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Herr über tausend Dinge

Uwe Györvari aus Grünhain-Beierfeld war jahrzehntelang Fleischer. Dann kam ein Quereinstieg der besonderen Art.

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Mann steht in einem Einkaufsmarkt.
Uwe Györvari ist der Quereinstieg gelungen. Heute ist er Filialleiter bei Woolworth in Lugau. Foto: Ulrich Langer

Von Ulrich Langer

Lugau. Die Geschichte hat etwas Bizarres: Erst 30 Jahre Schwein gehabt und nun ist bei ihm erst recht alles paletti. Uwe Györvari, drei Jahrzehnte Fleischer, fühlt sich nun wohl als Leiter der Woolworth-Handelskette im erzgebirgischen Lugau – das schon seit fast sechs Jahren. Und dass das dortige Einkaufszentrum, in dem sich seine Verkaufsstätte neben etwa 30 anderen Shops, Fachmärkten, Dienstleistern und Gastronomiebetrieben befindet, gar Paletti-Park heißt, passt zusätzlich noch gut ins Bild. Der heute 54-Jährige hat kurz vor seinem fünften Lebensjahrzehnt umgesattelt. Ein Neustarter, wie er im Buche steht. Als Fleischer hat er von 1992 bis Ende 2021 mit Schweinen seine Brötchen verdient. „Das war eine schöne Zeit“, erinnert er sich. Mit etwas Wehmut in der Stimme fügt er hinzu: „Es war angenehm damals.“ Und dennoch hat er einen scharfen Schnitt gewagt. „Zentnerschwere Schweinehälften zu teilen in die vom Kunden gewünschten Portionen – ist eine schwere Arbeit, das geht auf die Dauer schon im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knochen.“ Und erschwerend hinzu kam die ewige Fahrerei von seinem Wohnort im nördlich von Schwarzenberg gelegenen Grünhain-Beierfeld bis zum Betrieb der Franken-gut Fleischwaren GmbH in Döbeln/Großweitzschen: 100 Kilometer hin, 100 Kilometer zurück. „Auch das hinterlässt seine Spuren.“ Kein Wunder, „dass ich dadurch recht wenig Zeit für meine Familie hatte“, berichtet der Vater vierer inzwischen erwachsener Kinder. Diese beiden Erschwernisse „drängten“ Györvari schließlich und endlich zu dem Entschluss, neu zu starten.

„Bereut hab ich es keineswegs“, sagt Györvari, der inzwischen schon doppelter Opa geworden ist. Klar, die Arbeit sei jetzt komplett anders geartet. Nach seiner Ausbildung zum Fleischer, spezialisiert auf Schlachtung/Zerlegung in der Firma Fleischversorgung Chemnitz von 1989 bis 1992, startete er seine berufliche Laufbahn bei der Gausepohl Fleisch GmbH, dem Rechtsnachfolger der Fleischversorgung Chemnitz. Hier agierte er als Leiter der Zerlegung, in der Wurstverarbeitung, als Komissionierer im Fleischversand und in der Qualitätskontrolle. „Pro Tag zerteilten wir in Spitzenzeiten 2500 Schweinehälften in Schinken, Koteletts, Futter- und Bauchteile. In unserem Bereich waren wir 20 Leute.“ 13 Jahre lang – dann heuerte Györvari als Kolonnen-Führer, Zerlegemeister und Qualitätskontrolleur bei der Fleischverarbeitung Willmann Kernen (bei Stuttgart) an. „Als mobile Truppe waren wir in ganz Deutschland zugange und haben Schweine, Wild und Rinder verarbeitet“, erzählt er. Nach einer zweijährigen Zwischenstation wieder bei Gausepohl war der gebürtige Burgstädter seit 2010 als Abteilungsleiter Wareneingang und Disposition bei der Franken-gut Fleischwaren GmbH aktiv.

Komplett neuer Arbeitsalltag
Von dort dann der Sprung zu Woolworth. „Ich hatte mich auf eine Ausschreibung zur Ausbildung als Filialleiter bei der Handelskette beworben und wurde genommen“, freut sich Györvari – gesprochen Tchörwari. Sein Vater Laszlo Ferrenc Györvari stammte aus Ungarn und hatte zu DDR-Zeiten im Buchungsmaschinenwerk Markersdorf bei Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, gearbeitet. Die Lugauer Woolworth-Filiale hat der Ex-Fleischer mit eingerichtet und die Eröffnungsfeier mitgestaltet. „Das war im Oktober 2021.“ Nun kümmert er sich zusammen mit seinen acht Beschäftigten um alles, was in einem Verkaufsgeschäft eben so zu tun ist mit über 10 000 Artikeln von Haushalts- und Deko-Waren über Spiel- und Schreibwaren bis hin zu Textilien. Selbst Süßigkeiten und eine kleine Auswahl Getränke sind dort zu haben. Da gilt es, alles zu sortieren, in die Regale zu packen oder auf die Kleiderständer zu hängen. „Die großen fahrbaren heißen in der Fachsprache Textil-Verräumungsstangen“, erklärt der Chef.

Dass er sie selbst durchs Geschäft an die richtige Stelle schiebt, ist keine Seltenheit. „Hier bei uns greift jeder mit an. Wir helfen uns gegenseitig. Als Leiter kann ich doch nicht nur anweisen.“ Das heißt selbstredend, die regelmäßigen Warenlieferungen zweimal wöchentlich anzunehmen und zu kontrollieren, die Waren auszupreisen, Textilien auch aufzubügeln, regelmäßig zu prüfen, ob alles an seinem Platz ist. Nicht zuletzt sind Preisanpassungen umzusetzen. „Natürlich sitze ich auch ab und an der Kasse, da springe ich rasch mal ein, wenn Not am Mann oder an der Frau ist.“ Dazu kommt der ganze bürokratische Kram: Dienstpläne erstellen, Kostenkontrolle durchführen, Umsatz und Personalkosten erfassen und checken, ob ein Plus oder Minus unter dem Strich steht. Und falls mal ein kleiner Warenengpass entstehen sollte, „tauschen wir uns unter uns elf Filialen in Mitteldeutschland ganz unkompliziert aus“. Von Plauen bis Gera und Altenburg erstreckt sich das Woolworth-Händler-Netz.
Und dann ist da noch eine Besonderheit, die Györvari mit etwas Stolz in der Stimme erwähnt: „Unsere Filiale ist neben der in Gera die einzige unter den elf, die selbst ausbildet.“ Vor Kurzem ist wieder eine junge Frau angetreten, die sich bei ihm zur Storemanagerin, also Filialleiterin qualifiziert.
Györvaris Arbeitsalltag hat sich also komplett gewandelt. „Vom Fleisch zu Textil ist schon nicht ohne.“ Es gelte, sich zu konzentrieren und auf das Neue einzustellen. Aber: „Alles ist erlernbar, wenn man nur will“, ist er überzeugt und fügt rasch an: „Wir sind in der Filiale wie eine Familie, jeder unterstützt jeden.“ Das sei das Schöne an seinem jetzigen Beruf. „Man darf sich frei entfalten, seine Vorstellungen und Gedanken einfließen lassen, wie die Abläufe besser gestaltet werden können.“ Der Umgang mit den Kunden bereite ihm Freude und der Zusammenhalt in seinem Team erst recht. „Jeder Mitarbeiter bringe seine Ideen ein. Oft sind es welche, die ich selbst nicht hatte. Auch wenn ich etwas falsch gemacht habe, wird es ohne Hemmung angesprochen und dann miteinander verbessert.“

All das macht sein neues Berufsleben jetzt aus und „ist äußerst wohltuend“, schätzt Györvari ein. Und nicht nur er. „Bei Woolworth zählen nicht nur die Motivation und der Elan junger Menschen, sondern ebenso die Erfahrung und Gelassenheit älterer Generationen“, betont Lea Seiffart, Regional-Personal-Managerin bei Woolworth im Osten Deutschlands. „Rund 20 Prozent unserer Mitarbeitenden sind 50 Jahre oder älter.“ Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung leisteten sie einen wichtigen Beitrag zu starken Teams und positiven Einkaufserlebnissen. Darauf sei das Unternehmen sehr stolz.
Györvari genauso. „Wir sind in der Filiale wie eine eingeschworene Familie“, betont er nochmals. Kein Wunder, dass ihm das gefällt. Es passt zu ihm, dem Ehemann mit vier Kindern und zwei Enkeln, die allesamt in der Region um Schwarzenberg beheimatet sind. Also im wahrsten Sinne: alles paletti.


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