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Radeberg bangt um Chip-Campus: „Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal”

Radebergs Traum vom Chipausbildungscampus gerät ins Wanken. Ein neues Auswahlverfahren könnte den Standort gefährden. Welche Chancen hat die Stadt noch und wie reagieren die Fraktionen auf die unerwartete Nachricht?

Lesedauer: 3 Minuten

Aus der Brache sollte ein Bildungscampus werden: Neben die Außenstelle des Radeberger Gymnasiums könnte der Chip-Campus gebaut werden – wenn sich die Stadt in einem neuen Verfahren als Standort durchsetzt. Quelle: Rene Meinig

Verena Belzer

Radeberg. Die Halbleiterindustrie im Dresdner Norden wächst und benötigt Fachkräfte. Spätestens seit die Ansiedlung von ESMC feststeht, machen sich sowohl betroffene Unternehmen als auch der Freistaat Gedanken darüber, wie dieser Bedarf gedeckt werden kann. Ein Baustein dieser Überlegungen ist das Mikrochipausbildungszentrum „SAM“, das eigentlich auf dem Eschebach-Gelände gebaut werden sollte. Bis zu 75 Millionen Euro waren dafür vorgesehen.

Das jedoch ist nicht mehr sicher. Das Wirtschaftsministerium hat ein neues, offenes Verfahren angekündigt, an dessen Ende ein neuer Standort für das SAM stehen könnte. Die Strahlkraft des SAM ist unbestritten, für Radeberg wäre es ein echter Gewinn. Was sagen die Fraktionsvorsitzenden des Stadtrats zu den aktuellen Entwicklungen?

Wie reagieren die Fraktionen?

Die Fraktionsvorsitzenden sind vor allem eines: enttäuscht. Sie alle dachten – genau wie Oberbürgermeister Frank Höhme –, dass Radeberg als Standort gesetzt sei. Das hatte Ex-Wirtschaftsminister Martin Dulig im Sommer 2024 verkündet.

Laut aktuellem Wirtschaftsstaatssekretär Sebastian Scheel sei diese Aussage jedoch „aus heutiger Sicht voreilig“ gefallen. Weil die Ansiedlung des SAM idealerweise mit Kohleausstiegs-Geld finanziert werden soll, müsse es einen neuen Auswahlprozess geben, so die Argumentation.

„Das stimmt mich doch sehr nachdenklich“, sagt etwa CDU-Fraktionschef Frank-Peter Wieth. „Die Stadt hat ihre Hausaufgaben gemacht.“ Auch Raimund Pecherz (Gemeinsame Zukunft) spricht von einem „Dämpfer“. „Uns haben die neuen Entwicklungen sehr überrascht und enttäuscht, nachdem alles eigentlich so gut aussah für uns und sich zuletzt auch eine wirklich gangbare Lösung für den Grundstückstausch ergeben hatte.“

Wir haben uns mit vielen Akteuren strittig auseinandergesetzt, es ist alles vorbereitet. – Ronny König, Fraktionsvorsitzender von Wir für Radeberg

Zum Hintergrund: Weil die Radeberger Brauerei ihr Grundstück auf dem Eschebach-Gelände für den Bau des „SAM“ abgeben sollte, bekommt sie im Gegenzug einen Teil der Fläche des Kleingartenvereins „Am Kiesberg“. Um diese Lösung wurde lange gerungen.

Ronny König (Wir für Radeberg) findet es „bedenklich“, wenn Aussagen des Freistaats auf einmal nicht mehr gelten. „Das ist eine Frage der Verlässlichkeit“, sagt er, und verweist ebenfalls auf die vielen Gespräche, die rund um das Grundstück bereits geführt worden sind. „Wir haben uns mit vielen Akteuren strittig auseinandergesetzt, es ist alles vorbereitet.“

Kommt das SAM trotz allem nach Radeberg?

„Stadtverwaltung, Umlandkommunen und verschiedene Akteure haben sich faktisch auf diesen Standort eingestellt“, sagt AfD-Chef Daniel Looke. Deshalb wirke der angekündigte Neustart „erklärungsbedürftig“. Ein solches Vorgehen setze einen weit fortgeschrittenen Planungsprozess faktisch wieder auf null und stelle die Bemühungen der vergangenen Jahre infrage.

Sachlich jedoch spreche weiterhin vieles für Radeberg: „Die Planungen sind weit fortgeschritten, zentrale Kriterien wie die Erreichbarkeit innerhalb von rund 20 Minuten von Dresden werden erfüllt, und die Region hat sich strukturell auf dieses Projekt ausgerichtet.“

Auch Neu-Stadtrat Tilo Roß (Freie Wähler) schätzt Radebergs Chancen nach wie vor als gut ein. „Wir gehen davon aus, dass die damaligen Gründe pro Radeberg wie die gute Verkehrsanbindung am Bahnhof und die Nähe zur Chipindustrie im Dresdner Norden, auch heute noch stichhaltig sind.“ Für die Zukunft erhoffe er sich eine „umfassende Transparenz im Verfahren“, da nur so Verständnis bei den Bürgern erreicht werden könne.

Auch bei der CDU bleibt man optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass das SAM nach Radeberg kommt, da wir nach bisherigem Stand der Voraussetzungen ein Alleinstellungsmerkmal haben“, sagt Frank-Peter Wieth. „Wir haben die Flächen und die geforderte räumliche Nähe sowie die notwendigen ÖPNV-Anbindungen und die Schnellstraße zu den Firmenstandorten der Chiphersteller.“

Was bedeutet die Rolle rückwärts für die Stadt?

AfD-Stadtrat Daniel Looke sieht den zeitlichen und finanziellen Effekt eines kompletten Neustarts kritisch: „Jahrelange Verzögerungen, steigende Kosten und anhaltende Ungewissheit. Das halte ich gegenüber den Bürgern der Region für schwer vermittelbar“, sagt er.

Raimund Pecherz erwartet im neuen Prozess einen „Bonus“ für die Stadt: „Der OB und die Stadtverwaltung haben viele Wege geebnet, um den Bau des Projektes zu ermöglichen. Eine Ansiedlung anderswo in Ostsachsen wäre einfach nicht sachgerecht.“ Eine Entscheidung für Radeberg sei wichtig: „Viele Jugendliche wandern nach dem Schulabschluss ab. Vor diesem Hintergrund brauchen wir Lösungen, auch junge Erwachsene an die Region zu binden.“

Tilo Roß von den Freien Wählern bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: Womöglich stehe am Ende des Verfahrens ein neuer Standort für das SAM. „Das ist kein Selbstläufer und deshalb sollten auch neue und bekannte Alternativen wieder geprüft werden“, sagt der Stadtrat. „Eine solche wäre die Ansiedlung der Freien evangelischen Gemeinschaftsschule, die ebenfalls noch auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück ist.“

SZ

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