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VW-Werk Zwickau vor dem Aus: Zulieferer warnen vor Kahlschlag in Sachsen

Volkswagen erwägt die Schließung des Werks in Zwickau-Mosel. Rund 20.000 Arbeitsplätze wären dadurch bedroht, sagt AMZ-Geschäftsführer Dirk Vogel. Warum die Region ihre Rolle als Automobilstandort verlieren könnte – und welchen Zukunftsplan es gibt.

Lesedauer: 4 Minuten

Dirk Vogel ist Netzwerkmanager beim Autozulieferernetzwerk AMZ. Er befürchtet, dass die Zwickauer Region ihre Rolle als Automobilregion verliert, wenn VW die angedrohte Schließung des Werks in Zwickau wahrmacht. Quelle: Kristin Schmidt

Von Nora Miethke

Zwickau. „Mit rund 815 Zulieferern, Ausrüstern und Dienstleistern der Branche sowie sechs Fahrzeug-, Motoren- und Batteriewerken von Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz und Porsche gehört das ‚Autoland Sachsen‘ zu den deutschen Top-5-Standorten“, heißt es stolz auf der Homepage des sächsischen Automobilzuliefernetzwerks AMZ. Mit ihren über 95.000 Beschäftigten sei die Automobilindustrie Sachsens umsatzstärkste Branche. Wir sprachen mit Dirk Vogel, Geschäftsführer des AMZ, über die Pläne des VW-Vorstands, dem Aufsichtsrat vorzuschlagen, das Werk in Zwickau zu schließen.

Herr Vogel, was würde eine Schließung des Volkswagen-Werks in Zwickau für den Automobilstandort Sachsen bedeuten?

Eine Schließung des VW-Werks in Zwickau wäre nach dem Ende des VW-Standorts in Dresden eine klare Entscheidung des Konzerns gegen den Produktionsstandort Sachsen. Dabei wurde Sachsen in den vergangenen Jahren immer wieder als „Drehscheibe der Produktion“ und als „Vorreiter der E-Mobilität“ hervorgehoben. Nach unserer heutigen Einschätzung erfüllt das Werk die Anforderungen, die der Konzern selbst gestellt hat. Deshalb gehen wir weiterhin davon aus, dass Volkswagen an den bisherigen Absprachen mit dem Sozialpartner festhält – also an der Umrüstung des Werks auf Fahrzeuge der SSP-Plattform sowie am Ausbau des Standorts zu einem konzernweiten Recycling-Kompetenzzentrum.

Welche Folgen hätte eine solche Entscheidung für die Beschäftigten in der sächsischen Zulieferindustrie?

Mit einer tatsächlichen Schließung wären zwangsläufig auch Arbeitsplätze bei den direkten Zulieferern betroffen. Das Argument, diese Unternehmen könnten ihre Produktion einfach auf andere VW-Standorte verlagern, greift aus unserer Sicht nicht. Dort gibt es ebenfalls unterausgelastete Sequenzstandorte. Sequenzstandorte sind Zulieferwerke, die ihre Bauteile genau in der Reihenfolge an das Fahrzeugwerk liefern, in der sie dort eingebaut werden.

Die Elektrofahrzeuge ID.3 und Cupra Born werden im Volkswagen-Werk in Zwickau montiert. Bisher laufen in dem sächsischen Werk sechs Modelle der Marken Volkswagen, Audi und Cupra vom Band. Das Werk in Zwickau ist derzeit nicht ausgelastet.
Die Elektrofahrzeuge ID.3 und Cupra Born werden im Volkswagen-Werk in Zwickau montiert. Bisher laufen in dem sächsischen Werk sechs Modelle der Marken Volkswagen, Audi und Cupra vom Band. Das Werk in Zwickau ist derzeit nicht ausgelastet.
Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Hinzu kommt, dass sowohl Volkswagen als auch die Zulieferer rund um das Werk bereits in den vergangenen Jahren Personal abgebaut haben. Unsere Einschätzung aus dem Vorjahr bleibt deshalb bestehen: Insgesamt stehen rund 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

„Wir erwarten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Region“

Wie viele Arbeitsplätze gingen schon verloren?

Die Arbeitsagentur hat allein im vergangenen Jahr bereits mehr als 8000 Stellen in der Automobilbranche in Westsachsen registriert, die weggefallen sind. Bislang konnten viele Beschäftigte noch in andere Unternehmen der Region wechseln oder frei werdende Stellen durch Renteneintritte besetzen. Diese Möglichkeiten werden künftig deutlich geringer sein. Deshalb erwarten wir einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Region.

Welche Auswirkungen hätte das auf die Region insgesamt?

Die größte Auswirkung wäre, dass Westsachsen Schritt für Schritt seine Rolle als bedeutende Automobilregion verliert. Wenn attraktive Schlüsselarbeitgeber verschwinden, orientieren sich auch junge Menschen in andere Branchen oder andere Regionen. Hinzu kommt, dass die automobile Wertschöpfung weit über die Fahrzeugproduktion hinausreicht. Viele andere Branchen profitieren davon. Die wirtschaftlichen Folgen wären deshalb deutlich größer als der Verlust des Kernarbeitgebers Volkswagen allein. Außerdem darf man die sozialen Auswirkungen nicht unterschätzen. Für viele Familien war der Arbeitsplatz bei Volkswagen oder in der Zulieferindustrie über Jahre eine sichere Grundlage für private Investitionen und Kredite. Auch dort werden wir die Folgen spüren.

Wenn attraktive Schlüsselarbeitgeber verschwinden, orientieren sich auch junge Menschen in andere Branchen oder andere Regionen. – Dirk Vogel, Netzwerkmanager des sächsischen Automobilzuliefernetzwerks AMZ

Welche Schritte müssen jetzt unternommen werden, um die Folgen abzumildern?

Die von AMZ, der Industrie- und Handelskammer Südwestsachsen sowie der Gewerkschaft IG Metall getragene „Initiative Transformation der Automobilregion Südwestsachsen“ arbeitet schon seit 2022 an einem Zukunftsplan für die Region. Die Analyse möglicher Zukunftsbranchen ist abgeschlossen, jetzt geht es um die Umsetzung.

Und auf welchen Feldern wird die Zukunft gesehen?

Wir setzen auf eine höhere Wettbewerbsfähigkeit durch stärkere Automatisierung und Digitalisierung der Produktion, unter anderem mit Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig bauen wir Zukunftsfelder wie die Kreislaufwirtschaft und das automatisierte Fahren aus. Ziel ist es, gemeinsam mit den Unternehmen neue Märkte und neue Kunden zu erschließen und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen, die im Zuge der Transformation verloren gehen. Das ist allerdings ein langfristiger Prozess, der die Unterstützung der Landesregierung braucht.

„Seit Jahren weisen wir auf dieselben Probleme hin“

Gibt es bereits Gespräche mit der Landesregierung?

Ja. Die Landesregierung unterstützt die Region durch Gespräche sowie durch Fördermaßnahmen, etwa für das Recyclingprojekt in Zwickau oder die Gläserne Manufaktur in Dresden. Allerdings müssen wir feststellen, dass dies den Volkswagen-Konzern bislang offenbar nicht zu einer Kursänderung bewegt hat. Parallel arbeiten wir an einem Zukunftspakt für die Automobilproduktion. Dazu gehören Investitionen in automatisierte Logistik und möglicherweise auch eine Verlängerung der Arbeitszeit – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Volkswagen sich langfristig zu mehr Fahrzeugproduktion in Zwickau bekennt. Darüber hinaus müssen Wirtschaftsförderung und Landesregierung verstärkt alternative Fahrzeughersteller ansprechen. Ziel ist nicht, Volkswagen zu ersetzen, sondern die automobilen Kompetenzen der Region auszubauen. Als Vorbild sehen wir die Entwicklung von Silicon Saxony. Natürlich gibt es in der Region noch Skepsis gegenüber solchen Ideen, etwa dem Vorschlag eines Joint-Venture-Partners für Volkswagen. Dennoch sollten alle Optionen geprüft werden, um Arbeitsplätze und den industriellen Kern der Region zu erhalten.

Welche Forderungen richtet das AMZ jetzt an die Politik?

Wir haben inzwischen keine neuen Forderungen mehr. Ehrlich gesagt sind wir – genau wie unsere Mitgliedsunternehmen – abgekämpft. Seit Jahren weisen wir auf dieselben Probleme hin: Die notwendige Flexibilität fehlt. Wochenendarbeit ist beispielsweise in Ungarn oder Rumänien möglich, in Deutschland dagegen oft nur über lange Genehmigungsverfahren. Auch die hohen Energiekosten werden seit Jahren diskutiert, ohne dass sich grundlegend etwas verändert hat. Viele Themen sind in den vergangenen Jahren aus unserer Sicht überzogen worden. Die Unternehmen reagieren jetzt entsprechend – so wie Volkswagen. Wir befürchten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird und wir weiter diskutieren, statt Lösungen umzusetzen.

SZ

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