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Sachsen erfindet einen nachwachsenden Rohstoff auf nassen Mooren

Mit MooReturn entsteht ein neuer Baustoff. Dazu gibt es auch noch Klimaschutz durch weniger CO₂. Das ist so gut wie viele Millionen eingesparte Autokilometer.

Lesedauer: 4 Minuten

Einst trockengelegte Wiesen und Weiden können erneut zu einer Moorlandschaft werden. Und dennoch lässt sich dort Landwirtschaft betreiben. Ein bundesweit einzigartiges Projekt wird von Leipziger Wissenschaftlern geleitet. Quelle: Thao Tran/DBFZ

Stephan Schön

Leipzig. Es soll wieder nass werden auf Deutschlands Wiesen und Weiden. Land unter, und das gewollt. Die Stunde der Moore kommt. Wiedervernässung nennt sich das. Was Generationen von Landwirten mit Rohren und Gräben trockengelegt haben, soll wieder Feuchtgebiet werden. Ein Moor am besten.

Mitte April hat die EU dem deutschen Antrag zugestimmt. Ein Milliardenprojekt kann damit beginnen. Bis 2029 stehen für den Umbau der landwirtschaftlichen Nutzung 1,75 Milliarden Euro zur Verfügung. Das Geld ist auch für Wertverluste bei Grundeigentum vorgesehen. Ein erheblicher Teil aber auch für die Etablierung einer neuen Landwirtschaft dort. Es geht darum, in den nächsten drei Jahren 90.000 Hektar Fläche wieder zu vernässen und gleichzeitig dort nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Das ist möglich. Leipziger Wissenschaftler arbeiten genau daran.

Trockene Moorböden verursachen ungefähr ein Drittel der landwirtschaftlichen Klimagasemissionen in Deutschland. – Roman Adam, Projektleiter MooReturn am Leipziger DBFZ

Dort, wo jetzt noch Gras für die Rinder wächst, soll Wasser in den regenreichen Monaten die Fläche fluten. Ertrag für die Landwirte kann das alles trotzdem bringen, auch wenn das Land dann einige Monate unter Wasser steht. Leipziger Wissenschaftler vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) koordinieren ein bundesweites Großprojekt zur wirtschaftlichen Nutzung neuer, also alter nasser Moorstandorte. MooReturn nennt sich das.

Es geht nicht um die guten Ackerflächen. Es sind die weiten und sehr dürftigen Wiesen und Weiden in weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommers zum Beispiel. Langfristig sind diese wenig ertragreich. So wie bei Malchin, wo die Leipziger Forscher gemeinsam mit Partnern aus der Industrie ihre Versuchsanlage aufbauen. 4,3 Millionen Euro stehen dafür bis 2027 zur Verfügung. Jetzt ist Halbzeit. „Und es läuft“, sagt Roman Adam kurz und knapp. Er leitet das Projekt und sieht eine gewinnbringende Landwirtschaft in nassen Mooren als machbar.

Paludikultur bedeutet Landwirtschaft im Moorgebiet. Hier erfolgt die Schilfernte mit einer Moorraupe. Die spezielle Kettenfahrweise ermöglicht eine bodenschonende Bewirtschaftung auf nassen Moorstandorten.
Quelle: Michael Succow Stiftung

Paludikultur nennt sich das. Es ist die nasse Bewirtschaftung von Moorböden bei gleichzeitigem Erhalt des Torfkörpers. Der ganz erhebliche Nebeneffekt dabei ist die enorme Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen. Nasse Moore sind ein enormer CO₂-Speicher. „Trockene Moorböden verursachen ungefähr ein Drittel der landwirtschaftlichen Klimagasemissionen in Deutschland“, sagt Roman Adam. „In einer ähnlichen Größenordnung liegt in der Landwirtschaft sonst nur noch die Tierhaltung.“

Welche CO₂-Bilanz die wieder nassen Moore dort ganz konkret vor Ort haben, soll eine umfangreiche Messkampagne über die gesamte Zeit hinweg nachweisen.

Auf 500 Hektar bis 6000 Tonnen CO₂ einsparen

Noch ein Fakt zur CO₂-Einsparung, der deutlich macht, welch gigantisches Potenzial hinter dieser neuen Flächennutzung steht: 500 Hektar Versuchsfläche in Malchin sind mit der Leipziger Technologie vorgesehen. 5000 bis 6000 Tonnen CO₂ sollen dort pro Jahr eingespart werden, oder, exakter gesagt, im Boden und in den Pflanzen gebunden werden. Umgerechnet in Autokilometer sind das 40 bis 50 Millionen.

Und dabei wird noch ein Naturstoff geerntet, der für Bauwesen und Papierindustrie nutzbar ist, erläutert der Wissenschaftler. Und das alles soll auch noch wirtschaftlich tragfähig sein. Wenn im Mai noch nicht gemäht wurde, steht das Gras im Juni oft schon kniehoch. So ist es auch auf diesen Flächen. „Dann beginnen wir mit dem ersten Schnitt. Und dabei kommt bereits relativ viel Biomasse zusammen.“

Wir setzen stattdessen auf den natürlichen Pflanzenbestand und lösen das Problem technisch. – Roman Adam, Projektleiter MooReturn am Leipziger DBFZ

Dort auf den nassen Moorflächen wachsen ganz unterschiedliche Gräser, insbesondere Sauergräser, Seggen, Schilfbestände und vieles mehr. „Genau darin liegt die Stärke unseres Aufbereitungsverfahrens“, sagt Roman Adam. „Üblicherweise baut man eine bestimmte Pflanzenart an. Das bedeutet aber viel Aufwand in der Fläche. Wir setzen stattdessen auf den natürlichen Pflanzenbestand und lösen das Problem technisch.“

Im Labor hat dies bestens funktioniert. In kleinsten Pilotanwendungen auch. Jetzt geht es an den industriellen Standard ran. Die Biomasse darf jedenfalls nicht als Klumpen in die Anlage gehen, sondern muss zerkleinert und vereinzelt werden. Welche Gräser dort dabei sind, wie viel Salz das Ganze enthält, das ist egal. Im Wasserbad saugt sich diese Biomasse dann voll wie ein Schwamm. Der wird anschließend extrem ausgepresst. Dabei waschen sich auch viele biochemische Verbindungen aus dem Zellinneren mit heraus. Salz auch. „Übrig bleibt im Wesentlichen die Zellwand. Diese Struktur liegt dann nach dem thermischen Trocknen in der Trockenmasse vor“, erklärt Roman Adam. „Sechs bis acht Tonnen Trockenmasse sind das pro Jahr.“ Rohstoff für Papier und Spanplatten vor allem.

Das Leipziger MooReturn-Team im DBFZ leitet das bundesweite Projekt. Projektleiter Roman Adam sowie die Projektkoordinatorinnen Mareike Meyer und Thao Tran vor einer Mischanlage für Grünschnitt im DBFZ-Technikum.
Das Leipziger MooReturn-Team im DBFZ leitet das bundesweite Projekt. Projektleiter Roman Adam sowie die Projektkoordinatorinnen Mareike Meyer und Thao Tran vor einer Mischanlage für Grünschnitt im DBFZ-Technikum.
Quelle: DBFZ

In Verfahren reduzieren die Forscher Mineralanteile und Salzanteile. Dadurch entsteht eine homogene Pflanzenfaser, die vom Ausgangszustand der Biomasse weitgehend unabhängig ist. Man erreicht durch die Aufbereitung also das, was sonst durch Anbau und landwirtschaftliche Steuerung in der Fläche geleistet wird.

Die Ernte der Moorbiomasse erfolgt durch die Agrotherm GmbH. Anschließend wird sie mithilfe der Florafuel-Technologie der Werner GmbH aufbereitet und zu einem weiterverarbeitbaren Faservorprodukt veredelt. Welche Produkte sich daraus herstellen lassen, das untersuchen hauptsächlich Wissenschaftler des DBFZ sowie der Universitäten Bonn und Rostock. Es geht darum, wirtschaftlich belastbare Entscheidungsgrundlagen für die künftige Nutzung der Moorfaser zu schaffen.

Sachsens Hochmoore sind schon nass – und bleiben es als Biotop auch

Auf Moorstandorten liegt der Wasserstand idealerweise etwa auf Höhe der Grasnarbe. Das lässt sich natürlich nicht immer exakt halten. Gerade im Sommer sinkt er wegen der Verdunstung etwas darunter. Was aber die Chance für eine Ernte bietet.

Dafür braucht es dennoch speziell angepasste Technik für den weichen Boden. Das lässt sich etwa über breitere Bereifung oder mehr Achsen erreichen. Stofflich gesehen ist für MooReturn die Sommerernte interessant. „Wir wollen möglichst grünes Material ernten, um es in unserem Aufbereitungsprozess zu verarbeiten.“

Mit hoher Wahrscheinlichkeit und wenn es so erfolgreich wie bisher läuft, wird das Projekt auch nach 2027 fortgeführt, kündigt Roman Adam an. „Sollten alle Projektinhalte erfolgreich sein, läuft das Vorhaben im Umfang von etwa 34 Millionen Euro bis Ende 2034. Etwa ein Drittel der Kosten sind dabei Investitionskosten für den Bau der Modellanlage bei Malchin.“

In München steht bereits eine Pilotanlage mit der dort entwickelten Florafuel-Technologie für einzelne Versuche. „Unser Ziel ist jetzt eine kontinuierlich laufende, rund um die Uhr betriebene Aufbereitungsanlage in Malchin“, kündigt Roman Adam an. Wissenschaftlich begleitet das Leipziger Forschungszentrum dies und will daraus Empfehlungen für Deutschlands neue Moore ableiten. Sachsens Hochmoore kommen dafür jedoch nicht infrage. Die sind schon nass und bleiben es als Biotop auch weiterhin.

SZ

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