Leipzig/Dresden. „Sachsen ist Industrieland“ – dieser Satz war lange die unerschütterliche DNA des Freistaates. Doch das Fundament bekommt Risse. Eine Auswertung dieser Zeitung belegt: Sachsens Werkshallen haben im Jahr 2025 so viele Beschäftigte verloren wie seit der Corona-Pandemie nicht mehr. Experten warnen: Was wir hier erleben, ist keine konjunkturelle Delle mehr. Hier bricht eine Struktur.
Der Befund in Zahlen: Im Dezember 2025 arbeiteten im verarbeitenden Gewerbe (Betriebe ab 50 Beschäftigten) noch genau 226.921 Menschen. Ein Jahr zuvor waren es 233.100.
Das bedeutet: Binnen zwölf Monaten zählt die offizielle Statistik in den größeren Fabriken und Werkshallen 6179 Beschäftigte weniger. Das verarbeitende Gewerbe umfasst industrielle und handwerkliche Fertigung – vom Automobilbau über Maschinenbau bis Chemie.
Das Minus von 2,65 Prozent markiert den stärksten Einbruch seit 2019. Damit fällt Sachsen tiefer als der bundesweite Negativtrend: Laut der Prüfungsgesellschaft EY sank die Zahl der Beschäftigten bei Industrieunternehmen um 2,3 Prozent.
Kein Ausrutscher, sondern Systemkrise
Wäre Sachsen ein Patient, müsste man fragen: Ist das nur ein Schnupfen oder schon eine Lungenentzündung?
Joachim Ragnitz, Vize-Chef des ifo-Instituts in Dresden, sieht den Abwärtstrend schon länger. Zum neuerlichen Absturz sagt er: „Das ist keine konjunkturelle Delle mehr, sondern in der Tat ein strukturelles Problem.“

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Der Langzeit-Check offenbart die ganze Härte. Zieht man die Linie vom Dezember 2019 bis heute, fehlen im verarbeitenden Gewerbe (ab 50 Mitarbeiter) 11.834 Beschäftigte. Das entspricht einem Minus von fast fünf Prozent.
Mit Blick auf alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zeigen Zahlen der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit: Seit 2019 sind rund 23.000 Beschäftigte weniger in der Industrie tätig.
Leiser Abschied aus dem Markt
Doch nicht nur das: Auch die Zahl der Betriebe sinkt. Seit 2019 ist ihre Zahl um gut acht Prozent zurückgegangen. Ende 2025 waren es noch 1260 Betriebe, vor der Pandemie 1370. Wie lässt sich dieser Gesamttrend erklären?
„Dahinter verbirgt sich auf der einen Seite, dass viele Betriebe einfach nicht mehr wettbewerbsfähig sind“, erklärt Ragnitz, etwa wegen einer hohen Belastung durch Arbeits- und Energiekosten. „Aber auch, dass viele Betriebe einfach mangels günstiger Zukunftsperspektiven oder ungünstiger Nachfolgeperspektiven aus dem Markt ausscheiden.“

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Wichtig ist: Die Statistik erfasst nur Betriebe mit mindestens 50 Beschäftigten. Rutscht ein Unternehmen unter diese Schwelle, taucht es in der Statistik nicht mehr auf – obwohl es vielleicht noch existiert.
Forscher Ragnitz beobachtet den Trend aber auch bei Betrieben ab 20 Beschäftigten. Tatsächlich zeigen Daten der Landesstatistiker: Auch bei Firmen ab 20 Mitarbeitern gingen bis 2024 bereits Tausende Industriebeschäftigte verloren – der Schwund zieht sich durch alle Größenklassen. Und auch die Zahl der Betriebe ist rückläufig.
Kosten, Bürokratie – und technologische Konkurrenz
Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig, analysiert: „Die Zahlen deuten weniger auf eine breite Stilllegungswelle hin als auf eine schleichende strukturelle Erosion: Viele Industriebetriebe verkleinern sich oder wachsen nicht mehr. Genau darin liegt derzeit das größere Risiko für den Standort.“
Die IHK zu Leipzig nennt drei Killer für den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Erstens die Kosten: Energie und Arbeit seien in Deutschland so teuer, dass heimische Produkte auf dem Weltmarkt bisweilen chancenlos sind. Zweitens die Bürokratie: Sie frisst die Ressourcen, die für Innovationen fehlen. Und drittens die Technik: Gerade im Automobilsektor holenRivalen aus Übersee rasant auf – oft zu günstigeren Preisen. „Wir erleben keinen normalen Konjunkturabschwung, sondern einen substanziellen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit“, resümiert Präsident Kirpal.
Autoindustrie leidet besonders
Besonders hart trifft es laut Arbeitsagentur die sächsischen Herzmuskeln: Die Automobilindustrie inklusive Zulieferer, der Maschinenbau, die Metallbearbeitung und das Druckgewerbe verlieren seit 2019 massiv an Substanz und Beschäftigung.
Zugleich gibt es laut Sprecher Frank Vollgold Branchen, die sich stabil entwickeln und Beschäftigung aufbauen: Dazu gehören etwa die Pharmaindustrie oder die Reparatur und Installation von Maschinen.
Das ist keine konjunkturelle Delle mehr, sondern ein strukturelles Problem. – Joachim Ragnitz, Vize-Chef Ifo-Institut Dresden
Wie ernst die Lage insgesamt ist, zeigt die Kapazitätsauslastung. Laut Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft ist sie auf 77 Prozent gesunken.
„Als kritischer Wert gilt eine Normalauslastung von 85 Prozent“, warnt der Arbeitgeberverband. „Wird dieses Niveau dauerhaft unterschritten, wird Personalabbau erforderlich – was sich bereits zeigt.“
Das Tal der Tränen wird länger
Ein schnelles Ende ist nicht in Sicht. Für 2026 rechnet ifo-Experte Ragnitz zwar mit einer leichten wirtschaftlichen Erholung, doch die sächsische Industrie werde wohl „nochmals leicht schrumpfen“.
Als wären die Probleme nicht groß genug, beschleunigt der demografische Wandel den Schwund. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat er Sachsen bereits eine halbe Million Beschäftigte gekostet. Allein bis 2030 gehen in Sachsen laut Arbeitsagentur über 100.000 Menschen verloren, weil viele Arbeitsfähige in Rente gehen und nur wenige nachkommen.
Zwei Faktoren ersticken zudem die Hoffnung auf dynamisches Wachstum: die unberechenbaren globalen Risiken und die anhaltende Kaufunlust im Inland. „Die Konjunkturprogramme des Bundes kommen ja im Osten kaum zur Geltung. Und wachstumspolitische Impulse gibt es ja bisher sowieso kaum“, sagt Forscher Ragnitz.
Für ihn ist klar: „Da ist zunächst einmal die Bundespolitik gefordert: Bürokratieabbau, steuerliche Erleichterungen, Sozialstaatsreformen; das volle Programm also.“ Sachsen könne da selbst wenig tun. Gefragt sind auch die Unternehmen: Diese müssten versuchen, durch Innovationen wettbewerbsfähiger zu werden. Fest steht: Die Industrieregion Sachsen steht vor ihrer größten Bewährungsprobe seit den 1990er-Jahren.
SZ


