Bernsdorf. Las Vegas, Brüssel, Thessaloniki, Berlin – und immer wieder Bernsdorf. Diese Orte stehen beispielhaft für den außergewöhnlichen Alltag von Bäckermeister Roland Ermer. Der Bernsdorfer, Jahrgang 1964, ist längst nicht nur in seiner Heimat bekannt: Unter anderem als Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks sowie der Europäischen Bäcker- und Konditorenvereinigung ist er weltweit unterwegs, um die Interessen des Handwerks zu vertreten, Kontakte zu knüpfen und sich für die Zukunft der Branche einzusetzen. Doch dabei bleibt er seinen Wurzeln treu: Er hat die Sorgen und Herausforderungen der Betriebe vor Ort nicht aus dem Blick verloren.
„Wir brauchen praktikable Vorschriften“, sagt der Bäckermeister. Gerade deshalb sei es wichtig, dass das Handwerk bereits bei der Erarbeitung von Gesetzestexten einbezogen werde. „In der Politik fehlt oft der Blick für die Praxis“, so Roland Ermer, der seine langjährigen Erfahrungen einbringt, um die Rahmenbedingungen für das Handwerk zu verbessern – „damit es uns auch in Zukunft noch gibt“.
Selbstständig seit 1988
Um den eigenen Familienbetrieb muss er sich zwar derzeit wenig Sorgen machen, aber was genau die Zukunft dem Handwerk generell bringt, ist freilich ungewiss. Gerade deshalb wirbt Roland Ermer um mehr Verständnis für die Branche. „Lobbyarbeit wird immer wichtiger“, sagt er mit Blick auf die vergangenen Jahre. Schließlich ist er bereits seit 1988 selbstständig und weiß um die kleinen und großen Herausforderungen im Alltag als Unternehmer.
Die Bäckerei Ermer besteht seit 1961 Am Schmelzteich in Bernsdorf – eröffnet von Roland Ermers Eltern Joachim und Ingrid. Doch die Tradition reicht noch weiter zurück: Schon Großvater Rudolf Ermer war einst vor der Vertreibung in Niederschlesien als Bäcker tätig. Und heute führt schon die nächste Generation den Betrieb: Claudia Schermann übernimmt nach und nach den Betrieb von den Eltern Roland und Birgit Ermer.
Andere Regelung für Arbeit am Sonntag gewünscht
Die Wertschätzung der Bevölkerung sei zu spüren, aber ein höheres Ansehen für Unternehmer wünscht sich Roland Ermer dennoch. Nur so können Berufe wie der des Bäckers attraktiv bleiben. Doch dazu gehören eben auch aktuelle Themen, die zum Teil umstritten sind.

Quelle: Torsten Kellermann
Roland Ermer nennt etwa das Arbeitszeitgesetz, das seiner Meinung nach in Bezug auf die Arbeitszeiten an Sonn- und Feiertagen angepasst werden müsste. Derzeit gilt, dass Arbeitnehmer in Bäckereien und Konditoreien dann bis zu drei Stunden für die Herstellung, das Austragen oder Ausfahren von Backwaren beschäftigt werden können. Das reiche aber nicht aus, um „das Sortiment für den Sonntag herzustellen und zu bestücken“, wie der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks beschreibt.
Wir brauchen praktikable Vorschriften. – Roland Ermer, Bäckermeister und Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks
Es wird gefordert, „die zulässige Arbeitszeit in der Herstellung von Backwaren auf acht Stunden auszuweiten“. Das wäre im Wettbewerb mit anderen Anbietern von Vorteil sowie bei der Personalplanung. Es gebe die Bereitschaft, sonntags zu arbeiten, aber „dann länger als drei Stunden“, so der Zentralverband weiter. Es heißt, dass „manche Mitgliedsbetriebe kaum Mitarbeiter finden, die bereit sind, nur drei Stunden am Sonntag zu arbeiten“.
Steuern auf Einwegverpackungen?
Auch die Verbrauchssteuer für Einwegverpackungen bereitet Roland Ermer Sorgen. Sollten neben dem Vorreiter Tübingen und Freiburg weitere Städte nachziehen, würde das bürokratischen Aufwand bedeuten. Außerdem wird befürchtet, dass die Nachweisführung schwierig sein dürfte. Cafés, Imbisse oder eben auch Bäckereien wären gefordert, Steuern auf Einwegverpackungen zu erheben und abzuführen. Das Ganze soll den Umstieg auf Mehrwegsysteme befördern.
Und dann ist da noch die Entwaldungsverordnung, die von Importeuren fordert, die Herkunft von Rohstoffen mit Geo-Daten nachzuweisen. Das sollte abgeschwächt und nur noch der Betrieb in die Pflicht genommen werden, der die Ware zuerst in die EU importiert, wünscht sich die Branche. Andernfalls wären „die Betriebe des Bäckerhandwerks grundsätzlich verpflichtet, beim Bezug von zum Beispiel Kaffee, Kakao und Schokolade als Rohstoff zu überprüfen, ob diese ordnungsgemäß gemeldet sind“, schreibt der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks.
Besser weniger Bürokratie
Und so gibt es noch weitere Vorschriften, die zwar auf den ersten Blick nichts mit dem Bäcker um die Ecke zu tun, für die Betriebe im Hintergrund aber Folgen haben. Nicht selten ist damit ein höherer Aufwand verbunden, der Zeit und Personal beansprucht. Roland Ermer zweifelt dabei nicht grundlegend an den Inhalten und Zielen, aber manches beschreibt er einfach als realitätsfern und nicht lebensnah. Und selbst wenn im Sinne der Kundschaft an die Qualität gedacht wird, glaubt der Bäckermeister, dass Kaufentscheidungen selten auf diese Art und Weise beeinflusst werden.
Roland Ermer vermisst bei manchen Entscheidern im politischen Betrieb bisweilen praktische Erfahrungen aus dem Arbeitsleben. Der Bäckermeister trat selbst zur Bundestagswahl 2021 als Direktkandidat der CDU an. Das Mandat erhielt er nicht, aber in seiner jetzigen Rolle hat er gewissermaßen eine Alternative gefunden, um seine Expertise einzubringen.
SZ


