Luisa Zenker
Dresden. Flachglasmechaniker Matthias Henker schiebt eine Glasplatte auf das Band. Sein Gesicht spiegelt sich auf der sauberen Scheibe. Dann rollt sie in den mehr als 500 Grad heißen Ofen. Rot glüht sie darin für ein paar Minuten, danach wird die Scheibe rasch heruntergekühlt. „Mit diesem Verfahren zerbricht es nicht so schnell. Ich hab unser Glas sogar schon in der Münchner U-Bahn gesehen“, sagt Henker. In dem Werk bei Nossen dreht sich alles um Glas. Klirren tut es dafür selten, sagt Henker. „Eine von 200 Scheiben zerbricht uns.“
200 Beschäftigte veredeln dort Fenster für Züge und Hochhäuser – selbst für das neue Kanzleramt sind sie verantwortlich. SchollGlas produziert in vier Ländern Scheiben für Fahrzeuge, Gewächshäuser, Möbel, Kühlschränke. Die Produktion laufe gut, so ein Sprecher. Doch nicht überall sieht es so rosig aus. Die schlechten Nachrichten in der sächsischen Glasindustrie mehren sich.
Radeburger Glashersteller in Geldnot
50 Kilometer weiter hat der regionale Hersteller Doering Glas für die Standorte Radeburg und Berlin ein gerichtliches Sanierungsverfahren angemeldet. Es steckt in finanziellen Schwierigkeiten. 170 Beschäftigte veredeln dort spezielle Fenster für Gebäude.
Die schwache Nachfrage im Bau setzte das Unternehmen in den vergangenen Jahren unter finanziellen Druck. Derzeit sei man auf Investorensuche, heißt es aus der Geschäftsleitung.
Glashütte Freital: Glasherstellung ist zu teuer
Auch das Unternehmen Glashütte Freital hat in diesem Jahr Insolvenz gemeldet. Es stellt Flaschen für Wein, Spirituosen, Saft her – zu 75 Prozent recycelt. Ein Markt, der laut Analysten mit dem Trend zu mehr Nachhaltigkeit sprießen sollte. Doch die Herstellung benötigt viel Gas, um den Ofen auf mehr als 1.600 Grad zu erhitzen und das Glas zu schmelzen. Und Gas ist teuer geworden.
Weil die Energiekosten in Deutschland zwei- bis dreimal höher sind als in anderen europäischen Ländern, steigt der internationale Preisdruck, erklärt Dorothée Richardt, Sprecherin vom Bundesverband Glas. „Die wirtschaftliche Lage der Glasindustrie war in den vergangenen Jahren nicht gut.“

Quelle: Karl-Ludwig Oberthür
Hinzukommt: Es werden weniger Flaschen und Behälter aus Glas nachgefragt: „Der Trend zu alternativen Verpackungsmaterialien, veränderte Konsumgewohnheiten infolge wirtschaftlicher Unsicherheit sowie eine temporäre Nachfrageschwäche im Handel setzen die Hersteller stark unter Druck“, erklärt das Freitaler Unternehmen die Gründe.
Investoren seien zurückhaltend. Laut der Industriegewerkschaft BCE wurden bereit 29 der 120 Beschäftigten gekündigt. Man rechne mit „einem weiteren Kapazitätsabbau“, heißt es aus der Geschäftsleitung. Auch in Bernsdorf wird die Produktion bei O-I Glasspack ab Mitte September ausgesetzt, sie stellen Flaschen für Jägermeister her.
Torgau in der Krise: Wichtigster Glasproduzent der DDR
In Torgau stoppte derweil Avancis seine Solarglasproduktion. Der Torgauer Hersteller Saint-Gobain meldete ebenfalls Schwierigkeiten. Das Unternehmen hat derzeit das Herz der Produktion gestoppt – die Glasschmelzwanne. Seit Februar befinden sich 40 von 300 Beschäftigten in Kurzarbeit. Der Torgauer Standort stellt Scheiben für den Automobil- und Bausektor her. Zwei schwächelnde Märkte.
Für den brandenburgischen Nachbarn ist es noch tragischer gekommen: Das Ardagh-Werk hat angekündigt, den Standort Drebkau in der Lausitz zu schließen, rund 160 Mitarbeiter verlieren ihren Job.
Trotz Insolvenzen: Millionengelder für ein GlasLab in Sachsen?
Dabei hat Glas in Sachsen eine lange Tradition: In Freital wird es bereits seit 1802 hergestellt. Die Stadt Weißwasser in der Oberlausitz wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit elf Glashütten Europas bedeutendster Standort, weil feiner Sand und günstige Braunkohle vorhanden waren. Das Flachglaskombinat Torgau entwickelte sich zum wichtigsten Produzenten der DDR.
Von Freital, über Oschatz, Glauchau, Weißwasser bis nach Torgau wird es auch heute noch hergestellt und weiter verarbeitet. Laut der Industriegewerkschaft BCE arbeiten mehr als 2.000 Beschäftigte in der Branche. Ein Grund, weshalb der Freistaat Sachsen darin eine Zukunftstechnologie sieht:
Die wirtschaftliche Lage der Glasindustrie war in den vergangenen Jahren nicht gut. – Dorothée Richardt, Sprecherin vom Bundesverband Glas
Braunkohlegelder in Höhe von 33 Millionen Euro sollen in ein neues GlasLab in Torgau fließen – ein Kompetenzzentrum für Forschung und Ausbildung. Trotz der Herausforderungen will man am Bau bis 2027 festhalten, erzählt die Betriebsleiterin Eike Petzold.
In diesen schwierigen Zeiten brauche die Industrie Forschung. Der Branchenverband macht zudem Hoffnung: „Die Talsohle scheint durchschritten.“ Der ifo-Geschäftsklima-Index für die Glasindustrie steigt wieder. Das Torgauer Unternehmen Saint-Gobain plant keine Entlassungen. Die Schmelzwanne soll wieder hochfahren, verspricht der Sprecher.

Quelle: Glascampus Torgau
Die Unternehmen haben dennoch Erwartungen an die Politik, beispielsweise durch einen Industriestrompreis. Damit nicht noch mehr Fenster und Flaschen aus China, Polen, Tschechien und den USA kommen.
Mechaniker Matthias Henker selbst sieht seinen Arbeitsplatz nicht gefährdet. Er produziert bei SchollGlas im Vierschichtbetrieb.
Derzeit erweitert das Unternehmen am Standort in Nossen sogar das Werk. 30 neue Arbeitsplätze werden geschaffen, die Energie für die Gesamtproduktion kommt zu einem Drittel aus der eigenen Solaranlage.
SZ


