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Nach Ende der Autoproduktion: Gläserne Manufaktur in Dresden öffnet wieder

Der Fahrzeugbau am kleinsten VW-Standort ist Geschichte. Der Autobauer stellt ein neues Führungskonzept für Besucher vor, in dem auch die ehemaligen Werker eine wichtige Rolle spielen.

Lesedauer: 4 Minuten

Blick am Morgen auf die Gläserne VW-Manufaktur. Im Dezember lief dort nach 24 Jahren Autoproduktion der letzte ID.3 vom Band. Nun wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Quelle: ROBERT MICHAEL

Nora Miethke

Dresden . Ab Donnerstag hat die Gläserne Manufaktur von Volkswagen (VW) wieder für Besucher geöffnet. Nach der Schließzeit zum Jahresanfang startet nun ein neues Kapitel: Die Serienfertigung von Fahrzeugen ist beendet – nach 24 Jahren. Gleichzeitig gibt es für das verbliebene Team hohe Ziele, das Besucheraufkommen mindestens stabil zu halten. Die Messlatte liegt hoch, im vergangenen Jahr zählte die Manufaktur immerhin rund 105.000 Gäste – fast so viele sollen es auch in diesem Jahr wieder werden.

Wie wollen Standortleiter Martin Goede und seine 230 Mitarbeitenden die Gäste begeistern ohne den Anker Fahrzeugbau? „In dem wir uns neu erfinden, ohne die Wurzeln zu vergessen“, betont Goede vor Journalisten am Mittwochabend. Das Haus sei gebaut worden in einer „einzigartigen Symbiose“ aus Lage in der Stadt, Strahlkraft der Architektur und dem Fahrzeugbau. Das gelte es beizubehalten, auch wenn nun keine Elektroautos mehr in Serie gefertigt werden. „Früher hat man gesehen, wie hier ein Fahrzeug entstanden ist. Ab sofort versteht man hier den Fahrzeugbau“, so Goede.

Martin Goede, Standortleiter der Gläsernen Manufaktur von VW in Dresden, hat sich für die Zukunft viel vorgenommen. Auch ohne richtigen Fahrzeugbau sollen 100 000 Besucher kommen in diesem Jahr.
Martin Goede, Standortleiter der Gläsernen Manufaktur von VW in Dresden, hat sich für die Zukunft viel vorgenommen. Auch ohne richtigen Fahrzeugbau sollen 100 000 Besucher kommen in diesem Jahr.
Quelle: Arvid Müller

Konkret bedeutet das: Orientierten sich die Besucherführungen früher am realen Fertigungsablauf auf zwei Ebenen, wird jetzt auf einer Ebene an originalen Produktionsanlagen erklärt, wie ein Auto gebaut wird, es wird quasi eine Fertigung simuliert. Bei der 45-minütigen Überblickstour sieht man die einzelnen Stationen wie den Einbau von Türen, Panorama-Dachfenster oder die Hochzeit, wo Fahrwerk und Karosserie vereinigt werden, eher aus der Distanz. Bei den längeren sogenannten „Deep Dive Technik“-Führungen kommen die Besucher näher an die Autos heran und ins Gespräch mit den Montagewerkern.

30 ehemalige Werker sind derzeit fest in das Führungskonzept eingebunden. Zum Jahresende 2025 war noch für rund 70 von ihnen offen, was sie künftig tun. „Hier können wir uns ein Alleinstellungsmerkmal aufbauen“, gibt sich Goede optimistisch.

Ehemalige Werker in Besucherführungen eingebunden

Sie sollen an den Stationen zeigen, welche Handgriffe, Techniken und Hilfsmittel im Automobilbau nötig sind und ganz nebenbei ihr Wissen mit den Gästen teilen. 70 Prozent der Touren finden in Deutsch statt. „Wir möchten mehr Dialog, mehr Interaktion, mehr situatives Erleben“, so Goede. Für die stolzen Autobauer ist die neue Rolle noch ungewohnt, gibt Robert Rötz zu, der demonstriert, wie man dank technischer Unterstützung eine Kofferraumklappe allein einbauen kann. Rötz arbeitet seit 2010 in der Fertigung der Gläsernen Manufaktur. „Natürlich würden wir lieber richtige Autos bauen, aber ich bin froh, dass ich hier am Standort bleiben kann, in der Nähe meiner Familie und nicht quer durch Deutschland fahren muss“, sagt er. Das sei ihm wichtiger.

Robert Rötz arbeitet seit 2010 in der Gläsernen Manufaktur, jetzt zeigt er Besuchern, wie eine Kofferraumklappe eingebaut wird.
Robert Rötz arbeitet seit 2010 in der Gläsernen Manufaktur, jetzt zeigt er Besuchern, wie eine Kofferraumklappe eingebaut wird.
Quelle: Arvid Müller

Fahrzeuge für autonomes Fahren vorbereiten

Was den Besuchern allerdings hinter einem weißen Vorhang verborgen bleibt, ist das neue Geschäftsfeld Fahrzeuge für das autonome Fahren vorzubereiten. 35 Mitarbeiter bauen für Bosch, Cariad und Audi selbstfahrende Autos auf, statten sie mit Sensoren und Equipment aus, damit sie auf der Teststrecke rund um den großen Garten getestet werden können. Perspektivisch ist denkbar, Besuchern auch diesen Teil zu zeigen und Probefahrten anzubieten, um letztendlich auch Ängste abzubauen. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Paul Boden ist in der Gläsernen Manufaktur von VW für die Fahrzeuginbetriebnahme verantwortlich. Jetzt gehört er zum Team, das Autos für das autonome Fahren vorbereitet.
Paul Boden ist in der Gläsernen Manufaktur von VW für die Fahrzeuginbetriebnahme verantwortlich. Jetzt gehört er zum Team, das Autos für das autonome Fahren vorbereitet.
Quelle: Arvid Müller

Neben den Führungen will VW in der Manufaktur nach wie vor Fahrzeuge ausliefern, Probefahrten anbieten und eine attraktive Eventlocation für Veranstaltungen bleiben. Der Kalender sei schon gut gefüllt, es kommen stetig Anfragen, heißt es.

Verhandlungen zu VW-Stiftungsprofessuren laufen noch

Nach einem komplett fertigen Plan klingt das noch nicht, das gibt VW-Manager Goede zu. Beim Anbahnen der Kooperation mit der TU Dresden hätten einige Hürden genommen werden müssen, das sei kein Geheimnis. „Solange das Neue nicht klar ist, wird am bisherigen Status quo festgehalten“, so Goede. Deshalb sei für das neue Erlebniskonzept nicht viel Zeit geblieben. Aber nun freue er sich auf den Neustart.

Früher hat man gesehen, wie hier ein Fahrzeug entstanden ist. Ab sofort versteht man hier den Fahrzeugbau. – Martin Goede, Standortleiter Gläserne Manufaktur von VW

Die TU Dresden will gemeinsam mit VW in der Gläsernen Manufaktur einen Innovationscampus errichten. Der Autobauer hat in einer ersten schriftlichen Vereinbarung zugesagt, vier Stiftungsprofessuren und Forschungsaufträge in Höhe von 1,5 Millionen Euro jährlich über sieben Jahre hinweg zu finanzieren. Die TU Dresden wird rund die Hälfte der Manufakturfläche anmieten, die Mietkosten trägt der Freistaat.

In einer zweiten schriftlichen Vereinbarung sollen die inhaltlichen Details zu den Stiftungsprofessuren festgelegt und geregelt werden, wie die notwendigen Umbaukosten finanziert werden. Über diesen Vertrag wird noch verhandelt. Die Gespräche verlaufen „konstruktiv“, heißt es aus dem TU-Umfeld. Ein Ergebnis gibt es noch nicht.

SZ

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