Interview von Catharina Karlshaus
Großenhain. Es ist zum Ritual geworden. Kein Tag vergeht, an dem er sich nicht über die aktuellen Zahlen informiert. Auf einem speziellen Internetportal ruft Christian Riedel ab, was keineswegs erfreulich ist: 18.000 Puten in derNähe von Seelow in Brandenburg am 21. Januar, sechs Tage später 44.000 Legehennen in einem niederländischen Geflügelbetrieb am Niederrhein, 30.800 Hennen imJerichower Land und 40.000 Broiler-Elterntierein Mecklenburg-Vorpommern am vergangenen Freitag. Sie alle mussten wegen der Vogelgrippe gekeult werden.
Auch wenn das Landratsamt Meißen nun zwei Allgemeinverfügungen aufgehoben hat, welcheunter anderem eine Schutz- und Überwachungszone sowie Bekämpfungsmaßnahmen festlegten. Die Gefahr, so derBegründer der Großenhainer Geflügelhof GmbH und Vorsitzender des Geflügelwirtschaftsverbandes Sachsen, wäre noch längst nicht vorüber.
Herr Riedel, als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, mussten im Ebersbacher Betrieb gerade über 300.000 Legehennen zwangsgetötet werden. Hat sich die Situation mittlerweile etwas entspannt?
Nein. Das hat sie keineswegs. Wenn wir lesen, dassvoreinpaar Tagenineiner Putenmastanlage nahe Geithain im Landkreis Leipzig rund 30.000 Tiere aufgrund eines Vogelgrippeausbruchs getötet wurden oder gut einhundert Schwäne auf dem Olba-See in Malschwitz verendeten, dann ist das sehr besorgniserregend. Wir haben es tatsächlich mit der schwersten Saison zu tun und die Auswirkungen sind verheerend. Deutschlandweit sind in den vergangenen Wochen mehr als 2,6 Millionen Tiere an der Geflügelpest gestorben oder mussten getötet werden. Und das Schlimme daran ist: Ein Ende scheint nicht in Sicht.
Gefahr einer Ansteckung immer noch hoch
Sie hatten vor Weihnachten darauf gehofft, dass winterliches Wetter zur Entspannung der Lage beitragen könnte. Nun liegt Schnee, die Temperaturen befinden sich teilweise massiv im Minusbereich, aber es treten neue Erkrankungen auf.
Genau, und das ist das Problem. Das Virus verändert sich und lässt sich offenbar auch nicht wie in den Jahren zuvor durch niedrige Temperaturen bezwingen. Deshalb ist die Gefahr einer Ansteckung nach wie vor hoch und ich kann jedem Züchter beziehungsweise Halter nur zur äußersten Vorsicht raten.
Zur Person
Christian Riedel stammt aus dem Priestewitzer Ortsteil Döschütz. Der Diplom-Agraringenieur begründete 1991 den Geflügelhof Großenhain GmbH & Co. KG und stand ihm Jahrzehnte als Geschäftsführer vor. Riedel gilt als Verfechter der umwelt- und artgerechten Boden- und Freilandhaltung für Legehennen. Im September 2024 wurde der 73-Jährige erneut zum Vorsitzenden des Sächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes (GWV) gewählt.
Das heißt, obgleich das Landratsamt Meißen Mitte vergangener Woche die Vorsichtsmaßnahmen gelockert hat, bleibt in der von Ihnen 1991 gegründeten Großenhainer Geflügelhof GmbH vorerst alles so, wie es bisher war?
Absolut.Wir schöpfen weiterhin alle Mittel und Möglichkeiten aus. Neben dem Aufstallungsgebot der Tiere wird strengstens auf die Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet. Das heißt, zu den Ställen gibt es weiterhin nur ein beschränktes Betretungsrecht. Die betreffenden Personen sind mit Schutzanzügen ausgestattet, Schuhe werden im Betretungsfall desinfiziert, danach gibt es stiefelartige Überschuhe. Es ist wichtig, dass wir die Gefahr den Mitarbeitern beziehungsweise jenen, die etwa das Futter im Betrieb anliefern, immer wieder vor Augen halten. Eine Unaufmerksamkeit kann drastische Folgen für das Unternehmen und alle, die darin tätig sind, haben.
Betriebsinhaber sind schwer getroffen
Die Vogelgrippe hat Sachsen in dieser Saison getroffen wie noch nie. Was bedeutet das für Ihre Branche?
Zunächst mal sprechen die Zahlen für sich. Mehr als eine halbe Million Nutztiere mussten getötet werden. Das bedeutet einen großen wirtschaftlichen Schaden für alle betroffenen Betriebe. Die namhafte Gänsezucht Eskildsen in Wermsdorf war ebenso betroffen wie gleich zwei Betriebe in Ebersbach, ein Unternehmen Anfang Januar im Landkreis Görlitz und vor wenigen Tagen musste der große Ausbruch in Geithain registriert werden. Das geht freilich nicht spurlos an der Branche vorüber. Besonders schlimm ist für die betroffenen Betriebsinhaber, im Bewusstsein leben zu müssen, dass nicht nur ihr gesamter Bestand und damit die Arbeit mehrerer Monate vernichtet worden ist. Sie benötigen überdies auch viel Geduld, da es nach dem festgestellten Ausbruch der Vogelgrippe, der sich anschließenden Keulung der Tiere und den umfangreichen Desinfektionsmaßnahmen in den Anlagen sieben bis acht Monate brauchen wird, bis die Produktion überhaupt wieder anlaufen kann. Vorausgesetzt, es gibt Jungtiere, denn der Markt dafür ist aufgrund der Seuche europaweit wie leer gefegt.
Impfstoffe für Hühner, Puten und Enten
Bereits Ende Dezember haben Sie angesichts der Tötung von über 300.000 Tieren in Ebersbach – die bislang größte Keulungsaktion in Zusammenhang mit der Geflügelpest in Sachsen – die Forderung nach einer Impfung erneuert. Bisher hat sich nichts getan, oder?
Nein, und das kritisiert auch unser sächsischer Verband.Während andere Länder wie Frankreich, Italien und die Niederlande bereits spezielle Impfprogramme umsetzen, herrscht hierzulande trotz der hohen Fallzahlen Zurückhaltung. Es ist aber dringend notwendig, dass sich die politisch Verantwortlichen damit auseinandersetzen. Es gibt seit Januar immerhin zwei Impfstoffe für Hühner und Puten sowie einen für Enten, der EU-weit zugelassen ist. Dabei handelt es sich um sogenannte DIVA-Impfstoffe, die eine Unterscheidung zwischen geimpften und infizierten Tieren ermöglichen sollen. Es gebe also Möglichkeiten, aber es fehle an den Rechtsgrundlagen für eine schnelle Umsetzung.
Keine Hamsterkäufe vor Ostern
Nach Weihnachten ist vor Ostern. Müssen die Kunden leere Eierregale befürchten?
Eindeutig nein. Vor Weihnachten hat es tatsächlich in einigen Verkaufsstellen tageweise Engpässe gegeben. Manchmal waren auch Eier nicht in jeder Größe und Haltungsform verfügbar. Eine Situation, mit der wir auch in den kommenden Monaten noch leben werden müssen. Einen Grund für Hamsterkäufe vor Ostern gibt es aber nicht. Und davon rate ich im Übrigen auch angesichts der begrenzten Haltbarkeit eines Eis dringend ab.
Äußerste Vorsicht, erst recht im Frühling
Herr Riedel, trotz der bereits besprochenen winterlichen Temperaturen, in denen sich das Virus vermeintlich unwohl fühlt, gibt es immer wieder neue Fälle. Verstärkt das die Befürchtungen, wenn Sie an den nahenden Frühling denken?
Selbstverständlich. Wenn es wärmer wird und die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurückkehren, könnte es ab Mitte Februar bis Ende März noch einmal eine weitere Infektionswelle geben. Gerade in betroffenen Regionen oder Gebieten, die dafür bekannt sind, dass dort Zugvögel rasten, würde ich in der gegenwärtigen Lage zur Beibehaltung der Aufstallung raten. Aber unsere Betriebe sind sich dessen bewusst und werden verantwortungsvoll damit umgehen. Denkbar wäre laut dem Friedrich-Loeffler-Institut auch, dass die massive Aktivität des Erregers im Herbst und Winter zu einer Immunität bei den Wildvögeln geführt hat. Wir müssen abwarten und können nur hoffen.
SZ


