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Nachhaltigkeit und Wachstum – geht das?

Eine große Dresdner Firma hat ihre Führungsspitze erweitert - um Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur. Warum, das erklären die zwei Managerinnen der DAS Environmental Expert GmbH im Interview.

Lesedauer: 4 Minuten

Zwei Frauen schauen einander an.
Unternehmenskultur und Nachhaltigkeit, dafür sind Ute Mareck und Daniela Georgi in der Geschäftsführung unter anderem verantwortlich. Foto: Jürgen Lösel

Frau Mareck und Frau Georgi, Ihr Unternehmen hat zwei neue Management-Positionen für Unternehmenskultur und Nachhaltigkeit geschaffen. Warum braucht es dafür zwei Stellen?
Georgi: Mit der Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung ab 2026 kommt ein breites Spektrum an Aufgaben auf uns zu, und das kann man allein nicht verarbeiten. Außerdem wollten wir diese Themen sichtbarer machen, die wir bereits jetzt voranbringen.

Frau Georgi, Sie sind nun für Unternehmenskultur zuständig. Was heißt das?
Georgi: Unsere Mitarbeiter:innen innen arbeiten an Technologien für die industrielle Abwasser- und Abgasbehandlung weltweit. Ich schaue mir dann die zweite Seite dieser Medaille an: Wie wollen wir unsere Teams führen? Wie arbeiten wir international zusammen? Wie entscheiden wir? Wie kommunizieren wir mit Lieferanten, Kunden, der Öffentlichkeit?

Gab es noch einen Auslöser?
Georgi: Jetzt, wo sich die deutsche Wirtschaft verhalten äußert und viele gesellschaftliche Einflüsse auf das Unternehmen zukommen, da ändert sich auch das Bewusstsein gegenüber Arbeitsbelastung in der Belegschaft. Und da wollen wir niemandem sagen, krieg das allein gelöst, sondern Lösungen anbieten.

Was meinen Sie?
Georgi: Digitalisierung ist bei uns ein klassisches Beispiel. Mitarbeitende könnten Verwaltungsaufgaben an ein System abgeben und sich viel mehr mit fachlichen Entwicklungen beschäftigen. Dafür braucht es Akzeptanz. Im Privaten zum Beispiel hat jeder sein Smartphone dabei und es ist vollkommen klar, dass man da rund um die Uhr digital erreichbar ist. Das haben Sie in einem Industriebetrieb nicht, da gibt es nicht automatisch diese Akzeptanz, dass ich jetzt beruflich während meiner Arbeitszeit digital erreichbar sein sollte. Da ändern sich gleichzeitig Anforderungen an Berufsbilder.

Sie haben 900 Mitarbeiter, etwa 300 davon in Taiwan. Da wir ja den taiwanischen Chiphersteller TSMC erwarten, und damit auch die taiwanische Arbeitskultur – Was unterscheidet sie von der deutschen? Georgi: Die ständige Erreichbarkeit. Das ist in Taiwan viel gängiger. Außerdem die Feedbackkultur: Wir Deutschen sind ja sehr direkt und sagen „Das ist falsch.“ Das ist in der taiwanischen Kultur eine Bloßstellung.

Werben Sie auch internationale Fachkräfte für Dresden?
Georgi:
15 Prozent unserer Belegschaft ist international. Da besteht zum Teil die Herausforderung der Sprachbarriere, etwa im Fall einer ukrainischen Praktikantin. Ich konnte kein Ukrainisch, die ukrainische Kollegin im Marketing kein Deutsch und Englisch. Und deswegen ist für mich interessant, wie wir dort Chancen der Künstlichen Intelligenz zum Beispiel für Übersetzungen nutzen können.

Sie haben einen Pool, einen Volleyballplatz, organisieren Wandertage und Fitnesstrainings, warum? Georgi: Die Mitarbeiter:innen sollen sich auch über Ihre Interessen austauschen, nicht nur in ihrem Fachgebiet. So können sie sich noch mal anders kennenlernen. Und so schaffen wir in einem wachsenden Unternehmen Verbindungen zwischen Mitarbeiterinnen und Abteilungen und stärken den Zusammenhalt.

Frau Mareck, Sie waren bereits in der Geschäftsleitung tätig, sind nun aber besonders für das Thema Nachhaltigkeit zuständig. Das bedeutet ja nicht nur ökologisch zu wirtschaften, sondern auch auf die Bedürfnisse der Menschen von heute und morgen zu achten.
Mareck: Das Thema Nachhaltigkeit hat für uns einen hohen Stellenwert. Ich hole mal aus: Im Maschinenbau emittiert in Deutschland zurzeit jeder Mitarbeiterin 58 Tonnen CO²-Emissionen. Private Haushalte liegen bei elf Tonnen. Wir als Unternehmen erreichen zwischen 13 und 27 Tonnen pro Mitarbeiterin. Wir haben es geschafft, seit 2019 unsere Emissionen um 40 Prozent zu reduzieren. Und sind gleichzeitig gewachsen. Wir haben keine Maßnahmen vorgegeben, sondern haben unsere Mitarbeitenden gefragt. Und weil wir auf Eigenaktivität bauen, haben sie die Ärmel bei sich im Bereich hochgekrempelt. Das ist Unternehmenskultur, das ist die Wirkung von New Work am praktischen Beispiel.

Ihr Unternehmen profitiert ja im Endeffekt von der Umweltverschmutzung anderer Unternehmen.
Mareck:
Wir können den Umweltschutz mit industriellem Wachstum mit unserem Geschäftsmodell verbinden. Das ist sehr sinnstiftend für viele unserer Mitarbeitenden.

Die Nachfrage danach nimmt sicherlich zu.
Mareck: Das hat damit zu tun, dass Klimawandel im Bewusstsein angekommen ist. Zusätzlich wird auch gesetzlich Druck aufgebaut, zum Beispiel auf der finanziellen Ebene über die Wirkung internationaler Emissionszertifikate.
Georgi: Es gibt auch mehr Privatpersonen die grüne Fonds fördern, aber das Unternehmen muss vorweisen können, dass es dessen würdig ist.

Bis wann wollen Sie klimaneutral werden?
Mareck: Wir haben noch kein Ziel für Klimaneutralität. Auf Grünstrom haben wir hier am Standort zu 100 Prozent umgestellt. Das reicht aber nicht, weil sich unser Erdgasverbrauch durch die Erweiterung des Standortes verdoppelt hat. Dazu haben wir eine Reihe weiterer Maßnahmen geplant und teilweise schon umgesetzt.

Die Klimabewegung äußert häufig die Kritik, auf einem endlichen Planeten kann es kein unendliches Wachstum geben.
Mareck: Unendliches Wachstum geht nicht. Wir werden als Gesellschaft und als Wirtschaft irgendwann alle in einem gewissen Maß zurückbauen müssen.

Aber Sie als Unternehmen sind doch daran interessiert, dass es nach oben geht.

Mareck: Ja. Unser Unternehmenskonzept und das jedes Maschinenbauers beruht unbewusst darauf, dass andere Kunden wachsen und neue Maschinen aufstellen. Wir produzieren die Maschinen für neue Fabriken. Deshalb: Wachstum kann und darf nicht unser alleiniges Geschäftsmodell sein. Wir müssen diversifizieren. Das sind etwa Replacement, Upgrading, Service oder andere Dienstleistungen.. Um solche Modelle zu entwickeln, arbeiten wir sehr viel mit der Halbleiterindustrie zusammen, auch im Dresdner Norden. Ich habe mich lange gefragt, ist es überhaupt nachhaltig, dass so viele Halbleiterfabriken entstehen.

Und?
Mareck: Durch die Halbleiterindustrie entstehen etwa zwei Prozent Emissionen weltweit, dem stehen 15 Prozent Potenzial für Energieeinsparung gegenüber. Die Chips übernehmen die Steuerung zur Energieeinsparung, Smartphones zum Beispiel können dadurch Strom sparen.

Kommen wir wieder zurück zu Dresden. 35 Prozent Ihrer Dresdner Mitarbeiter nutzen den Nahverkehr. 20 Prozent kommen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wie haben Sie das geschafft?

Mareck: Es gibt eine sehr gute Buslinie hierher. Und häufig ist es ein Kulturthema: Ich mache das, was meine Kollegin macht. Wenn viele mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen, sagt der nächste okay, da kann ich das auch. Und wenn viele mit dem Fahrrad kommen und einen überdachten Fahrradplatz haben, dann hat das eine Sogwirkung.

Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur gehen doch sicherlich gerade beim Fliegen auseinander…
Georgi:
Ja unsere Flugreisen zwischen den Niederlassungen auf drei Kontinenten bilden einen gewissen Fußabdruck. Aber die Frage bleibt: Wo müssen sich Teams treffen, wo müssen wir Kunden gegenüber präsent sein? Und wofür müssen wir nicht in einen Flieger steigen…

Das Gespräch führte Luisa Zenker

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