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Radebeuler Familie wandert mit fünf Kindern in die Schweiz aus

Sorgen um die Zukunft: Nadine und David Wollrad ziehen mit ihren fünf Kindern von Radebeul nach Altstätten in der Schweiz. Der Kfz-Mechaniker hat seine Werkstatt verkauft, die Familie packt die letzten Sachen. Warum sie Deutschland den Rücken kehren – und was sie sich für ihre Kinder erhoffen.

Lesedauer: 5 Minuten

Die letzten Umzugskartons sind gepackt. David und Nadine Wollrad haben noch einmal auf den Stufen, die von ihrer Radebeuler Wohnung in den Garten führen, Platz genommen. Sie sagen ihrer alten Heimatstadt Adieu. Quelle: Arvid Müller

Von Silvio Kuhnert

Radebeul. Nudossi, Lößnitzpilz, Kötzsch vom Radebeuler Brauhaus, Russisch Brot, Spreewälder Gurken, Nudeln aus Riesa und weitere heimische Leckereien stecken in einer weißen Box. Heimweh-Kiste steht darauf. Freunde von Nadine und David Wollrad haben sie für das Paar und ihre fünf Kinder gepackt. Sie geht mit ihnen auf Reisen. „Die Wohnung ist schon sehr leer. Nur noch unsere Kleidung ist hier“, sagen die beiden Radebeuler.

Mit zwei Transportern samt Anhängern fahren sie noch einmal nach Altstätten in der Schweiz. Dann ist der Umzug geschafft. Die Familie verlässt Deutschland. Im Kanton St. Gallen, knapp 30 Fahrtminuten vom Bodensee entfernt, starten sie ein neues Leben. „Wir machen es vorrangig für unsere Kinder“, sagt Nadine Wollrad. Sie war einmal Stadtteilmanagerin in Radebeul-West und hat mehrmals sehr erfolgreich den Spendenlauf für den Aufbau der Evangelischen Oberschule auf die Beine gestellt.

Zu viele politische Baustellen in Deutschland

„Wir haben Bedenken, ob Deutschland noch das richtige Land ist, damit sie eine gute Zukunft haben“, ergänzt David Wollrad. Er ist Jahrgang 1979, sie 1982. Ihre fünf Kinder sind zwischen sechs und 15 Jahre alt. Zwei erwachsene Sprösslinge machen die Familie komplett. Diese stehen bereits auf eigenen Füßen. Das jüngste Mitglied der Großfamilie kommt nach den Sommerferien in die Schule. Das ist mit ein Grund, warum der Neustart in diesem Sommer erfolgt. Ende Juli endet der Mietvertrag für die Radebeuler Wohnung.

Der Entschluss zum Auswandern ist im November und Dezember vorigen Jahres bei Nadine und David Wollrad gereift. „Es war kein langer Entscheidungsprozess“, sagt der Familienvater. Wenn er Nachrichten hörte, schaute er sich mit seiner Frau ungläubig an, was für politische Entscheidungen soeben wieder getroffen wurden. „Wir haben uns unsere Gedanken gemacht“, sagt er.

Wir hoffen, dass unsere Kinder in der Schweiz eine andere und bessere Zukunft haben. – Nadine Wollrad

„Es gibt so viele politische Baustellen in Deutschland, die sich in der letzten Zeit angehäuft haben“, fährt Nadine Wollrad fort. Ob Soziales, Rente, Krankenkasse oder Schule – es gäbe so viele Bereiche, in denen jetzt gespart werde. „Und das ist sehr schade. Wir hoffen, dass unsere Kinder in der Schweiz eine andere und bessere Zukunft haben.“

David Wollrad ergänzt: „Wir haben das Gefühl, dass wir in goldenen Zeiten aufgewachsen sind. Und das hätten wir auch gern für unsere Kinder.“ Er ist Kfz-Mechaniker, betreibt als Einzelunternehmer seit neuneinhalb Jahren eine eigene Werkstatt. Ihm ist bewusst, dass es in der Wirtschaft mal auf und mal ab geht. Doch er mache sich Sorgen, wie weit die jetzige Talfahrt noch gehe und vorangetrieben werde.

Die Heimweh-Kiste haben Freunde der Familie Wollrad zum Abschied geschenkt.
Die Heimweh-Kiste haben Freunde der Familie Wollrad zum Abschied geschenkt.
Quelle: Arvid Müller

Er höre immer wieder vonseiten der Politik, dass es der Mittelstand sei, der das Land trage. „Der wird jedoch immer mehr belastet und nicht mehr unterstützt“, so David Wollrad – durch Steuern und Bürokratie. Wenn er auf die Neuverschuldung des Bundes in Milliardenhöhe schaut, stellt er sich die Frage: „Wer soll das einmal zurückzahlen?“

Schulen seien in der Schweiz finanziell besser ausgestattet

In den Schulen werde das Geld für Ganztagsangebote gekürzt, Stellen für Schulsozialarbeit gestrichen. „Es gibt weniger Betreuer für Kinder, die einen Nachteilausgleich benötigen“, zählt Nadine Wollrad auf. Und David Wollrad ergänzt: „In der Schweiz weiß man, dass die Kinder die Zukunft des Landes sind. Dementsprechend sind Schulen dort besser ausgestattet und werden mit mehr finanziellen Mitteln unterstützt.“

Etwa für Sozialarbeit. „Man hat viel Geld übrig, um die Kinder, die vielleicht Probleme haben, aufzufangen. Es wird viel Prävention gemacht, damit gar nicht erst irgendwelche sozialen Brennpunkte entstehen“, so David Wollrad.

Mit seiner Ehefrau empfindet er nicht nur das Schulsystem, sondern auch den Sozialstaat mit Rente und Krankenkasse als viel durchdachter. Apropos Rente: „Ich arbeite seit 30 Jahren durchgängig. Wenn ich auf meinen Rentenbescheid schaue und sehe, was hinten rauskommt, kann ich Sozialhilfe beantragen, wenn ich in Rente gehe“, erzählt David Wollrad. Auf seinem Bescheid stünde gerade so ein vierstelliger Betrag. „Damit könnte ich vielleicht noch die Miete bezahlen. Aber das wäre es dann schon“, sagt er.

Schweiz ist ein neutrales Land

Die Schweiz sei kein Wunderland. Wenn beide dort in den kommenden 20 Jahren gut in die Rentenversicherung einzahlen, reicht der Betrag, den sie herausbekommen, nicht, um den Lebensunterhalt als Rentner in der Schweiz bestreiten zu können. Doch zusammen mit dem Rentenanspruch aus Deutschland „wird es auf alle Fälle mehr sein, als wenn ich hier weiter bis zum Rentenalter einzahlen würde“, hat David Wollrad ausgerechnet.

In der Heimweh-Kiste befinden sich Leckereien in flüssiger und fester Form aus der sächsischen Heimat.
In der Heimweh-Kiste befinden sich Leckereien in flüssiger und fester Form aus der sächsischen Heimat.
Quelle: Arvid Müller

Ein weiteres Thema, das sie bewegt hat, Deutschland zu verlassen, ist das Thema Wehrpflicht: „Wir haben drei Söhne, da denkt man ganz anders darüber nach“, sagt Nadine Wollrad. Die Schweiz sei neutral. Auf einem Plakat haben beide gelesen: „Neutralität schützt.“ Das fanden sie schön.

Die Rhetorik der Regierung im vergangenen Winter war erschreckend. – David Wollrad

Zwar besteht bei den Eidgenossen auch eine Wehrpflicht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz angegriffen wird oder in einen kriegerischen Konflikt hineingezogen wird, ist deutlich geringer als in Deutschland. Die Rhetorik der Regierung im vergangenen Winter war erschreckend“, sagt David Wollrad. Er sei froh, dass er Zivildienst gemacht habe. Diese Möglichkeit bestehe in der Schweiz auch.

Aufruf: Erzählen Sie uns Ihre Auswanderer-Geschichte

Schmieden Sie wie Familie Wollrad Pläne, Deutschland zu verlassen? Oder haben Sie bereits in einem anderen Land Ihre neue Heimat gefunden? Kennen Sie eventuell Auswanderer, die das Elbland und Ostsachsen verlassen haben, um im Ausland ein neues Leben zu starten? Dann können Sie sich bitte gern bei uns melden. Wir sind an Ihrer Geschichte interessiert und möchten über Sie und Ihre Beweggründe berichten. Sie erreichen uns per E-Mail an sz.radebeul@saechsische.de.

Beide betonen, dass es ihnen in Radebeul sehr gut gegangen sei. Auch die Werkstatt ist erfolgreich gelaufen. Für diese hat David Wollrad einen Nachfolger gefunden und verkauft. In der Schweiz fängt er als Angestellter in einer Kfz-Werkstatt an. Deren Inhaber sucht in zwei Jahren einen Nachfolger. Viermal sind Nadine und David Wollrad in die Schweiz gefahren, um ein Haus zur Miete zu suchen. In Altstätten wurden sie fündig.

Neuer Wohnort deutlich kleiner als Radebeul

Zu Ostern waren sie mit den Kindern das erste Mal dort. Sie haben sich schon Gedanken gemacht, was sie sagen werden, wenn sie ihre Freunde in Radebeul zurücklassen müssen. „Es gab keine negativen Reaktionen“, sagen die Eltern. Als sie den Kindern den neuen Wohnort mit Alpenpanorama gezeigt haben, „hat mich Karl, unser Zehnjähriger, umarmt und gesagt: Danke, dass wir hierher ziehen“, berichtet Nadine Wollrad.

Altstätten ist mit rund 9000 Einwohnern deutlich kleiner als Radebeul. Dort grüßen sich die Leute noch, sagen „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. In Deutschland sowie auch in Radebeul gehe das immer mehr verloren. „Wir haben eine Wertevermittlung gegenüber unseren Kindern. Wenn wir sehen, dass die Gesellschaft immer verbitterter wird, dann ist das kein schöner Anblick. Wir sind anders aufgewachsen“, sagt Nadine Wollrad. Auch David verspürt eine zunehmende Unzufriedenheit in der Bevölkerung.

Anders erleben sie es in dem Alpenstaat. „Die Schweizer sind viel zufriedener, freundlicher und offener“, sagt Familie Wollrad.

SZ

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