Bad Gottleuba. Kolibri war in der DDR ein bekannter Markenname. So hieß ein Faltboot, eine Schreibmaschine sowie Unterschriften- und Aktenordner. Die Ordner werden bis heute in Bad Gottleuba produziert, doch tragen immer öfter einen anderen Name. Jetzt hat der 1937 gegründete Familienbetrieb wirtschaftliche Probleme. Seit 1. September befindet er sich in selbst verwalteter Insolvenz.
In den drei Monaten von Juni bis August wurde bereits Insolvenzgeld gezahlt. Jetzt muss der Betrieb wieder alle Ausgaben selbst erwirtschaften. Zwei Mitarbeitern von 29 wurde bereits gekündigt, acht weitere müssen bis spätestens Ende des Jahres gehen, sagt der als Sachwalter eingesetzte Dr. Nils Freudenberg.
Das Unternehmen wird vom Geschäftsführer und einem anwaltlichen Berater geführt. Ein Mitarbeiter erhielt einen Aufhebungsvertrag. Aufgrund der finanziellen Probleme erhalten freigestellte Mitarbeiter keinen Lohn mehr.
Digitalisierung macht Branche zu schaffen
Die zu DDR-Zeiten bekannte Marke Kolibri verblasst, sagt Freudenberg. Man stelle in Gottleuba kaum noch Produkte mit diesem Namen her, sondern arbeite für andere große Namen, so zum Beispiel Soennecken. Wo also Soennocken draufsteht, steckt manchmal Kolibri drin.
Dazu kommen zwei große Trends, die den Gottleubaern Probleme machen: Es sind die Digitalisierung und öffentlichen Finanzen. Die Digitalisierung führt dazu, dass kaum noch Akten in Ordnern abgeheftet werden. Dieser Kampf habe in der Branche schon etliche Betriebe zur Aufgabe gezwungen, sagt Freudenberg. Andere können zwar deren Aufträge übernehmen, aber insgesamt geht der Umsatz in der Branche jährlich um etwa zehn Prozent zurück.
Fehlender Bundeshalt hat Konsequenzen
Der zweite Grund sind die Gelder von Kommunen, Ländern, dem Bund. Deren Haushalte als Grundlage für die Ausgaben von Geld werden immer später beschlossen und immer knapper. Da die öffentliche Hand, also die Verwaltungen auf verschiedenen Ebenen, der große Kunde ist, fehlt es auch hier. „Mehrere Bundesämter sind Kunde in Gottleuba“, sagt Freudenberg. Der Bund hat noch immer keinen beschlossenen Haushalt für dieses Jahr, er soll in der zweiten Septemberhälfte beschlossen werden. Für die klassische Unterschriftenmappe fehlt der Markt, außerdem sei sie unkaputtbar.
Kolibri habe sich lange noch mit Fremdkapital über Wasser halten können, sagt Freudenberg. Doch jetzt explodierten die Kosten bei zurückgehenden Aufträgen und Einnahmen. Die Insolvenz in Eigenverwaltung bedeutet, dass weiter gearbeitet wird, aber alle Kosten selbst bezahlt werden müssen. Deshalb auch die Kündigungen.
Seit 80 Jahren in Bad Gottleuba
Bis Ende November muss es Kolibri schaffen, kostendeckend zu arbeiten. Dann entscheidet die Gläubigerversammlung, wie es weiter geht. In ihr sind alle vertreten, denen Kolibri etwas schuldet. „Unser Anspruch ist, dass wir den Betrieb erhalten und wieder wettbewerbsfähig machen“, sagt Freudenberg.

Bürgermeister Thomas Peters (CDU) bedauert die Situation und hofft, dass der Betrieb Wege und Möglichkeiten findet, wieder rentabel zu arbeiten. „Er hat eine lange Tradition bei uns im Ort, es wäre sehr schade, wenn er es nicht schafft, sich wieder in schwarze Zahlen zu retten. Ich drücke die Daumen.“

Das 1937 gegründete Unternehmen ist seit 1945 und damit 80 Jahre in Bad Gottleuba. Kolibri-Geschäftsführer Holger Scholz möchte sich derzeit nicht äußern. Er führt das Familienunternehmen in dritter Generation.


