Dresden. Sachsen hat gute Chancen, Teil-Standort für ein milliardenschweres Satelliten-Projekt zu werden. Der Freistaat konkurriert um die Ansiedlung neuer Fertigungsstätten des Bremer Satellitenherstellers OHB zur Kleinserienproduktion von Satelliten. Die Landesregierung und der Konzern führen dazu derzeit Gespräche, wie beide Seiten bestätigten. „Sachsen verfügt mit seiner Hightech-Industrie, einer exzellenten Innovationslandschaft und den gut ausgebildeten und engagierten Fachkräften über herausragende Voraussetzungen für die Satellitenproduktion“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zu Sächsischer Zeitung und Leipziger Volkszeitung.
Technisch ähnelt das Projekt dem Satellitennetzwerk Starlink von Elon Musk: Mehr als 100 Satelliten sollen binnen gut zweieinhalb Jahren Panzer, Schiffe und Soldaten vernetzen. Die Konstellation „SatcomBW Stufe 4“ soll das größte Raumfahrtprojekt Deutschlands werden. Ziel ist es, eine souveräne Kommunikation der Bundeswehr sicherzustellen und die Truppe mit taktischen Daten zu versorgen. Also: weniger Abhängigkeit von Systemen wie Starlink.

Quelle: Christoph Soeder/dpa-ENR-Pool/dp
Der Auftragswert wird insgesamt auf acht bis zehn Milliarden Euro geschätzt – und macht das Projekt auch industriepolitisch hoch relevant. Zuerst hatte das „Handelsblatt“ darüber berichtet.
Sachsen ist für OHB-Vorständin Sabine von der Recke ihr „persönlicher Favorit“. Sie sagte zu Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung: „Sachsen hat alle Voraussetzungen, um zur Verteidigungsfähigkeit unseres Landes erheblich beizutragen, und ich finde, man kriegt schon mit, dass sich die Entscheidungsträger auch dafür stark machen.“ Allerdings konkurriert der Standort mit Bremen und Neuss in Nordrhein-Westfalen (NRW).
Unternehmen müssen sich breiter aufstellen, und da kann Rüstung eine Komponente sein. – Werner Olle, Branchenexperte
Fällt die Wahl auf Sachsen, wäre das der Einstieg in eine neue industrielle Wertschöpfungskette. Im Freistaat würde nicht mehr nur jeder dritte europäische Chip produziert, erstmals würden vor Ort komplette Raumfahrtprodukte entstehen. Das könnte zusätzliche Nachfrage bei Zulieferern und im Arbeitsmarkt auslösen und Sachsen stärker in sicherheitsrelevante Industrien einbinden.
Denn die Rüstungsindustrie wächst seit dem russischen Angriff auf die Ukraine rasant. Gleichzeitig trifft die Krise der Autozulieferer viele Regionen in Sachsen und Ostdeutschland besonders hart. Die neue Studie „Wachstumsbranche Defence, eine Option für die Automobilzulieferindustrie“ vom Verband Automotive Thüringensieht deshalb Chancen, Produktionskapazitäten umzulenken: von Karosserieteilen und Elektronik hin zu militärischen Anwendungen. „Unternehmen müssen sich breiter aufstellen, und da kann Rüstung eine Komponente sein“, sagte Branchenexperte Werner Olle der Deutschen Presseagentur.
Erstes Treffen mit der Bundeswehr
Projekte wie die Satellitenproduktion könnten diesen Wandel beschleunigen. Erfolgversprechend sei vor allem, Teile oder Komponenten an Rüstungsunternehmen zu liefern oder sich mit anderen Unternehmen zusammenzutun, die schon in diesem Bereich tätig sind.
Am 5. März traf sich OHB mit Rheinmetall sowie Airbus und dem Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr. Nach „Handelsblatt“-Informationen streben die Unternehmen eine Kooperation an. Die Bieter müssen nun ein Konzept vorlegen, inklusive möglicher Produktionsstandorte. Die Ausschreibung hat die Bundeswehr Anfang März verschickt – mit geheimen technischen Details.
Von der Recke nennt als Kriterien Infrastruktur, Logistik und Fachkräfte – sowie „Aspekte, die wir nicht öffentlich besprechen möchten“. Dabei ist OHB längst in Sachsen gelandet – bislang allerdings vor allem im Forschungsumfeld, nicht in der industriellen Produktion.
Genau daran dürfte sich entscheiden, ob Sachsen mehr wird als ein Zulieferstandort. Denn in Görlitz betreibt die Tochter Digital Connect zwar bereits eine Außenstelle. Und Ende Oktober 2025 übernahm das Unternehmen zudem den Elektronikhersteller TechniSat in Schöneck. Doch bei der TechniSat-Übernahme im Herbst mahnte OHB-Vorstandsvorsitzender Marco Fuchs: „Für die moderne Raumfahrt, die vor allem aus Satellitenkonstellationen besteht, müssen wir in ganz neuen Stückzahlen denken.“
SZ


