Interview von Florian Reinke
Dresden/Leipzig. Christian Lindner ist mit dem Mercedes nach Dresden gekommen. Kurzer Handschlag mit den anwesenden Mitarbeitern, dann geht es ins Büro der Dresdner Niederlassung. Wenige Tage später macht Eigentümer Wilfried Wilhelm Anclam im Branchenpodcast „Autohaus“ öffentlich, was beim Treffen noch nicht Thema war: Lindner, 47, ehemaliger FDP-Bundesfinanzminister und seit Januar stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Autoland AG, soll im kommenden Jahr zum Vorstandsvorsitzenden aufrücken.
Herr Lindner, im November 2024 hat Olaf Scholz Sie als Finanzminister entlassen. Heute sind Sie stellvertretender Vorstandschef bei der Autoland AG und verkaufen Autos. Wenn Ihnen das vor drei Jahren jemand prophezeit hätte – was hätten Sie gesagt?
So abwegig war das nicht. In Hintergrundrunden mit Journalisten habe ich über viele Jahre gescherzt: „Nach der Politik verkaufe ich Autos.“ Das war halb Humor, halb Ernst. Meine Leidenschaft für Autos und für Vertrieb ist ja bekannt. Ich habe Freude an der Aufgabe.
Nach Ihrem Ausscheiden gab es lukrativere Angebote – London, New York, Finanzindustrie, Beratung. Warum ausgerechnet Sachsen-Anhalt?
Es gab viele Angebote, aber das attraktivste Paket kam nicht aus London, sondern aus Brehna. Anders als bei anderen Ex-Politikern schied für mich Lobbyarbeit oder Nähe zum Staat aus. Auch nur beraten und Deals einfädeln wäre meine Sache nicht. Ich wollte unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten. Die habe ich nun. Übrigens: Eine Urgroßmutter liegt in Radeberg begraben. Zwei Drittel der Lindner-Familie kommen aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Insofern fühle ich mich nicht fremd hier.

Quelle: SZ/Veit Hengst
Warum Lindner zu Autoland gewechselt ist
Wie kam der Kontakt zu Autoland zustande?
Der Eigentümer Wilfried Wilhelm Anclam hat mich letzten Sommer angerufen. Wir kannten uns zuvor nicht, aber er konnte aus der Entfernung meine Motive und Fähigkeiten gut einschätzen. Mich hat seine Geschichte, in 47 Jahren von null ein Milliardenunternehmen aufzubauen, beeindruckt. Auch die volkswirtschaftliche Bedeutung des Automobilhandels mit über 200 Milliarden Euro Volumen ist nicht jedem bekannt.
Eines hat Ihr Wechsel zu Autoland schon bewirkt: Plötzlich kennt man das Unternehmen auch im Westen. Wie sehr profitiert Autoland vom Lindner-Effekt?
Autoland war auch vor meinem Eintritt sehr erfolgreich. Aber in der Tat, der Eigentümer verbreitert das Management, weil wir wachsen wollen. Da geht es nicht um meine Person, sondern um eine erweiterte Strategie.
Was ändert sich privat, wenn man aus der Politik in ein Unternehmen wechselt?
Auch als Minister habe ich mich als Manager gesehen, der Projekte umsetzt. Für mich ist die Veränderung, dass Sonntag oder Montag sich heute unterscheiden. Vorher war das anders. Die Wochentage und viele Samstage sind weiter dicht geplant: Ich bin viel unterwegs – zwischen Berlin, dem Firmensitz Sandersdorf-Brehna und unseren Niederlassungen. Aber es gibt mit dem Sonntag ein echtes Wochenende, und damit Zeit für meine Familie und meine kleine Tochter.
Zurück zum Auto: Mit welchem sind Sie heute nach Dresden gekommen?
Mein rollendes Büro ist ein Mercedes.
Kein klassisches Autoland-Auto.
Bei uns gibt es auch Autos für Vielfahrer. Stand heute haben wir gut 300 Mercedes im Angebot. Das typische Autoland-Auto gibt es nicht. Über 30 Marken, Neu- und Gebrauchtwagen – vom günstigen Einsteigermodell bis zur gehobenen Klasse. Wahlfreiheit für die Kunden ist unser Konzept.

Quelle: Wolfgang Sens
„Es darf nicht sein, dass das Auto für viele zum Luxus wird“
Autoland wird manchmal als „Auto-Aldi“ bezeichnet. Was daran stimmt – und was nicht?
Ich habe größten Respekt vor dem Geschäftsmodell Aldi. Aber bei uns sind Discountpreise nur ein Teil der Marke. Dazu kommen die genannte Wahlfreiheit aus 15.000 sofort verfügbaren Fahrzeugen und das Versprechen verlässlicher Qualität. Die Analogie ist eher IKEA, Saturn oder Media Markt.
Neuwagen kosten heute im Schnitt über 40.000 Euro. Sie selbst fahren gern Oberklasse-Wagen – aber viele Ihrer Kunden können sich das nicht leisten. Ist das Auto für die Mittelschicht noch bezahlbar?
Es darf nicht sein, dass das Auto für viele zum Luxus wird. 70 Prozent der Fahrzeughalter in Deutschland leben nicht in einer Großstadt. Wer das Mobilitätsbedürfnis nur mit der Brille von Berlin-Mitte betrachtet, redet an der Mehrheit vorbei. Der durchschnittliche Neuwagenpreis liegt bei weit über 40.000 Euro. Bei uns gibt es für unter 25.000 Euro Top-Qualität. Vor allem vermitteln wir Finanzierungen, die durch geringe Raten Menschen mobil halten.
Zur Person
Christian Lindner ist seit Anfang 2026 stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Autoland AG. Von 2021 bis 2024 war Lindner Bundesminister der Finanzen. Zwischen 2013 und 2025 führte er als Bundesvorsitzender die FDP. Lindner studierte Politikwissenschaft, Staatsrecht und Philosophie (M.A.) in Bonn. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.
Wie Autoland die Expansion plant
Autoland ist vor allem im Osten bekannt, jetzt expandieren Sie bundesweit. Was sind Ihre Ziele?
Wir haben im März in Wismar eröffnet. In diesem Jahr folgen noch sieben weitere Standorte. Wir sind jetzt bei 37. Zum 50-jährigen Bestehen in drei Jahren werden wir Richtung 70 unterwegs sein – flächendeckend. Wir sind dann dichter in Ostdeutschland, stärker in Nordwestdeutschland, in Kürze auch mit der ersten Niederlassung in meinem Heimatbundesland Nordrhein-Westfalen vertreten.
Sie planen noch sieben Standorte allein in diesem Jahr. Überheben Sie sich damit?
Nein, wir könnten sogar noch schneller wachsen, die Nachfrage wäre da. Unser Engpass sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir brauchen Menschen, die Freude daran haben, andere beim Autokauf zu beraten – und Leute mit technischem Verständnis. Wir suchen ständig Verkaufstalente und Technikbegeisterte.
Warum sollte ein Handelskonzept aus Mitteldeutschland in Hamburg oder Düsseldorf funktionieren?
Das Mobilitätsbedürfnis ist in Ost und West gleich. Und einen freundlichen, fairen und flexiblen Umgang schätzen alle Kunden, egal in welcher Himmelsrichtung sie wohnen. Ich finde es großartig, dass mit Autoland einmal ein Unternehmen aus Ostdeutschland in den Westen expandiert, statt umgekehrt. Darauf sind wir stolz.

Quelle: SZ/Veit Hengst
Sie sind seit Januar dabei. Wo hat Christian Lindner bisher seine Handschrift hinterlassen?
Ich bin nicht gekommen, um unseren Top-Leuten den Automobilhandel zu erklären. Das können die bestens. Ich bringe andere Fähigkeiten mit. Für das Wachstum positionieren wir uns selbst als Marke. Autoland soll also eine eigene Marke werden und nicht ein Unternehmen sein, das nur andere Marken verkauft. Ich treibe die Digitalisierung voran. Ab 1. Juni gehen wir mit unserer Marke auto.de neu an den Markt. Unser Ziel für das zweite Halbjahr: Bundesweit online so viele Autos verkaufen wie eine unserer Niederlassungen in Dresden im Jahr.
Lindner plädiert weiterhin für Technologieoffenheit
Autoland fokussiert sich größtenteils auf Verbrennungsmotoren. Wann ändert sich das?
Unser Angebot ist immer orientiert an den Wünschen der Kundinnen und Kunden. Wenn die andere Antriebe wünschen, dann gibt es die bei uns. Durch die Spritpreise sehen wir tatsächlich gerade eine stärkere Nachfrage. Aber: Kundinnen und Kunden kommen zu uns und fragen nach einem E-Auto – und verlassen nach der Beratung die Niederlassung meist mit einem Plug-in-Hybrid. Gerade im ländlichen Raum passt das noch besser zu den individuellen Mobilitätsbedürfnissen.
Warum?
In Sachsen sind die Strecken oft weiter, zu Hause ist vielleicht keine Ladesäule vorhanden. Wir wollen die Leute nicht erziehen, welches Auto sie fahren sollen. Wir holen sie da ab, wo ihr Bedürfnis ist.
Heute Morgen konnte man auf Ihrer Website kein verfügbares E-Auto finden. Warum nicht?
Nicht alle Fahrzeuge sind online zu finden. Die vollelektrischen Fahrzeuge laufen bei uns jetzt hoch – die Nachfrage ist in Hamburg aber anders als in Dresden.
Viele Experten sagen, das E-Auto hat das Rennen schon entschieden. Müssten Sie Ihr Sortiment jetzt nicht radikal umstellen?
Nein, radikal wäre falsch. Wir werden über lange Zeit noch viele Verbrenner sehen – weil bestimmte Fahrprofile dafür sprechen und die Infrastruktur erst noch gebaut wird. Aber irgendwann im Laufe des nächsten Jahrzehnts wird das E-Auto der Standard sein. Die deutschen Hersteller sind bei batterieelektrischen Antrieben allerdings stark abhängig vom Import von Batterien, Rohstoffen und seltenen Erden. Würde man die gesamte deutsche Autoindustrie zu schnell auf vollelektrisch umstellen, würde das zu dramatischen Abhängigkeiten führen. Auch volkswirtschaftlich ist Technologieoffenheit also ratsam.
Kritik an E-Auto-Prämie, Lob für Tankrabatt
In Zwickau steht Deutschlands modernstes E-Auto-Werk – und Volkswagen fährt die Produktion gerade runter. Sie haben als Finanzminister die E-Auto-Prämie gestoppt. Hat das den Markt in die Krise gestürzt?
Für Entscheidungen des Managements von Volkswagen kann die Politik keine Verantwortung übernehmen. Auf Geld vom Steuerzahler sollte man keine Unternehmensstrategie aufbauen. Positiv gesagt finde ich gut, dass alle deutschen Hersteller inzwischen auf Technologieoffenheit setzen und bezahlbare E-Autos ins Programm nehmen.
Und die Prämie? Die aktuelle Bundesregierung hat inzwischen eine neue aufgelegt.
Was die damalige Umweltprämie angeht, habe ich ein reines Gewissen. Viele Fahrzeuge wurden mit Steuergeld subventioniert, in Norddeutschland auf riesigen Parkplätzen abgestellt und nach der Mindesthaltedauer als Fast-Neuwagen nach Skandinavien verkauft. Nur, um die Kaufprämie vom deutschen Steuerzahler einzusacken. Das habe ich damals gestoppt. Die neue Prämie ist besser als die alte – aber ich bin grundsätzlich kein Freund von Subventionen. Wenn man es unbedingt machen will: Eine Gutschrift auf Ladestrom wäre klüger. Dann profitieren Neu- und Gebrauchtwagen gleichzeitig. Jetzt profitiert nur der Neuwagen – was den Restwert bereits gekaufter E-Autos drückt. Die Besitzer verlieren bares Geld. Das hätte ich nicht gemacht.
Sie sind kein Freund von Subventionen. Den aktuellen Tankrabatt haben Sie allerdings begrüßt. Ist das nicht auch eine Subvention – und warum finden Sie die gut?
Ich sehe es umgekehrt. Die Energiesteuer auf Sprit ist eine Sanktion, die Benzin und Diesel künstlich verteuert. Diesen staatlichen Aufschlag braucht man nicht, wenn die Preise ohnehin hoch sind. Nur an die Pendlerpauschale für Berufstätige zu gehen, wäre zu kurz gesprungen. Im ländlichen Raum braucht man das Auto auch für die Familie – wer am Wochenende zur Oma fährt, ist schnell 25 Kilometer unterwegs. Daher ist es richtig, die Energiesteuer zu senken.
Die FDP sucht einen neuen Vorsitzenden. Wolfgang Kubicki sagt, Sie hätten ihn zur Kandidatur ermutigt. Halten Sie sich also doch nicht ganz aus der Politik raus?
Mit alten Freunden bleibe ich in Kontakt und gebe Einschätzungen, wenn man mich fragt. Aber selbst bin ich kein Akteur mehr.
Kubicki ist 74, sein Gegenkandidat Höne 39. Wäre es nicht klug, bewusst auf die neue Generation zu setzen?
In einer alternden Gesellschaft sollte man auf Erfahrung nicht verzichten. Alter ist kein Vorteil und kein Nachteil. Bezogen auf die Personalfrage der FDP glaube ich, dass man in welchen Rollen auch immer beide Persönlichkeiten braucht. Ich wünsche allen Beteiligten Fortune.
Sie haben gesagt, die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in die Politik zurückgehen, gehe gegen null. Gegen Null ist aber nicht gleich Null. Halten Sie sich eine Hintertür offen?
Ich war gern in der Politik. Aber alles hat seine Zeit. Heute fasziniert mich anderes. Ich habe noch denselben Tatendurst, aber den bringe ich nicht mehr in öffentlichen Ämtern ein, sondern gestalte lieberfür Kunden und Mitarbeiter. In der Politik sind andere dran.


