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Kunstleder-Spezialisten aus dem Vogtland sind „Sachsens Unternehmer des Jahres“

Die Siegerstatue „Die Träumende“ geht 2026 an Mareen und Gregor Götz von der Vowalon Beschichtung GmbH in Treuen. Wie schaffen es die Geschwister, mit Textilien „Made in Sachsen“ auf dem Weltmarkt zu bestehen?

Lesedauer: 4 Minuten

Die Geschwister Mareen und Gregor Götz führen gemeinsam den Textilhersteller Vowalon in Treuen. Sie wurden am 8. Mai als Sachsens Unternehmer des Jahres 2026 ausgezeichnet. Quelle: SMWA/CHRISTIAN SCHNEIDER-BROECKER

Eva-Maria Hommel

Treuen. Als im Sommer 2024 bei den Olympischen Spielen ein Ballon über Paris in den Himmel stieg, stieg ein Stück Textil aus dem Vogtland mit in die Luft. Wenn man auf einem Kreuzfahrtschiff übers Meer fährt, kann man sich auf einem Sitzbezug der Firma Vowalon ausruhen. Auch die Sitze von Sesselliften in den Bergen sind oft mit Kunstleder des vogtländischen Familienbetriebs bezogen. Doch man braucht nicht um die Welt zu reisen, um mit Textilien von Vowalon in Berührung zu kommen. Auch Sandalen, Zahnarztstuhl oder Autositz können mit Kunstleder aus Treuen bezogen sein.

Allerdings: Nirgendwo steht „Vowalon“ drauf. Denn der Betrieb produziert die technischen Textilien, die dann vom Kunden weiterverarbeitet werden. „Unser Geschäft endet mit der Rolle“, sagt Gregor Götz. Der 48-Jährige führt gemeinsam mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Mareen das Familienunternehmen.

„Von der Rolle“ ist man bei Vowalon allerdings nicht: Das Unternehmen erwirtschaftet nach eigenen Angaben jedes Jahr einen Umsatz von rund 50 Millionen Euro. Auf dem fünf Hektar großen Gelände stehen Produktionshallen, meist zweistöckig und miteinander verbunden. Etwa zehn Millionen Quadratmeter Beschichtungen auf PVC- und Polyurethanbasis entstehen dort jedes Jahr. Und das in Zeiten, in denen hohe Energiekosten und Konkurrenz aus Asien die Textilindustrie an die Belastungsgrenze bringen. In Ostdeutschland sind nach Auskunft des Verbands der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie noch 1200 Textil- und Bekleidungsunternehmen aktiv. 2025 schlug der Verband Alarm: „Die ostdeutsche Textil- und Bekleidungsindustrie steckt weiterhin in einer tiefen strukturellen Krise.“ Der Umsatz war innerhalb eines Jahres um neun Prozent gesunken.

Blick auf das Werkgelände von Vowalon in Treuen im Vogtland.
Blick auf das Werkgelände von Vowalon in Treuen im Vogtland.
Quelle: David Rötzschke

Auch Vowalon leidet unter hohen Energiekosten, Fachkräftemangel und Bürokratie. Dass sich die Firma dennoch kontinuierlich weiterentwickelt, hat die Jury des Preises „Sachsens Unternehmer:in des Jahres“ beeindruckt. Sie hob die ausgeprägte Resilienz sowie das klare Bekenntnis zur Region hervor: „Vowalon steht beispielhaft für die Transformation klassischer Industrien hin zu innovativen Hightech-Anwendungen.“ Deshalb sind Gregor und Mareen Götz am Freitag als „Sachsens Unternehmer des Jahres“ mit der Statue „Die Träumende“ ausgezeichnet worden.

Zu DDR-Zeiten stellte man Heimtextilien her

Wer die beiden in Treuen besucht, stellt fest: Das Erfolgsgeheimnis ist die ständige, aber behutsame Veränderung. Symbolisch dafür steht das historische Empfangsgebäude. Es erinnert daran, dass an diesem Ort schon Textilien hergestellt werden, seit Bernhard Maerker im Jahr 1900 seine Firma dort gründete. Am Anfang war das Wachstuch, das man zunächst auf Leinöl-Basis herstellte – bis heute steckt es als Silbe „wa“ im Firmennamen. Das „Vo“ steht für das Vogtland. Zu DDR-Zeiten produzierte der VEB Vogtländische Wachstuchfabrik Treuen unter anderem Sitzbezüge für Wartburg oder Trabant. Zur Wendezeit hieß der Werksdirektor Friedmar Götz.

„Ohne unseren Vater und seinen Mut wären wir heute nicht da, wo wir sind“, betont Mareen Götz. Er übernahm damals die Firma von der Treuhand. Mareen Götz: „Ich habe ihn mal gefragt: ‚Woher wusstet ihr, dass das klappt?‘ Da hat er gesagt: ‚Wir wussten es nicht. Wir haben einfach gemacht‘.“ Ihr Vater ist 2015 aus dem Unternehmen ausgeschieden, aber als beratende Stimme immer noch präsent.

Der Preis

Der Wettbewerb „Sachsens Unternehmer:in des Jahres“ ist eine Initiative von Sächsischer Zeitung, Freier Presse, Leipziger Volkszeitung, MDR Sachsen, Volkswagen Sachsen, Schneider + Partner, Sächsischer Lotto-GmbH, So geht sächsisch und AOK Plus.

Heute führen die beiden – zumindest äußerlich – ungleichen Geschwister das Werk des Vaters weiter. Gregor Götz, meist im Hemd und dunklem Sakko anzutreffen, war nach seinem BWL‑Studium zunächst als Produktionsleiter eingestiegen und später in die Geschäftsführung gewechselt. Seine Schwester, gerne bunt und elegant gekleidet, wobei eine Handtasche aus eigener Produktion nicht fehlen darf, hat in Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und begann im Controlling, bevor sie dann die Geschäftsführung mit übernahm.

60 Millionen Euro investiert

Seit der Wiedervereinigung wurden rund 60 Millionen Euro investiert. Darunter in Rundstrickmaschinen, mit denen man einen Teil der Vorprodukte selbst herstellt, anstatt sie aus Asien zu importieren. „Wir wollen uns unabhängig machen und unser Know-how erweitern“, erklärt Gregor Götz. Aus demselben Grund hat das Unternehmen auch eine eigene Instandhaltungs- und IT-Abteilung.

Alec Wohlrab arbeitet seit 2020 in der Qualitätssicherung des Unternehmens. Auf die Flexibilität ihrer Mitarbeitenden sind die beiden Chefs sehr stolz.
Alec Wohlrab arbeitet seit 2020 in der Qualitätssicherung des Unternehmens. Auf die Flexibilität ihrer Mitarbeitenden sind die beiden Chefs sehr stolz.
Quelle: David Rötzschke

Auch die Pasten für die etwa 100 Meter lange Beschichtungsanlage stellt das Team selbst her. Mischereimeister Lukas Klitzsch und seine Kollegen mischen sie nach Kundenwunsch. Auf der Beschichtungsmaschine wird die Paste zunächst auf ein Spezialpapier aufgebracht. Die Beschichtung ist Präzisionsarbeit. Zum Aushärten durchlaufen die Textilien den Trockenofen. Die Flammkaschierung, bei der ein Verbundmaterial etwa für Sitze in Zügen entsteht, ist in einem eigenen Gebäudekomplex untergebracht. Für den hohen Energiebedarf der Fabrik reicht die Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach nicht aus. Der Betrieb ist auf Erdgas angewiesen.

Unsere Mitarbeiter sind sehr flexibel. Sie machen uns immer wieder stolz. – Mareen Götz, Geschäftsführerin Vowalon GmbH

Kunststoffbeschichtung verbraucht fossile Rohstoffe – Vowalon sucht nach Alternativen. Ein Beispiel ist das Kaffeekunstleder, das aus Abfallstoffen der Kaffeeproduktion hergestellt wird und zu 50 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht.

Digitaldruck oder Prägungen sollen dafür sorgen, dass das Kunstleder von echtem Leder kaum zu unterscheiden ist. Wer jeden Tag damit arbeitet, erkennt die Muster – ein Running Gag in der Familie, wie Geschäftsführerin Mareen Götz erzählt: „Wenn wir unterwegs sind, schauen wir uns die Sitzbezüge an und sagen: ‚Das ist von uns‘.“

Die Hälfte des Umsatzes hängt an der Autoindustrie

Ein Erfolgsgeheimnis von Vowalon: Das ist der Spagat zwischen Nische und Großserienproduktion. Einerseits werden einzelne Rollen hergestellt. Sattler, die noch von Hand Polstermöbel herstellen, kaufen sie. Andererseits produziert die Belegschaft auch mal 20.000 Laufmeter am Stück für Autositzbezüge – mehrere europäische Autohersteller gehören zu den Kunden, etwa die Hälfte des Umsatzes hängt an der Autoindustrie. „Unsere Mitarbeiter sind sehr flexibel. Sie machen uns immer wieder stolz.“ 18 Azubis und Mitarbeiter im dualen Studium arbeiten in der Firma.

Gut vernetzt sind die Geschwister Götz auch, unterstützen lokale Vereine, reisen aber auch mal nach Indien, um Kontakte mit Lieferanten zu pflegen. Auch wenn sie international unterwegs sind und in mehr als 40 Länder exportieren, den Standort im Vogtland würden sie niemals aufgeben. Mareen Götz: „Wir sind und bleiben Vogtländer.“

SZ

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