Dresden. Mitten in diesem Festungsbauwerk soll ein Reinraum der Klasse 1 entstehen. Ein Raum zur Mikrochip-Produktion, der 50.000-mal staubfreier sein muss als ein Operationssaal im Krankenhaus. Noch sieht es auf der Baustelle des Moduls 4 von Infineon Dresden nicht so aus.
Bei Nieselregen darf eine Gruppe Journalisten an diesem Montag die Großbaustelle besichtigen und mit Sicherheitsschuhen durch Sand und über Betontreppen laufen. Die Notausgang-Wegweiser sind noch notdürftig mit Klebeband an rohe Wände gepappt.
Infineon schafft 1000 Arbeitsplätze, ESMC 2000
Nur noch zwei große Kräne drehen sich über der Infineon-Baustelle an der Königsbrücker Straße. Zwölf waren es während der vergangenen Monate. Von Weitem waren sie im Norden der Stadt gut zu sehen. Die meisten davon werden inzwischen auf der nächsten Großbaustelle der Dresdner Chipindustrie gebraucht. „Die stehen jetzt drüben“, sagt Infineon-Produktionsdirektor Gernot Loibnegger und zeigt in Richtung der künftigen Nachbarfabrik ESMC.
Bei ESMC entstehen in einer komplett neuen Fabrik 2000 Arbeitsplätze. Bei Infineon soll der Anbau des neuen Moduls 1000 zusätzliche Stellen schaffen. Ein Teil dieser neuen Arbeitsplätze entsteht im Reinraum, der Herzkammer jeder Chipfabrik. Die sei „im Prinzip fertig“, sagt Loibnegger vor einer Schleuse, durch die zwei Männer gerade dicke Lüftungsrohre auf einem Transportwagen schieben.

Quelle: Robert Michael/dpa
Der Reinraum hat einen Waffelboden – der ist durchlöchert, damit später ständig Luft abgesaugt werden kann. Noch liegen runde Deckel auf den Löchern. Aus der Decke wird künftig ein Luftstrom mit gleichbleibender Temperatur und Feuchte kommen. „Wir werden hier mehrfach putzen“, versichert der Produktionsdirektor. Jetzt werde das Transportsystem installiert.
Bis zum Produktionsbeginn im Herbst nächsten Jahres ist noch Zeit. Doch von außen sieht der neue Fabrikteil fast fertig aus. Festungsartig ragt die neue Südfassade in die Höhe.
Fassade wird mit Blech verkleidet
Die Dresdner Gestaltungskommission habe in Anlehnung an die Festung Königstein über Sandsteinfarbe für die Fabrik diskutiert, sagt Loibnegger.
Doch je nach Licht hätte das ausgesehen „wie im Barbie-Film“ und nicht zu Infineon gepasst. Daher werde die Fassade „mit normalem Industrieblech“ verkleidet wie Nachbarbauten.
Es gibt in Deutschland noch Baustellen, die Zeitplan und Budget einhalten. – Gernot Loibnegger, Infineon-Produktionsdirektor
Loibnegger führt die Besichtigungsgruppe abwärts, in einen hellen Tunnel. Es hallt. Dieser „Fluchttunnel“ sei eine Kuriosität der Dresdner Chipfabrik, sagt der Produktionsdirektor. Der lange Gang, breit wie eine Straße, musste zum Schutz der Mitarbeiter gebaut werden. Die Fluchtwege über das Fabrikgelände wären sonst zu lang. Treppentürme führen in den Rettungsgang, der „lufttechnisch getrennt“ von den anderen Räumen ist.

Quelle: SZ/Georg Moeritz
Noch etwas unterscheidet den Dresdner Neubau von den meisten Mikrochipfabriken: Die Planer mussten in die Höhe statt in die Breite denken und zwei Reinräume übereinander anordnen, mit zusammen gut 20.000 Quadratmetern Fläche. Auf dem Gelände am Rand der geschützten Dresdner Heide sei wenig Platz, erläutert der Bauherr.
Abwasser soll gereinigt in Kläranlage fließen
Zwischen den Reinräumen und darunter liegen Versorgungs-Etagen. Von dort werden später über Rohre Chemikalien und Wasser zugeführt, Pressluft und Kälte. Loibnegger zeigt beim Rundgang hohe blaue Tanks: Rund 60 Behälter für die Wasseraufbereitung würden installiert. Schwermetalle blieben in Filtern. „Das gereinigte Wasser geben wir zurück, über die Kläranlage Kaditz“, sagt Loibnegger.
Der Produktionsexperte findet es gut, dass die Fabrik über Leitungen durch die Heide mit „Elbuferfiltrat“ versorgt wird, also mit filtriertem Elbwasser statt Trinkwasser. „Wir reinigen das Wasser sowieso“, sagt Loibnegger.

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Auch mit dem Lausitzer Granitboden komme die Fabrik zurecht. Davon musste zwar einiges mühsam „weggepickt“ werden, bis zu 22 Meter tief.

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Doch Granit sei für Chipfabriken günstig, weil er kaum Erschütterungen erwarten lasse. Schließlich werden in der Fabrik Siliziumscheiben in vielen Schritten immer wieder beschichtet, belichtet, geätzt – da darf nichts ruckeln.
Mehr als 2000 Bauarbeiter sind in Schichten im Einsatz. Der Chipkonzern verbaut mithilfe des Generalübernehmers Exyte und vieler Firmen 35.000 Tonnen Stahl und 153.000 Kubikmeter Beton. Im April war Richtfest.
Die meisten neuen Arbeitsplätze schon dieses Jahr besetzt
„Im Herbst werden wir pünktlich die ersten Anlagen einbringen“, kündigt Loibnegger an. Es gebe also in Deutschland Baustellen, die Zeitplan und Budget einhalten. Das Budget ist allerdings gewaltig: Fünf Milliarden Euro kosten Bauwerk und Maschinen. Davon kommt eine Milliarde als Zuschuss vom Bund.

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Von den 1000 neuen Arbeitsplätzen werden 800 Ende dieses Jahres besetzt sein, sagt Infineon-Dresden-Geschäftsführer Raik Brettschneider. Er bestätigt, dass Mitarbeiter aus dem Infineon-Werk Regensburg dabei sind, das einige Hundert Arbeitsplätze einsparen muss.
Was tun die neuen Mitarbeiter, solange ihre Fabrik noch keine Maschinen hat? Einige sind in Projektteams an den Bauarbeiten beteiligt, sagt der Geschäftsführer. Für andere habe das „Training“ begonnen, damit sie zum Produktionsstart die Anlagen bedienen können. Die Fabrik wird Chips für Autos liefern, für Industriemaschinen und für die Stromversorgung.
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