Leipzig. Seit Mitte 2020 ist Robert Sorber bei der WRC World Resources Company in Wurzen, und viel Zeit zum Durchatmen hatte er seither nicht. Erst Corona, dann der Ukrainekrieg mit seinen Folgen – und jetzt sorgt auch noch der Nahostkonflikt für neue Unsicherheit. Sorber, inzwischen Geschäftsführer des Industriebetriebs im Landkreis Leipzig, sagt im Rückblick: „Wir waren von Anfang an im Krisenmodus. Und seitdem sind wir eigentlich nie wirklich rausgekommen.“
Seine Sätze reichen über den Wurzener Betrieb hinaus. In vielen Unternehmen im Raum Leipzig geht es gerade nicht um Aufbruch, sondern um etwas Zäheres: durchhalten, Kosten drücken, Pläne auf Eis legen. Viele Betriebe halten sich. Doch sie agieren vorsichtiger. Und irgendwann wird aus dieser Vorsicht eine Frage für Jobs, Aufträge und neues Wachstum.

Quelle: Wolfgang Sens
Der Puffer schrumpft – zuerst still, dann spürbar
Die Sorgen wachsen in der gesamten Wirtschaft. WRC verarbeitet metallhaltige Reststoffe aus der Industrie und führt sie als Konzentrate zurück in den Wertstoffkreislauf. Das Unternehmen lebt also davon, dass andere produzieren. „Was nicht produziert wird, macht keinen Abfall. Und was keinen Abfall macht, kommt nicht zu uns. Wenn unsere Kunden wegsterben, merken wir es danach auch“, sagt Sorber.
Wie ernst die wirtschaftliche Lage in der Region ist, zeigt die neue Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig. Der Geschäftsklimaindex fällt um sechs Punkte auf 99 – und rutscht damit erstmals seit Herbst 2022 wieder unter die symbolische 100er-Marke. Mehr Unternehmen blicken pessimistisch auf die nächsten Monate. Zudem berichten über 40 Prozent der Unternehmen von einer verschlechterten Ertragslage. Fazit: Wer auf eine schnelle Erholung gesetzt hatte, hat falsch gewettet.
Unternehmen investieren weniger – das hat Folgen
Eine Krise beginnt selten mit einem Stellenabbau – vieles passiert vorher. Unternehmen besetzen Stellen nicht nach, verschieben Investitionen. Aus Wachstum wird Vorsicht: Nur noch 17 Prozent der Betriebe planen höhere Ausgaben, 25 Prozent wollen kürzen, zeigt die IHK-Analyse.
Das Label „Hypezig“ hat die Stadt lange getragen. Die Frage ist, was davon in fünf Jahren noch übrig ist, wenn die Mieten steigen, Geld fehlt, der Tourismus kämpft und die Wirtschaft schwächelt. – Urike Brenner, Unternehmerin und Geschäftsführerin „Team Brenner“
„Wir verlieren den industriellen Ansatz. Und wenn wir keine Industrie mehr haben, haben wir keine Wertschöpfung“, warnt IHK-Präsident Kristian Kirpal.
Dahinter steckt eine einfache Rechnung: Industrie erzeugt Wertschöpfung, Wertschöpfung erzeugt Steuereinnahmen, die Schulen, Straßen und Kultur finanzieren.
Kosten steigen, Partner verschwinden
Mit dem Iran-Krieg schlägt die nächste Krise zu. 63 Prozent der regionalen Unternehmen sehen laut IHK die Energiepreise derzeit als geschäftliches Risiko.
Kein anderer Risikofaktor kommt auf einen so hohen Wert. Hohe Kosten und schwache Nachfrage belasten die Industrie seit Jahren. Jetzt wird die Luft noch dünner.

Quelle: Eric-Kemnitz.com
Das verunsichert die Firmen, wie WRC-Chef Sorber betont: „Die Angst ist, dass auf der einen Seite die Kosten immer weiter steigen – und wenn dann auch unsere Erlöse sinken, kommen wir schnell in Probleme.“
Noch mehr beunruhigt ihn, dass Betriebe verschwinden, mit denen WRC seit Jahren zusammenarbeitet – Kunden, Schweißbetriebe, Anlagenbauer. „Man sieht rundherum, wie Firmen sterben – oder weiß zumindest, dass sie schwere Probleme haben.“
Auch die Dienstleistungsbranche trifft die Krise
Doch die Schwäche bleibt nicht in Werkhallen. Sie erreicht auch die Seite Leipzigs, die viele Menschen im Alltag sehen: Veranstaltungen, Hotels, Gastronomie, Tourismus. Wenn Betriebe weniger einstellen und Beschäftigte unsicherer werden, leidet der Konsum – und damit jene Branchen, die vom Ausgeben leben.
Ulrike Brenner kennt diesen Mechanismus aus nächster Nähe. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von Team Brenner, einem Personaldienstleister für Gastronomie, Hotellerie, Messen und Events – 25 Festangestellte, über 250 Mitarbeitende in der Arbeitnehmerüberlassung. Als Corona vorbei war, hoffte Brenner auf eine kräftige Erholung – doch es kam anders: „2023 war unser schlechtestes Jahr. Wir hatten uns zu sehr in dem Gefühl gewogen, dass irgendwie doch alles funktioniert. Das war ein Irrtum“, erzählt sie.
„Hypezig“ auf Bewährung
Heute laufe sie deckungsgleich mit dem IHK-Konjunkturbericht. „Das sieht aktuell nicht gut aus – in Leipzig und in Sachsen.“ Die Arbeitskosten drücken besonders. Anfang 2027 steigt der gesetzliche Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde auf dann 14,60 Euro. In einer Branche, in der die Belegschaft in vielen Betrieben auf Mindestlohnbasis arbeitet, schlägt das direkt auf die Personalkosten durch. Hinzu kommen die hohen Sozialversicherungsbeiträge.
Brenner fordert, dass die Lohnnebenkosten runter müssen. „Wenn sich das nicht ändert, wird der Wert der Arbeit nicht steigen.“

Quelle: Kempner
Die Unternehmerin sorgt sich aber nicht allein um ihre Branche, sondern um die ganze Stadt: Leipzig hat lange vom Aufbruch gelebt. Doch Aufbruch braucht Betriebe, die investieren, Dienstleister, die wachsen, und Menschen, die Geld ausgeben können.
„Das Label ‚Hypezig‘ hat die Stadt lange getragen“, sagt Brenner. „Die Frage ist, was davon in fünf Jahren noch übrig ist, wenn die Mieten steigen, Geld fehlt, der Tourismus kämpft und die Wirtschaft schwächelt.“
Wer nur abwartet, verliert Zeit
In ihrem Unternehmen hat Brenner reagiert. „Team Brenner“ hat eine digitale Schulungsplattform aufgebaut, „ein Werkzeug, mit dem wir Personal schnell qualifizieren und neue Geschäftsfelder erschließen“. Brenner will die Plattform weiterentwickeln, doch die Suche nach einer Förderung gestaltet sich schwierig. „Ich will keinen Zuschuss. Ich will einen guten Kredit, der mir zwei, drei Jahre Luft verschafft – und den ich mit marktgerechten Zinsen zurückführe.“ Bisher ohne Ergebnis.
Auch deshalb verlangt IHK-Präsident Kirpal Reformen – angefangen bei den Arbeitskosten. Strukturell müssten sie sein, nicht kosmetisch. Chancen für die Region sieht er in Branchen wie Biotechnologie, künstlicher Intelligenz und Robotik – benennt aber zugleich die Bedingung: bessere Finanzierungsinstrumente, Rahmenbedingungen, unter denen neue Geschäftsmodelle tatsächlich wachsen können. Ohne beides bleibt die Liste ein frommer Wunsch.
Für Leipzig und sein Umland geht es am Ende um mehr als einen Indexwert. Es geht um Fragen, die in Betrieben längst konkret geworden sind. Eine davon stellt Sorber in Wurzen: „Habe ich in fünf Jahren noch die Partner, die ich brauche, um meine Anlagen am Laufen zu halten?“ Wenn diese Frage in zu vielen Unternehmen offen bleibt, ist die Krise längst mehr als ein Stimmungstief.


