikfasern haben bei ihr nichts zu suchen. Die Geschäftsführerin von Betten-Rieger zeigt im Verkaufsraum ihres Unternehmens, was heutzutage aus Wolle werden kann. „Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Tierpark Görlitz zusammen, bekommen von dort Wolle“, erzählt die Chefin.

In diesem Jahr feiert das Unternehmen in Schlauroth sein 95. Jubiläum. Aber die Ursprünge liegen noch weiter zurück und lagen auch nicht in Görlitz, sondern in Böhmen im Jahr 1905.

Beginn mit Baumwollresten

Anton Rieger war zu dieser Zeit Landwirt. Im Winter, wenn weniger zu tun war auf dem Feld, begann die Familie im Nebenerwerb mit der Aufarbeitung von Baumwollresten. Sein Nachfahre Oskar Rieger war eigentlich Zimmermann. „Aber er wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen, sein eigener Chef sein“, sagt Birgit Rieger.

Die Seniorchefs: Helmut und Christel Rieger auf ihrer Terrasse.
Die Seniorchefs: Helmut und Christel Rieger auf ihrer Terrasse.
Quelle: Martin Schneider

Und so gab Oskar Rieger das Zimmermannshandwerk auf und gründete 1930 eine Firma in Einsiedel bei Liberec (Reichenberg). Mit zehn Mitarbeitern startete er, stellte die Füllung der Möbel für Polsterer in der Region her. „Er fuhr damals mit dem Motorrad mit Seitenwagen bis in das Oberland“, so Birgit Rieger.

1938 erwarb Oskar Rieger ein Firmengebäude in Neundorf im Kreis Liberec und zog mit seiner Firma um. 1945 folgte die Vertreibung. Riegers verschlug es nach Schönau auf dem Eigen. Nach und nach stieg Oskar Rieger wieder in die Produktion ein. „Opa begann damals bei null“, sagt Birgit Rieger. Auf der Suche nach einer neuen Produktionsstätte stieß er auf ein Gebäude in Schlauroth.

Zu DDR-Zeiten nicht verstaatlicht

Der frühere Besitzer war in den Westen gegangen. Gemeinsam mit Sohn Helmut Rieger, der 1957 in den Betrieb eingestiegen war, zog die Firma 1959 nach Schlauroth um. Um eine Verstaatlichung zu DDR-Zeiten kam das Unternehmen herum. Offiziell, weil Oskar Rieger die Mitarbeiterzahl beschränkte. „Aber in der Familie erzählt man, dass Opa einfach keine Lust auf die Statistik hatte, die bei größeren Betrieben gefordert war“, erzählt Birgit Rieger.

Nach und nach wächst der Betrieb aber. So begann 1977 die Steppdecken-Produktion. Heute hat Betten-Rieger auch ein großes Verkaufsangebot. „Wir sehen uns aber in erster Linie als Produktionsbetrieb, als eine Manufaktur“, sagt die Geschäftsführerin.

Respekt vor großem Ganzen

Felicitas Catalano ist Birgit Riegers Tochter. Sie erklärt eine Maschine, die aus Wollflocken ein gleichmäßiges Vlies machen soll. Noch ist das technische Gerät nicht im regulären Einsatz. Es stammt aus Tschechien, aus einer Fabrik, die für Betten-Rieger gearbeitet hatte. Die tschechische Fabrik hat den Betrieb eingestellt, die Maschine wurde nach Görlitz verfrachtet.

Felicitas Catalano ist Birgit Riegers Tochter und arbeitet im Unternehmen mit.
Felicitas Catalano ist Birgit Riegers Tochter und arbeitet im Unternehmen mit.
Quelle: Martin Schneider

Felicitas Catalano kennt sich schon ziemlich gut mit ihr aus – theoretisch jedenfalls. Ob sie sich in Zukunft eine Übernahme des traditionsreichen Unternehmens vorstellen kann – sie weiß es nicht, noch nicht. „So eine Übernahme ist schon eine große Aufgabe“, sagt Felicitas Catalano. Interessiert sei sie, arbeitet nach ihrer Ausbildung ab 2016 zur Industrieschneiderin im Betrieb mit, etwa im Büro, Verkauf, beim Ausliefern.

„Ich habe großen Respekt vor dem großen Ganzen, das hinter dem Unternehmen steckt“, sagt Felicitas Catalano. Schließlich sei es schon ihr Ururgroßvater gewesen, der damals mit der Resteaufarbeitung den Grundstein für den Betrieb legte. „Wenn man dieses Unternehmen leitet, wird es dein Leben“, sagt Felicitas Catalano.

Sven Jainz arbeitet an der Steppmaschine bei Betten-Rieger.
Sven Jainz arbeitet an der Steppmaschine bei Betten-Rieger.
Quelle: Martin Schneider

Helmut Rieger, ihr Vater und ältester Sohn des Gründers, übernimmt 1990 die Firma von Oskar Rieger. Der ist inzwischen 90 Jahre alt. Im selben Jahr beginnt der Betriebsverkauf. Helmut Riegers Ehefrau Christel übernimmt diesen Teil.

Lisa Hänsel leitet die Näherei bei Betten-Rieger.
Lisa Hänsel leitet die Näherei bei Betten-Rieger.
Quelle: Martin Schneider

Birgit Rieger kommt ein Jahr später in das Unternehmen. Sie ist Textil-Ingenieurin, hat damals schon erste Erfahrungen in der Industrie gesammelt. Die Firma wächst. Der Betriebsverkauf zieht in einen Verkaufsraum um, das Sortiment wird um Bettwäsche, Matratzen und Lattenroste erweitert. 1994 kommt eine Maschine zur Reinigung von Bettfedern hinzu.

Ewa Chojnacka-Maier ist Mitarbeiterin bei Betten-Rieger
Ewa Chojnacka-Maier ist Mitarbeiterin bei Betten-Rieger
Quelle: Martin Schneider

Drei Jahre später wird ein neues Betriebshaus mit zwei Etagen und einer 700 Quadratmeter großen Verkaufsfläche eingeweiht. Das Sortiment wird erweitert. 2001 wird Birgit Rieger geschäftsführende Gesellschafterin. Das Unternehmen präsentiert sich im Internet, das Sortiment wird in den folgenden Jahren weiter aufgestockt. Bio und Nachhaltigkeit spielen eine große Rolle. Unter anderem können Kunden eigene Schafwolle mitbringen und sie bei Betten-Rieger verarbeiten lassen.

Helmut Rieger ist heute 90. Er arbeite heute noch ein bisschen mit, Büroarbeiten etwa, erzählt seine Tochter. Als Helmut Rieger das Unternehmen von seinem Vater übernahm, war der im selben Alter. Wie lange möchte Birgit Rieger noch weitermachen als Chefin? Sie lacht. „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich bin doch erst 60.“

Im September startet die Rieger-Jubiläumswoche. Näheres dazu gibt es im Internet.

SZ

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