Görlitz. Eigentlich war ja die Stasi schuld. Helmut Goltz muss lachen, wenn er diesen Satz sagt. Aber irgendwie stimmt er ja auch. Wäre nicht herausgekommen, dass der heutige Geschäftsführer der Görlitzer Hanf- und Drahtseilerei Westverwandte hat, wäre er vermutlich Sportlehrer geworden. Sein Traumberuf damals. „Aber so wurde ich nach einer Woche Studium an der DHFK exmatrikuliert“, sagt Helmut Goltz. Und das Fernstudium, das er dann aufnehmen wollte, wurde auch gleich gestrichen.
1977 unterschrieb Helmut Goltz seinen Arbeitsvertrag im Unternehmen des Vaters. „Darin war festgehalten, was ich werden wollte und sollte: Seilermeister“, erzählt der Unternehmer. Denn Ziel war es, dass er den Betrieb übernimmt – ohne Meistertitel wäre das nicht gegangen.
Tochter stieg 2015 in Betrieb ein
Ferne Vergangenheit. In der Gegenwart steht ein Geburtstag an, ein 190. Dieses Jubiläum feiert die Seilerei in diesem Jahr. Am 10. März gibt es dazu ein Festprogramm im Theater, die Einladungen werden gerade verschickt.
Helmut Goltz führt die Görlitzer Hanf- und Drahtseilerei als Familienbetrieb in der achten Generation. 2015 stieg seine Tochter Claudia Peschel-Goltz mit ein. Gemeinsam teilen sie sich heute die Führung des Unternehmens. „Ich hatte mich ab ungefähr 2010 gefragt, wer wohl den Betrieb irgendwann weiterführen wird“, so Helmut Goltz. „Dann hat meine Tochter aus heiterem Himmel gesagt, dass sie mitmachen möchte“, sagt er. Natürlich sei er froh darüber. „Die Unternehmensnachfolge ist damit gesichert.“
Die Zeit ab 1989 sei turbulent gewesen, sagt Helmut Goltz. Er, der keine große Ahnung von den Möglichkeiten hatte, in welcher juristischen Form ein Betrieb in der „neuen“ Zeit zu führen ist, musste lernen. „Wir waren ja von der wirtschaftlichen Juristerei völlig unbeleckt“, sagt Helmut Goltz. Aber mithilfe eines Kollegen aus dem Westen fand er sich schnell zurecht und wurde Mitglied in Fachverbänden.
Ausbildung wichtiges Thema
Vier Mitarbeiter hatte das Unternehmen damals. „Mit Familienangehörigen waren es acht“, sagt Helmut Goltz. Heute arbeiten rund 70 Kollegen und Kolleginnen in der Seilerei. 1996 bezog sie ihr heutiges Firmengelände im Gewerbegebiet Am Flugplatz. Es handelte sich um einen kompletten Neubau. Im Laufe der Zeit wurde er erweitert. Denn das Unternehmen ist gut im Geschäft.
Das liegt wohl auch daran, dass die Ausbildung schon seit 1990 ein wichtiges Thema ist. Heute arbeiten zwischen 75 und 80 Prozent ausgebildete Fachleute in der Seilerei, hinzu kommen fünf Seilermeister, inklusive Helmut Goltz. Aus- und Weiterbildung – das funktioniere auch ohne staatliche Vorgaben, sagt der Geschäftsführer mit Blick auf die Debatte um drei Tage Bildungsurlaub. „Wenn der Staat das unbedingt möchte, soll er es auch bezahlen“, sagt Helmut Goltz.
Wer sich bilden möchte, so seine Erfahrung, der mache das auch von sich aus, aus eigenem Antrieb.
Einen Familienbetrieb zu führen, sagt Helmut Goltz, sei nicht mit acht Stunden Arbeit am Tag getan. „Den Betrieb am Laufen halten ist das eine. Dann kommt noch der staatliche Überbau hinzu, Bürokratie“, so der Seilermeister.
Wirtschaftstransformation als Herausforderung
Er muss sich etwa um die Statistik für das Unternehmen kümmern. „Einen halben Tag pro Monat beschäftigt mich das schon“, sagt Helmut Goltz. Aber es bringe auch Vorteile. Er wisse genau in jedem Monat, wie das Unternehmen aufgestellt ist.
Schwierige Zeiten wie Corona habe die Seilerei gut gemeistert. 2022 stabilisierte sich das Unternehmen auf hohem Niveau, seit 2024 gehe es zudem weiter aufwärts. „Die Wirtschaftstransformation wollen wir meistern“, sagt Helmut Goltz. Denn Produkte aus der Görlitzer Seilerei stecken beispielsweise in Windrädern, Kraftwerken und in Schienenfahrzeugen.
Wir müssen die Welt einfach wieder realistischer sehen. – Helmut Golt, Geschäftsführer und Seilermeister
Letzteres ist ein Spezialgebiet des Unternehmens. Seile aus Görlitz stecken im ICE genauso wie in Güterwagen – genauer zwischen Wagenkasten und Drehgestell. „Wenn ein Fahrzeug zur Revision muss, wird es angehoben. Dann muss das Drehgestell genau parallel zum Wagenkasten hängen“, erläutert Helmut Goltz. Da sei Präzision beim Einbau der Seile gefragt, Präzision, die für dieses System nur aus Görlitz geliefert werden kann.
Innovation und Fortschritt trieben den Seilermeister schon immer an. In den kommenden 24 Monaten soll im Unternehmen investiert, sprich: erweitert werden. Dazu wird es bauliche Veränderungen am bestehenden Gebäudekomplex geben, zudem Veränderungen auf der zugekauften Fläche von Partec. Der Verkauf dort wird zugunsten der Produktion verkleinert, weil inzwischen viel über das Internet läuft. Zudem lässt die Seilerei neue Spezialmaschinen bauen.
Europaweit gut aufgestellt
Der Familienbetrieb ist inzwischen europaweit gut aufgestellt. Das hängt auch damit zusammen, dass Unternehmen, wenn sie Deutschland verlassen, die Goltz’schen Produkte weiterhin beziehen. Noch 2020 machte die Firma 0,1 Prozent des Umsatzes im Ausland, heute sind es zehn bis 15 Prozent.
Das ist zwar positiv für die Seilerei, der CDU-Mann Helmut Goltz sieht es jedoch mit gemischten Gefühlen. „Es ist ein Zeichen für die Abwanderung der Industrie aus Deutschland“, sagt er. Deutschland, so Helmut Goltz, sei dabei, seinen technologischen Fortschritt zu verspielen.
Deutschland brauche einen öffentlichen Kassensturz. Ausgaben müssten beschnitten werden, statt den Menschen zu sagen, dass sie mehr arbeiten sollen. „Wir müssen die Welt einfach wieder realistischer sehen“, sagt der Seilermeister.
Hochschule Zittau-Görlitz hilft bei Firmennachfolge
Die Hochschule Zittau-Görlitz möchte Familienbetrieben bei der Unternehmensnachfolge behilflich sein. Dazu ist eine Initiative geplant, die „Family Business Initiative für Innovation und Nachfolge in Sachsen“. Unter anderem gibt es eine Konferenz Sächsischer Familienunternehmen, Angebote an Seminaren, einen jährlichen Preis für eine „herausragende Nachfolge“ sowie Forschung und Begleitung zum Thema. Hintergrund: In Sachsen stehen bis 2030 bei rund 33.000 Familienunternehmen Führungsnachfolgen an. Davon sind 131.000 Arbeitsplätze betroffen. Jeder dritte Firmenchef in Sachsen ist über 60, viele haben noch keinen Plan für die Nachfolge.
SZ


