David Berndt, Dirk Westphal, Henriette Kuhn, Martin Skurt, Olivia Daume, Roxana Irrgang, Steffen Brost und Matthias Puppe
Leipzig/Dresden. Am 1. Mai startet in Deutschland ein sogenannter Tankrabatt. Um der unter anderem durch die Krise in Nahost ausgelösten Preisspirale an Tankstellen abzufangen, hat die Bundesregierung Energiesteuern auf Diesel und Benzin gesenkt – um konkret 14,04 Cent pro Liter. Zudem muss darauf auch keine Mehrwertsteuer gezahlt werden, sodass am Ende pro Liter sogar 16,7 Cent Entlastung aus Berlin vorgegeben wurden.
Doch werden die Mineralölfirmen die Entlastungen auch tatsächlich an die Kundinnen und Kunden an den Tankstellen weitergeben? Wir haben uns am Freitag an zahlreichen Orten umgehört und tatsächliche Erfahrungen mit dem neuen Tankrabatt gesammelt:
Landkreis Bautzen:2,03 Euro für den Diesel und 1,92 Euro für E10 – so sahen die Literpreise am frühen Vormittag des 1. Mai beispielsweise noch an der Star-Tankstelle an der Bundesstraße B98 in Neukirch/Lausitz aus. Am Nachmittag zuvor kosteten der Diesel noch 2,27 Euro und E10 2,15.

Quelle: SZ/David Berndt
Entlastung würde Olaf Schwarz das aber nicht nennen. Der 39-jährige Neukircher ist Angestellter einer Baufirma und hat gerade den VW-Transporter vollgetankt. Rund 164 Euro für etwas mehr als 80 Liter Diesel bezahlt er dafür. „Das reicht vielleicht für eine Woche, wenn überhaupt. Dann ist der Tank wieder leer.“ Aus seiner Sicht müssten die Preise noch weiter runtergehen. „Der Diesel sollte 1,50 Euro pro Liter kosten, maximal.“
Autofahrer halten altes Preisniveau nicht mehr für möglich
Landkreis Leipzig: An der Wurzener Tankstelle „Tank-Point“ (Dresdner Straße) mussten am Freitag 2,06 Euro für Diesel, 1,97 Euro für E10 gezahlt werden. Franko Könnecke blickte gegen Mittag mit kritischem Blick auf die Anzeige: „Ich arbeite als Reitsportsattler und bin auch auf das Auto angewiesen. Deswegen ärgert mich das mit den Spritpreisen“, so der 32-jährige aus Wurzen.
Er sehe den Tankrabatt noch lange nicht bei den Bürgern ankommen. „Ich verstehe auch nicht, dass der Diesel nicht billiger ist als Super-Benzin. Ich glaube grundsätzlich auch nicht mehr daran, dass es irgendwann mal wieder an das alte Preisniveau schafft.“

Quelle: Steffen Brost
Nordsachsen: An der Eilenburger Shell-Tankstelle stand der Diesel am Freitag auch bei 2,06 Euro pro Liter, 1,99 kostete Superbenzin mit E10-Zusatz. „Ich bin als Dachdecker jeden Tag mit dem Auto unterwegs. Da ärgern einen schon die hohen Spritpreise“, sagt Erik Strobel. Auch er sieht die von der Bundesregierung gesenkte, fast 17 Cent geringere Steuerlast nicht wirklich beim Verbraucher ankommen. „Sonst wäre es heute schon deutlich unter zwei Euro gegangen. Die ganze Situation ist nicht schön. Aber aufregen macht die Preise auch nicht günstiger“, so der 30-Jährige weiter.
Stadt Dresden: An der TotalEnergies-Tankstelle an der Wiener Straße 39 am Großen Garten bleibt der große Andrang am Morgen zunächst aus. Kein Wunder: Die Preise liegen weiterhin über der Zwei-Euro-Marke. Doch um 10.45 Uhr kommt Bewegung in die Anzeigetafel – Diesel sinkt auf 2,05 Euro, Super auf 2,02 Euro und E10 rutscht sogar auf 1,97 Euro.
Für Arne kommt die Preissenkung jedoch etwas spät. Der 24-jährige Student war bereits eine halbe Stunde zuvor an der Zapfsäule. „Ich habe meinen Kanister schon vollgetankt – die fünf Liter waren da leider noch teurer“, sagt er. Wirklich entlastet fühlt er sich durch den Tankrabatt ohnehin nicht. „Ich bin meistens mit dem ÖPNV unterwegs. Außerdem gibt es, glaube ich, sinnvollere Wege, um Autofahrer zu entlasten. Man muss nur aufpassen, dass man mit Steuergeldern nicht vor allem die Gewinne von Konzernen erhöht.“

Quelle: marion doering
Getankt wird bei ihm Super – für ein besonderes Fahrzeug: einen alten Moskwitsch. „Der Großvater meines Mitbewohners war 1972 DDR-Rallye-Meister und hat das Auto damals gekauft und später wieder so hergerichtet, wie er selbst damals gefahren ist.“ Ob es an der Tankstelle weiterhin so ruhig zugeht, bleibt abzuwarten. Doch mit Preisen unter zwei Euro – zumindest für E10 – könnte sich das bald ändern.
Zustimmung für Tankrabatt – aber Preise noch immer zu hoch
Stadt Leipzig: An einer Leipziger bft-Tankstelle (Torgauer Straße) herrscht am Freitagmorgen reger Betrieb. Die Autos reihen sich in Schlangen an den Zapfsäulen. Vielleicht auch wegen gesenkter Preise: Für den Liter E10 muss hier 1,97 Euro gezahlt werden, Diesel gibt es für 2,04 Euro. Insgesamt sind das jeweils zehn Cent weniger als noch am Vortag.
Alex und Dennis Kerimov freuen sich sichtlich über die Entlastung: „Vom Tankrabatt wussten wir gar nichts“, sagt Alex und begrüßt die Maßnahmen der Bundesregierung. „Für den Ottonormalverbraucher, aber auch für zum Beispiel Spediteure oder Lieferservices ist die Senkung eine Erleichterung“, findet der 24-Jährige. Günstiger könnte es natürlich noch immer sein – er erinnert sich noch gut an 1,60 Euro für den Liter Diesel.

Quelle: Roxana Irrgang
Sein Bruder sieht es nicht ganz so positiv: „Für mich kommt die Senkung zu spät. Ich bin Industrietechniker und pendle jeden Tag von Leipzig nach Schkeuditz, bin auf mein Auto angewiesen“, sagt Dennis Kerimov. Die gestiegenen Kosten seien deutlich spürbar. „Zum Ende des Monats hin wird das Geld knapper. Auch die 12-Uhr-Regelung hat nichts gebracht. Dann war der Sprit den ganzen Tag über teuer“, sagte der 30-Jährige.
Pendler hadern mit Preisen und sehen keine Alternative zum privaten Auto
Janka Neubert war am Freitag mit ihrer Familie gerade auf dem Weg in den Urlaub und wusste ebenfalls nichts von den Steuersenkungen. Sie freut sich darüber, aber für Pendler reiche das nicht aus. „Heute ist der Preis zwar 15 Cent günstiger als das letzte Mal, als ich tanken war, trotzdem ist es immer noch weniger von viel. Der Tankrabatt löst das langfristige Problem von uns Pendlern nicht“, findet die 59-Jährige.

Quelle: Roxana Irrgang
Sie fahre täglich eine halbe Stunde zur Arbeit als Assistenz der Geschäftsführung und sei privat auch viel mit dem Auto unterwegs. „Seit der Ölkrise zahle ich fast 60 Euro mehr pro Tankfüllung, das ist schon eine Hausnummer.“ Alternativen zum eigenen Auto gebe es für sie kaum. „Leipzig ist so schlecht angebunden, dass ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eine halbe Stunde länger zur Arbeit fahren würde. Dass die Preise sich nicht stabilisieren, verstehe ich nicht. Umliegende Länder bekommen es ja auch hin“, sagt die Leipzigerin.
Mittelsachsen: An der ESSO-Tankstelle in Döbeln Nord lagen die Preise am Freitag nach 12 Uhr bei 2,20 Euro für den Liter Diesel, 2,09 Euro für Super E10 und bei 2,15 Euro für den Super E5. Mehrere Autofahrer schüttelten nur ungläubig mit dem Kopf und hatten bestenfalls etwas Ironie für die ausgebliebene Entlastung.
„Das kannst du vergessen, denn die Spritpreise wurden zuvor so in die Höhe getrieben, dass das jetzt an der Zapfsäule nicht viel ausmacht. Eigentlich bringt das gar nichts, denn die geben das doch nicht 1:1 weiter“, sagte die 60-jährige Kerstin Zimmermann, die als Büroleiterin einer Versicherungsagentur arbeitet und Leitungsmitglied der Abteilung Fußball beim Döbelner SC ist.

Quelle: Dirk Westphal
Aus ihrer Sicht ruiniere die Preispolitik an den Tankstellen nicht nur die kleinen Handwerker und Transportunternehmen, sondern auch die Vereine, die die Kinder zum Beispiel zu Spielen fahren. „Woher sollen die das Geld noch nehmen? In unserem Verein haben wir für eine Tankfüllung des Kleinbusses vor Beginn des Iran-Krieges ungefähr 80 Euro bezahlt. Jetzt sind es 130 Euro“, rechnete sie vor.
Landkreis Meißen: An der Sprint-Tankstelle auf der Dresdner Straße in Meißen herrschte zur Mittagszeit am Freitag kaum Betrieb. An den Preisen konnte das nicht unbedingt liegen, denn diese waren im Vergleich zu den Vortagen günstiger: 2,02 Euro für den Dieselliter, Super für 1,99 Euro und E10 für 1,93 Euro standen gegen 12 Uhr auf den Anzeigetafeln.
Lagerarbeiter Marcus Stolz tankt ohnehin meist gezielt. „Ich schaue vorher online, wo es günstig ist, auch wenn ich nur zwischen 20-30 Euro einfülle“, sagte der 47-Jährige. „Wir müssen alle sparen, da bin ich froh, dass der Sprit jetzt etwas billiger ist.“ Für ihn ging es am Feiertag weiter mit Kind zum Tischtennisspielen.

Quelle: Martin Skurt
Auch die 65-jährige Rentnerin Edeltraud Rietig freute sich über die niedrigeren Preise. Nach einem Ausflug in den Biergarten Boselblick am Elberadweg in Coswig-Sörnewitz stoppte sie auf dem Rückweg nach Oschatz in Meißen. Sie gibt zu, dass sie bewusster fährt, findet den Tankrabatt aber trotzdem klasse, um mobil zu bleiben. „So eine Fahrt wie heute gönne ich mir, trotz der Preise.“
Ernüchterung: Tanken in Polen bleibt weiterhin günstiger
An der Meißner Aral-Tankstelle in der Hochuferstraße 11 kostet Diesel um 16.30 Uhr 2,05 Euro, Super 2,02 Euro und E10 1,96 Euro. Kurzzeitig sind alle Zapfsäulen belegt, da wohl viele Ausflügler vor der Heimfahrt noch einmal den Tank vollmachen wollten.
Dazu gehörte auch der 63-jährige Angestellte Marius Ehrig. Er kommt aus Freiberg und radelte heute mit seiner Frau von Meißen nach Dresden und zurück. Zum Tankrabatt hat er eine klare Meinung. „Er ist wertlos. Er löst das Problem nicht.“ Außerdem sei es in Polen viel günstiger, sagt er mit müdem Lächeln. Das ärgere ihn, da es doch der gleich Sprit wie in Deutschland sein müsste.
Kraftfahrer Basher Ibrahim sieht es etwas positiver. Nachdem der 25-Jährige auf der Autobahn teils 2,70 Euro zahlte, ist er auf dem Heimweg nach Leipzig froh über die Senkung. Er war in Meißen, um seine Familie zu besuchen. „Der Rabatt ist nicht optimal, aber auf jeden Fall besser als vorher.“ Nun ist er auf dem Weg zu einem See bei Leipzig, um dort den Abend ausklingen zu lassen.
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