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Für eine D-Mark gekauft, heute Weltmarktführer: Das Geheimnis hinter der Niemeyer-Kugel in Leipzig

Kirow aus Leipzig baut Krane für die ganze Welt – begonnen für eine D-Mark, aufgebaut über Jahrzehnte. Wie gelang dieser Aufstieg? Und was stellt ihn gerade auf die Probe? Ein Blick hinter die Niemeyer-Kugel.

Lesedauer: 6 Minuten

„Fabrik mitten in der Stadt“: Ludwig Koehne ist Eigentümer des Kranherstellers Kirow – und prägt mit der Techne Sphere Leipzig den Leipziger Westen. Quelle: Andre Kempner

Florian Reinke

Leipzig. Ludwig Koehne trägt meistens einen Hut. Auch jetzt, auf dem Dach seiner Fabrik an der Niemeyerstraße in Leipzigs Westen, wo er auf die weiße Kugel blickt, die über seinen Werkshallen schwebt. Die Niemeyer Sphere kennt in Leipzig fast jeder: einer der letzten realisierten Entwürfe des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer, knapp zwölf Meter Durchmesser, Weißbeton. Was in den Hallen dahinter entsteht, wissen die wenigsten: Eisenbahnkrane und Schlackentransporter für den Weltmarkt – gebaut von einem Unternehmen, das für eine D-Mark begann und gerade eine neue Werkshalle eröffnet hat. Mitten in einer tiefen Industrie-Krise.

„Ob mir der Ruhm zu Kopf gestiegen ist?“, fragt Koehne, 59 Jahre alt. „In den letzten 30 Jahren hoffentlich nicht. Vielleicht trage ich deshalb einen Hut – damit es gar nicht erst so weit kommt. Bei uns sprechen die Taten für sich.“

Seine Krane gehen in die weite Welt: Ludwig Koehne vor den Werkshallen im Leipziger Westen,
Seine Krane gehen in die weite Welt: Ludwig Koehne vor den Werkshallen im Leipziger Westen,
Quelle: Andre Kempner

Die Taten erzählen von einem Unternehmer, der anders tickt. Der in Jahrzehnten denkt, nicht in Quartalen. Der für eine D-Mark einstieg und in den 90er-Jahren mehrere Millionen Mark in neue Hallen investierte.

Und der investierte, während der Nachbar auf seinem Gelände in die Insolvenz rutschte. Wer diese Denkweise verstehen will, muss in die Hallen gehen.

Der Kran, der dorthin fährt, wo kein anderer hinkommt

In der Montagehalle steht ein gelber Koloss auf Schienen: der „Multi Tasker“, ein Eisenbahnkran, der über 100 Tonnen stemmt. Zwei Arbeiter stehen daneben – sie reichen kaum bis zur Kabine. Ein paar Meter weiter bohrt ein Bohrwerk kreisrunde Aussparungen in einen Unterwagen aus Stahl. In der Halle nebenan schraubt ein junger Mann am Motor eines rot lackierten Schlackentransporters.

Kirows Krane fahren dorthin, wo kein anderer Kran hinkommt. „Es gibt Orte, die erreichen Sie nur über das Gleis. Zudem kann er Lasten in horizontaler Ausrichtung tragen – etwa in Tunneln oder unter Oberleitungen“, erklärt Koehne. Die Maschinen arbeiten bei minus 45 Grad und in 5000 Metern Höhe. Stückpreis: ab fünf Millionen Euro. Über 80 Prozent der Krane gehen in den Export. Die Techne Kirow GmbH erwirtschaftet mit 145 Mitarbeitern 48 Millionen Euro Umsatz – als Weltmarktführer in gleich zwei Nischen.

Leipziger Giganten: Die Schlackentransporte von Kirow kommen in Stahlwerken zum Einsatz. Das Nebenprodukt fällt bei der Stahlerzeugung an.
Leipziger Giganten: Die Schlackentransporte von Kirow kommen in Stahlwerken zum Einsatz. Das Nebenprodukt fällt bei der Stahlerzeugung an.
Quelle: Wolfgang Sens

Die zweite davon: Schlackentransporter für Stahlwerke. Bei der Stahlerzeugung fällt flüssige Schlacke an, ein Nebenprodukt, das bei 1400 bis 1600 Grad in riesige Kübel läuft. Kirows „Slag Taurus“, 80 bis 100 Tonnen schwer, fährt unter diese Kübel, hebt die glühende Fracht hydraulisch an und kippt sie an der Deponie ab.

Im deutschsprachigen Raum hält Kirow nach eigenen Angaben nahezu 100 Prozent Marktanteil. International liefert das Unternehmen nach Brasilien, Indonesien, Taiwan, Algerien.

Übernahme für eine symbolische D-Mark

Wie diese Aufstiegsgeschichte begann? Koehnes Vater Hermann-Dieter, Oberhausener Gleisbauunternehmer in dritter Generation, traf Anfang der 1990er in einer Flughafen-Lounge den Treuhand-Beauftragten Klaus von Dohnanyi.

Der suchte einen Käufer für den VEB Schwermaschinenbau S. M. Kirow – einen Leipziger Betrieb mit Kranbau-Tradition seit 1880, der in der DDR den technischen Anschluss verloren hatte. Am Ende durfte der Sohn ran: Ludwig, 27 Jahre alt, Oxford-Absolvent, zuvor in der Treuhand-Abwicklung. Kaufpreis: eine D-Mark.

Dieser 128 Tonnen schwere Eisenbahnkran kann bis 100 Tonnen anheben. Er wird vorwiegend für den Weichenumbau verwendet.
Dieser 128 Tonnen schwere Eisenbahnkran kann bis 100 Tonnen anheben. Er wird vorwiegend für den Weichenumbau verwendet.
Quelle: Wolfgang Sens

„Wir haben eine Belegschaft von 180 Leuten übernommen, hatten aber keine Aufträge. Das kann einen Unternehmer schnell umbringen. Anfangs hatten wir kein einziges marktfähiges Produkt.“

Was er fand: „Hervorragende Konstrukteure – einige sind heute noch da – und eine solide Ingenieursbasis.“ Seine Formel: westliches Marktwissen, östliche Ingenieurskunst. „Wir haben die Produkte zusammen mit der Belegschaft entwickelt.“

Kirow hängt den Wettbewerb aus dem Westen ab

Der Durchbruch kam 1999 in Wien. Koehne hatte Krane auf Vorrat bauen lassen – ohne einen einzigen Auftrag. „Da haben wir auf einen Schlag sechs Krane verkauft. Damit hatten wir den Wettbewerb aus Westdeutschland abgehängt.“

Es war die Geburtsstunde des doppelten Drehkranzes – einer Innovation, die es erlaubt, den Ausleger zur Seite zu schwenken, ohne dass das Gegengewicht mitdreht. Laut Koehne ein großer Vorteil in Bahnhöfen und Tunneln. Die Innovation trägt noch immer – und mit ihr der Vorsprung.

Es ist eigentlich gut, im Verborgenen zu bleiben – man will ja keine Nachahmer wecken. Und wenn jemand meint, ihm müsste der Ruhm zu Kopf steigen, ist das der Anfang vom Ende. – Ludwig Koehne, Eigentümer Techne Kirow und Techne Sphere Leipzig

Auch heute investiert Kirow. Im Januar 2026 hat Koehne eine neue Werkshalle eröffnet. Geplant hatte er sie für den Straßenbahnhersteller Heiterblick, der nebenan fertigt. Doch kurz nach Baubeginn im April 2025 meldete Heiterblick Insolvenz an.

Heiterblick gehörte Koehne einst selbst: 2006 die Mehrheit, 2010 alle Anteile, bis er das Unternehmen vor einigen Jahren aus strategischen Gründen wieder abgab. Die besondere Beziehung und Nachbarschaft blieben.

Wo der Nachbar strauchelte, wächst eine neue Halle

Anfang des Jahres wird bekannt, dass der polnische Schienenfahrzeughersteller Pesa alle Heiterblick-Anteile übernehmen will.

Die neue Halle nutzt derzeit Kirow für Kran-Reparaturen. Perspektivisch soll auch Heiterblick dort fertigen.

Die neue Werkshalle auf dem Gelände der Techne Sphere im Leipziger Westen: Künftig soll dort auch der Straßenbahnhersteller Heiterblick produzieren.
Die neue Werkshalle auf dem Gelände der Techne Sphere im Leipziger Westen: Künftig soll dort auch der Straßenbahnhersteller Heiterblick produzieren.
Quelle: Wolfgang Sens

Doch die größte Bedrohung für Kirow kommt nicht etwa von der Konkurrenz. In der Weltwirtschaft hat sich das Klima spürbar verschlechtert.

Steigende Energiekosten durch den Iran-Krieg, US-amerikanische Zölle auf Stahl und Aluminium, dazu ein deutscher Bürokratieapparat, der laut Koehne pro Exportanmeldung schon mal 30 Stunden verschlingt.

„Durchgereicht – schneller, als man wahrhaben will“

Johannes Roewe (35), der als Geschäftsführer das operative Geschäft leitet – ein ehemaliger Start-up-Manager aus der Berliner Digitalwirtschaft –, weiß: „Wenn es zu Problemen zwischen Behörden wie Zoll und BAFA kommt, liegen Teile manchmal zwei Jahre hier herum, bringen keinen Umsatz und blockieren Platz.“ Bei einem Kanada-Auftrag rutschten Zulieferungen aus den USA „gerade noch drei Wochen vor den neuen Zöllen“ durch. „So etwas Erratisches kann man kaum planen.“

Koehne indes analysiert: „Die Welt ist im Umbruch. Ähnlich wie zu Zeiten des Mauerfalls. China wird immer stärker. Die USA sind kein verlässlicher Partner mehr. Dazu gehört auch, die Wirtschaft nicht weiter mit übertriebenen Auflagen und Bürokratie zu strangulieren.“ Und er mahnt: „Im schärfer werdenden internationalen Wettbewerb werden wir ansonsten durchgereicht. Das geht schneller, als etablierte, wohlstandssozialisierte Parteien und Organisationen wahrhaben wollen.“

Kirow will die Stadtgesellschaft prägen

Wer Koehnes Gelände kennt, versteht: Hier hadert niemand. Die „Techne Sphere Leipzig“ mitten im Leipziger Westen ist ein Gegenentwurf zum Industriepark an der Autobahn.

Die Kantine unter der Kugel steht jedem offen. Lesungen, Ausstellungen und Handwerkskammerprüfungen finden zwischen den Werkshallen statt.

Ludwig Koehne auf dem Techne-Sphere-Gelände: Die Niemeyer-Kugel prägt den Leipziger Westen.
Ludwig Koehne auf dem Techne-Sphere-Gelände: Die Niemeyer-Kugel prägt den Leipziger Westen.
Quelle: Andre Kempner

„Das ist vielleicht eine Haltung der ‚ganz alten Schule‘, wie sie Unternehmer in den 1920er-Jahren hatten“, sagt Koehne.

„Wenn mir heute jemand sagt, solche kulturellen Angebote müsste ich nicht machen, antworte ich: Doch, ich muss. Das gehört sich so. Ein Unternehmer ist Teil eines Gemeinwesens. Wer sagt, das gehe ihn nichts an, der hat etwas nicht verstanden.“

Die Fabrik gehört in die Stadt – nicht an die Autobahn

Alte Schule? Koehne dreht das Argument: „Es ist doch eigentlich topmodern, eine Fabrik mitten in der Stadt zu haben, zu der die Mitarbeiter mit dem Fahrrad kommen können, statt eine ‚Verkehrslawine‘ auf der grünen Wiese zu erzeugen.“

Roewe, der Start-up-Mann, der zum Schwermaschinenbauer wechselte, setzt die Philosophie fort: „Wir treffen Entscheidungen nicht für das nächste Quartal, sondern mit Blick auf die nächsten 10 bis 15 Jahre.“ Es ist der Satz, der 30 Jahre Kirow erklärt. Und er ist heute schwerer zu sagen als je zuvor.

„Ja, wir stehen auf dieser Liste der ‚Hidden Champions‘“, sagt Koehne zum Abschied. „Dabei ist es eigentlich gut, im Verborgenen zu bleiben – man will ja keine Nachahmer wecken. Und wenn jemand meint, ihm müsste der Ruhm zu Kopf steigen, ist das der Anfang vom Ende.“

Der Hut bleibt auf.

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