Leipzig. Ein Van rollt über das Vorfeld des Leipziger Flughafens. Hinter den beschlagenen Scheiben zieht die Kulisse des Airports vorbei: Frachtmaschinen, Urlaubsflieger, Abfertigungsfahrzeuge. Ein Flughafen ist immer auch ein Ort der Träume, der großen Reisen und der in braune Pappkartons verpackten Wünsche.
Und dann ist da der Krieg. Plötzlich sieht man sie, drei Antonovs vom Typ An-124 “Ruslan” – aufgereiht wie schlafende Drachen. An einer Flugzeugnase stehen vier Wörter in Großbuchstaben:
Be brave like Bucha.
„Sei tapfer wie Butscha“, Wörter wie ein elektrischer Schlag. Butscha, das ist eine ukrainische Stadt nordwestlich von Kiew. Butscha, das ist auch ein Symbol für den besonderen Schrecken von Putins Krieg. Ende März 2022 zogen die russischen Truppen hier ab. Sie hinterließen das Unbeschreibliche: Erschossene, mit Folterspuren, gefesselt. Fast alle Zivilisten. Butscha ließ die Welt erschaudern.
Nun steht die „Butscha“ in Leipzig, gut sichtbar auf dem Vorfeld in Schkeuditz. Eine der Antonovs, die Mut macht: Weil die russischen Truppen sie nicht zerstören konnten.
Im Video: Die Antonov An-124 in Leipzig/Halle
„Zweite Heimat“ für Riesenfrachter: Einblicke in die Antonov-Basis in Leipzig
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Quelle: Leipziger Volkszeitung
In der Ukraine ist der Luftraum gesperrt
Der Van rollt weiter. Er hat ein ukrainisches Kennzeichen. Seine Passagiere, Männer und Frauen, haben zwei Tage Fahrt hinter sich. Einer von ihnen verlässt zum ersten Mal seit Kriegsbeginn sein Land. Er kann nicht aufhören, aus dem Fenster zu starren. „Er hat zum ersten Mal seit damals wieder Flugzeuge gesehen“, erzählt ein Kollege. In der Ukraine ist seit Kriegsbeginn der Luftraum für zivile Flüge gesperrt.

Quelle: Wolfgang Sens
Die Ukrainer, eine Delegation der Antonov Airlines, sind nach Schkeuditz gekommen, um ihre Basis zu zeigen – zum ersten Mal seit dem russischen Überfall auf ihr Land. Es geht ihnen um Dankbarkeit, sagen sie. Für die Hilfe, die Deutschland geleistet hat. Für die Flächen am Airport, die sie nutzen dürfen. „Wir sind sehr glücklich darüber, hier Freunde zu haben“, sagt einer.
Eine graue Halle ist das Herzstück der Antonov-Basis
Die Antonov-Mitarbeiter tragen Namensschilder an ihren Uniformen, doch sie dürfen nicht namentlich genannt werden. Für diesen Besuch wurden militärisch strenge Regeln festgelegt: Alle Mitarbeiter bleiben anonym, Bildaufnahmen sind zwar erlaubt, aber nicht im Cockpit und im Frachtraum. Antonov, muss man dazu wissen, ist ein ukrainisches Staatsunternehmen.
Es ist das schönste Flugzeug der Welt. – Antonov-Mitarbeiter, am Flughafen Leipzig/Halle
Vor einer grauen Halle im Südbereich des Flughafens kommt der Van zum Stehen: das Herzstück der Antonov-Basis. In einem Bereich der Halle rollen Mitarbeiter Reifen, hinter einer Tür dröhnt höllischer Lärm – die Reifenwerkstatt. Männer in Overalls pumpen auf, ziehen Material auf Felgen, unterhalten sich auf Ukrainisch. Der Geruch von Metall, Lösungsmitteln und Kaffee liegt in der Luft. In einem Raum beugen sich Konstrukteure über Zeichnungen, Bleistifte kratzen über Papier, es wird berechnet und getüftelt.

Quelle: Wolfgang Sens
Noch weiter hinten: ein Lagerraum, tausende Werkzeuge und Ersatzteile liegen säuberlich aufgeräumt in beschrifteten Regalen. Neben der Tür sitzt ein Mann an einem kleinen Tisch, vor ihm liegt eine Liste: Jeder, der ein Teil oder Werkzeug holt oder zurückbringt, muss das sorgfältig notieren. Bleibt ein Schraubenschlüssel liegen oder gerät in die Technik, kann es tödlich enden. In 10.000 Metern Höhe gibt es keine zweite Chance.
In der kargen, fensterlosen Kantine zeigt der Mitarbeiter auf die Wände. „Hier hängen Bilder aus Kiew vor dem Krieg“, sagt er. Wie Kiew heute aussieht, weiß er nur von Bildern.
Antonov stationiert sechs Maschinen in Leipzig/Halle
Vielleicht ist der Krieg nirgends in der Region so nah wie hier. Sechs Antonov An-124 hat Antonov Airlines inzwischen nach Leipzig/Halle verlegt. Im Schnitt starten und landen rund zehn Maschinen pro Woche. Darunter auch: Flüge für das NATO-Programm SALIS. Neun europäische Länder können auf bis zu fünf Leipziger Maschinen zugreifen. Die NATO nutzt sie für strategische Lufttransporte: Militärfahrzeuge, Hubschrauber, Generatoren, Industrieanlagen.

Quelle: Wolfgang Sens
Natürlich profitiert auch Deutschland davon, die Bundeswehr kann die ukrainischen Frachter bei Bedarf nutzen. Die anderen Kunden? Vertraulich. Für das Unternehmen Antonov bedeutet jeder Flug auch Umsatz – und ein Stück mehr Handlungsfähigkeit im Krieg.
Und jetzt – dürfen wir hinein in die Antonov. Eine schmale Treppe wird ausgeklappt. Aber jetzt herrscht Kameraverbot. Ein Flugzeug, dessen Innenraum ein einziges Militärgeheimnis ist.
Nur acht Sprossen, dann steht man in einem der größten Flugzeuge der Welt. Unter den Füßen: Titanboden. „Nicht mal ein Beluga kann so viel Gewicht aufnehmen“, sagt ein Mitarbeiter stolz, Antonov überragt Airbus.
Der Frachtraum, so viel darf man verraten, ist 36,50 Meter lang, 6,40 Meter breit und 4,40 Meter hoch. Er wirkt eher wie eine Werkshalle. Kräne hängen an der Decke, an der Wand sind Ersatzräder und Gurte angebracht. Natürlich eine ukrainische Flagge.
Militärfahrzeuge, Züge, Triebwerke – alles schon in der Antonov transportiert
Was diese Antonov nicht schon alles geladen hat. Lkw, Militärfahrzeuge, Straßenbahnen. Züge! Lokomotiven! Triebwerke! Tatsächlich: Die An-124 gilt als einziges Frachtflugzeug, das ein zusammengebautes Triebwerk einer Boeing 777 im Rumpf transportieren kann. 2017, als eine Swiss-Maschine mit kaputtem Triebwerk in Nordkanada strandete, war sie praktisch die einzige Lösung.

Quelle: Wolfgang Sens
Um die Antonov zu beladen, lässt sie sich absenken. Innerhalb von drei Minuten fahren die Bugfahrwerke ein, der Boden neigt sich um 3,5 Grad. Lastwagen können direkt reinfahren. „Elefantentanz“ nennen die Mechaniker das, beinahe liebevoll. Und dann sagt ein Mitarbeiter diesen Satz: „Es ist das schönste Flugzeug der Welt.“ Er sieht stolz aus in diesem Moment.
Nicht nur er sieht das so, sondern auch Planespotter: Menschen, die extra zum Leipziger Flughafen reisen und auf den Aussichtsturm steigen. Das größte Glück dieser eingeschworenen Gemeinde: wenn eine Antonov abhebt.

Quelle: Wolfgang Sens
Antonovs – und ihre Faszination
Woher kommt die Begeisterung? Das kann man den Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt fragen, der über eine Mischung aus Technikbegeisterung und Staunen spricht. Viele Menschen, sagt er, wunderten sich, „dass ein Flugzeug dieser Größe überhaupt fliegen kann.” Und bei Antonov komme noch etwas hinzu: „Als Schulterdecker hebt sie sich aus dem Einerlei heutiger Verkehrsflugzeuge ab, bei denen man als Laie schon dreimal hinschauen muss, um einen Airbus von einer Boeing zu unterscheiden.”

Quelle: Wolfgang Sens
Die An-124, erklärt Großbongardt, bestehe „im Prinzip aus zwei übereinander gestapelten Röhren. Röhren sind im Gegensatz zu Kästen von sich aus äußerst stabil, weil sie die Belastung gleichmäßig über die Oberfläche verteilt. Die riesige untere Röhre bilde den Frachtraum, die kleinere darüber ist der Platz für das Cockpit und im hinteren Bereich der Platz für das Bordpersonal, also Lademeister, Techniker et cetera.”
Eine steile Treppe führt ins Cockpit der Antonov. Der Innenraum erscheint wie eine Zeitreise in die Luftfahrthistorie: Dutzende Schalter und Hebel, analoge Instrumente, man setzt auf bewährte Technik. Über 30 Jahre ist die Maschine alt.
Die Besatzung auf dem Flugdeck besteht meist aus sechs Leuten: Kapitän, Copilot, zwei Flugingenieure, ein Navigator und ein Funker. Während eine normale Passagiermaschine problemlos mit zwei Piloten auskommt, braucht so ein gigantischer Frachter mehr Personal. „Das Flugzeug ist groß und schwer, da braucht man mehr Leute“, sagt einer der Antonovler.
Ruheraum, Küche: Die Flugzeuge sind wie ein fliegendes Zuhause
Es geht weiter nach hinten in die Maschine: ein Ruheraum ohne Fenster, eine Küche. Die Flugzeuge sind auf der ganzen Welt unterwegs. Aus Masar-i-Scharif brachten sie für die Bundeswehr beim Abzug Militärgerät aus Afghanistan nach Schkeuditz; und nach schweren Erdbeben in Syrien und der Türkei transportierte eine An-124 rund 100 Tonnen humanitäre Güter für die notleidende Bevölkerung. Auch heute sind die Maschinen rund um die Welt unterwegs, die Besatzungen schlafen und kochen hier – ein fliegendes Zuhause.

Quelle: Wolfgang Sens
Zurück auf dem Vorfeld, möchten die Ukrainer noch etwas zeigen. Es geht in den Transporter, gut fünf Minuten Fahrzeit ins nördliche Flughafengelände. Hier, unmittelbar neben dem Schkeuditzer Terminal, steht eine weitere An-124 – es ist jene, die im Sommer für große Aufregung sorgte. Da gelang es den Ukrainern, in einer geheimen Mission eine sechste Maschine nach Leipzig/Halle zu retten. „Das war ein großer Job mit großen Risiken“, sagt ein Mitarbeiter.
Wie die Ukrainer ihre sechste Antonov nach Leipzig retteten
Die Piloten schalteten den Transponder bis zur polnischen Grenze aus. Unsichtbar fliegen, so weit wie möglich. Die Sorge war riesig: Könnte der Riesenfrachter ins Visier russischer Flugabwehr geraten? Ein Abschuss in 10.000 Metern Höhe – das wäre das Ende gewesen. Diesmal ging alles gut. Aber die Angst bleibt.
Wie es ausgehen kann, wissen sie auch am Leipziger Flughafen. Einer, der sich inzwischen an fast zwei Jahrzehnte Partnerschaft zurückerinnern kann, ist Uwe Schuhart. Der Konzernsprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG spricht von einer „besonderen Zusammenarbeit”, die über die Jahre gewachsen sei. „Das hat man auch an der Frequenz der Besuche der An-225 gesehen”, erzählt Schuhart.
Die Antonov-225 war das größte Flugzeug der Welt – und mehrfach in Leipzig/Halle zu Gast
Ach ja, die An-225 „Mrija”. Das größte Transportflugzeug der Welt. Über 30-mal war es zu Gast in Leipzig. Jedes Mal war das ein Highlight, oft gab es Zeitungsschlagzeilen. Bis sie in Hostomel, nördlich von Kiew, in den ersten Tagen des Kriegs zerstört wurde. 250 Tonnen Fracht konnte der Riesenvogel tragen. „Das war tragisch“, erinnert sich Schuhart – auch in dem Wissen, dass die Maschine ebenfalls nach Leipzig/Halle ausgeflogen und gerettet werden sollte. Dazu kam es nicht mehr.
Bald soll die Partnerschaft zwischen dem Flughafen Leipzig und Antonov in eine neue Phase eintreten: Im Nordbereich entsteht ein neuer Wartungshangar. Auf einer 24.000 Quadratmeter großen Fläche, fertig bis Mitte 2027, allein finanziert von Antonov. Und das nur gut einhundert Meter Luftlinie von drei russischen Antonovs entfernt: Die drei russischen An-124 sind in Leipzig gestrandet, dürfen aufgrund der Sanktionen nicht abheben. Russische und ukrainische Antonovs auf einem Flughafen – das ist weltweit einmalig.
Antonov errichtet Hangar in Schkeuditz
In der Branche hat man diese Investition von Antonov aufmerksam registriert: „Das ist ganz klar ein langfristiges Bekenntnis zu Leipzig”, sagt der Experte Heinrich Großbongardt. „Auch wenn der Krieg in der Ukraine hoffentlich bald beendet werden sollte, ist auf absehbare Zeit nicht mit einer Verlegung nach Kiew zu rechnen.”
Doch manchmal ist Krieg auch in Leipzig ganz nah. Gerade erzählt einer der Männer im Van noch vom Leben in Kiew. Von der Angst, jede Nacht, von Sirenen, vor der Unsicherheit, ob die Smartphone-App wirklich einen Luftalarm ankündigt. Von der Unsicherheit.

Quelle: Michael Strohmeyer
Der Krieg ist der ständige Begleiter
Dann klingelt wirklich ein Smartphone, der Besitzer zuckt zusammen. Es ist derselbe Ton, der Luftangriffe in Kiew ankündigt. Dieses Mal kam er von einer anderen App. Ein falscher Alarm, doch die Reflexe sind da. Jeder der Antonov-Mitarbeiter hat Familie, in Kiew, Charkiw oder Lwiw. Viele haben Freunde im Krieg verloren. Junge Männer, manche erst Anfang zwanzig. „Es ist hart, wenn man am Grab steht“, sagt einer.
Es geht wieder in den Van. Zurück zur „Butscha“, dem sanften Riesen, der auf dem Vorfeld steht – am Flughafen Leipzig/Halle, wo Menschen schöne Urlaube antreten, wo bald Tausende Weihnachtsgeschenke ankommen – hat sie eine zweite Heimat gefunden.
Und ist dieses Fleckchen Ukraine, mitten in Sachsen, damit nicht auch ein Ort des Widerstands? Ein Zeichen, dass nichts verloren ist, dass es weitergeht?


