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Sachsens Bier-Branche stemmt sich gegen das Brauereisterben

Erst die Landsberger Brauerei, jetzt Mauritius in Zwickau: Die Betriebe haben Probleme, die Zahl der Braustätten in Mitteldeutschland sinkt. Auch die Brauereien in Sachsen kämpfen mit verhaltenem Konsum und hohen Kosten – manche finden dabei ganz individuelle Lösungen.

Lesedauer: 4 Minuten

Im Altstadtbrauhaus Bautzen lässt der Wirt ein frisches, naturtrübes Bier aus dem Zapfhahn ins Glas laufen. Ein Teil der hier ausgeschenkten Biere wird im Haus gebraut. Quelle: Soeder, Uwe

Andreas Dunte

Leipzig/Gersdorf/Krostitz. Immer häufiger geraten in Mitteldeutschland kleine und mittlere Brauereien in wirtschaftliche Schwierigkeiten. So warf Ende 2025 die Chefin der Landsberger Brauerei im sachsen-anhaltischen Saalekreis das Handtuch, zudem geriet die Rosenbrauerei im thüringischen Saale-Orla-Kreis in Zahlungsschwierigkeiten. Dieses Schicksal ereilte nun auch die Mauritius-Brauerei in Zwickau – sie musste jetzt Insolvenz anmelden.

„Über Jahrzehnte war der Begriff Brauereisterben in Deutschland ausgestorben, nun erleben wir leider eine Trendwende mit einer wachsenden Zahl von Schließungen“, sagt Holger Eichele, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauerbundes. Aktuell gibt es in Deutschland noch 1415 Braustätten – 53 weniger als 2024 und 96 weniger als 2023.

Die Kosten steigen, der Absatz ist rückläufig

Die Gründe für diese Entwicklung sind bekannt: Der Bierabsatz ist seit Jahren rückläufig, unter anderem bedingt durch demografische Entwicklungen und aktuell durch die anhaltende Konsumflaute. Gleichzeitig stehen die Brauereien durch hohe Kosten für Energie, Rohstoffe und Logistik massiv unter Druck.

In Sachsen sank der Gesamtbierabsatz auf 6,2 Millionen Hektoliter. Damit fällt der Rückgang sogar noch höher aus als bundesweit mit minus 6 Prozent.

Immer mehr Mikrobrauereien gegründet

Schaut man allerdings auf die Statistik in Sachsen, kann von einem Brauereisterben eigentlich keine Rede sein. Ende 2025 zählte der Freistaat 83 Braustätten, nur zwei weniger als im Jahr davor. Laut Thomas Gläser, dem Geschäftsführer des Sächsischen Brauerbundes, ging es in den vergangenen 30 Jahren nur bergauf. 1995 gab es bereits 32, vor zehn Jahren 57 Braustätten.

Regelmäßig wird im Lebensmittelhandel der Kasten Bier großer Marken für 9,99 Euro angeboten. Da können und wollen wir Kleinen nicht mithalten. – Astrid Peiker-Holzmüller, Brauerin aus Gersdorf

Allerdings ist die Entwicklung vor allem auf die Gründung von Mikrobrauereien zurückzuführen, also Hausbrauereien und Gaststättenbrauereien. Bundesweit ist das nicht anders: „Bis zur Pandemie war die Zahl der Brauereien in Deutschland kontinuierlich gestiegen, um mehr als 270 Betriebe seit der Jahrtausendwende“, sagt Holger Eichele.

Mikrobrauereien mit festen Zielgruppen

„Viele Bierliebhaber sind offen für Neues. Das hat den Trend hin zu Mikrobrauereien beflügelt“, sagt der Leipziger Biersommelier Franz Uhlig. Allerdings ändere sich die Craftbier-Szene ständig. „Aktuell spüren wir wieder bundesweit Geschäftsaufgaben.“ Was eben noch angesagt sei, könne schon kurz darauf weniger stark nachgefragt sein, erklärt der Chef der Leipziger Craftbeer-Bar Dr. Hops.

„Die Anzahl der kleinen Brauereien in Leipzig spiegelt glücklicherweise nicht den nationalen Trend des Brauereisterbens wider“, meint der Gastronom. Vor zehn Jahren habe es nicht einmal halb so viele kleine Braustätten gegeben. Die Leipziger Mikrobrauereien seien „genau auf ihre Zielgruppen in ihren Gastronomien beziehungsweise auf die Bedürfnisse ihrer Kieze ausgerichtet“. Einige haben sich erweitert und stehen gut da. Andere müssen kämpfen. Ob sie überleben, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen, erklärt der Biersommelier.

Franz Uhlig, Biersommelier und Chef von Dr. Hops in Leipzig, sieht die Mikrobrauereien in der Messestadt gut auf ihre Zielgruppen ausgerichtet.
Franz Uhlig, Biersommelier und Chef von Dr. Hops in Leipzig, sieht die Mikrobrauereien in der Messestadt gut auf ihre Zielgruppen ausgerichtet.
Quelle: privat

Kleine können Preise der Großen nicht schlagen

Doch nicht nur in der Craftbier-Szene gibt es Veränderungen. Auch mittelständische Brauereien mit jahrhundertelanger Geschichte können dem hohen Kostendruck nicht mehr standhalten, sagt Holger Eichele vom Deutschen Brauerbund. „Auch die große Marktmacht des Lebensmittelhandels ist für die Betriebe ein wachsendes Problem.“

Brauerin Astrid Peiker-Holzmüller kann davon ein Lied singen. Die Chefin der Brauerei Glückauf in Gersdorf (Landkreis Zwickau) berichtet von einem immer härter werdenden Wettbewerb. „Regelmäßig wird im Lebensmittelhandel der Kasten Bier großer Marken für 9,99 Euro angeboten. Da können und wollen wir Kleinen nicht mithalten“, sagt sie. Denn damit würde man Bier weit unter den Herstellungskosten anbieten. „Das wäre ruinös“, erklärt die Brauereichefin.

Preise für Grundstoffe stark gestiegen

Auch hält sie wenig davon, ein Billigbier auf den Markt zu bringen wie andere. „Die Preise für Grundstoffe wie Malz oder Hopfen steigen unentwegt. An einem solchen Bier würden wir nichts verdienen.“ Aktuell machen der Brauerin die hohen Heizölpreise zu schaffen. Zahlte sie für 30.000 Liter Öl (für das Beheizen des Sudkessels) vor Monaten noch rund 20.000 Euro, kostet die gleiche Menge aktuell 46.000 Euro.

Dass Glückauf-Biere ihre Fans haben, liegt laut der eloquenten Chefin an der hohen Qualität und der Regionalität. Außerdem biete die Brauerei neben Klassikern wie Pils, Schwarzes, Helles oder Bock auch immer wieder Neues an. Das „Gersdorfer Ale“ ist ein solches Bier. 2021 kürte es der Probier-Club Deutschland mit seinen rund 6000 Bierliebhabern aus der ganzen Welt zum Bier des Jahrzehnts.

Astrid Peiker-Holzmüller, Chefin der Brauerei Glückauf in Gersdorf (Landkreis Zwickau), hält wenig davon, ein Billigbier auf den Markt zu bringen.
Astrid Peiker-Holzmüller, Chefin der Brauerei Glückauf in Gersdorf (Landkreis Zwickau), hält wenig davon, ein Billigbier auf den Markt zu bringen.
Quelle: Glückauf-Brauerei

Regionalität und Qualität beim Bier äußerst wichtig

Aktuell hat die Mannschaft um Astrid Peiker-Holzmüller wieder etwas in die Flasche gebracht, das schon jetzt zahlreiche Fans hat: „Wir haben mit ‚Gersdorfer Hopfenflirt – das Halbstarke‘ ein alkoholarmes Bier mit nur 2,9 Prozent gebraut.“ Das werde ihr förmlich aus der Hand gerissen.

Regionalität und Qualität sind äußerst wichtig, das weiß auch Ines Zekert, Sprecherin der Ur-Krostitzer-Brauerei in Krostitz (Landkreis Nordsachsen). „Wir befinden uns seit Jahren in einem schrumpfenden Markt, der alle Brauereien unter Druck setzt – was in der jüngeren Vergangenheit bedauerlicherweise ja bereits einige Male dazu geführt hat, dass Unternehmen aufgeben mussten.“

Branche stellt sich auf veränderte Situation ein

Das oft zitierte Brauereisterben sei kein theoretisches Szenario mehr, sondern ein schmerzhafter Konsolidierungsprozess der Branche, sagt Ines Zekert weiter. „Wir sehen allerdings auch, dass sich unsere Marke als feste regionale Instanz behauptet und der Markt starken Marken und Konzepten weiterhin Raum für Wachstum und Markterfolge bietet.“

Ähnlich sieht es auch Holger Eichele vom Deutschen Brauerbund: „Auch wenn die Braubranche unter Druck bleibt: Wir beobachten, dass sich die deutsche Brauwirtschaft in den vergangenen Jahren als sehr resilient und krisenfest erwiesen hat.“ Die Betriebe hätten sich auf die neue Situation eingestellt und unterschiedliche Lösungen gefunden, auf den rückläufigen Bierabsatz zu reagieren, neue Märkte zu erschließen und neue Produkte zu entwickeln.

Hoffen auf gutes Wetter und die Fußball-WM

„Während klassische Bierkategorien rückläufig sind, entwickeln sich andere Segmente deutlich positiver“, hat Holger Eichele beobachtet. „Besonders hervorzuheben ist der Bereich alkoholfreier Biere und Biermischgetränke, der aktuell das stärkste Wachstum verzeichnet.“ Alkoholfreie Biere haben 2025 im Handel erstmals einen Umsatzanteil von über zehn Prozent erreicht – mit weiter steigender Tendenz.

Nicht jede Insolvenz bedeutet übrigens das Aus. So konnte die Rosenbrauerei in Pößneck gerettet werden, ein Investor führt das Traditionshaus fort. Und für die Mauritius-Brauerei in Zwickau prüft der Verwalter Sanierungsoptionen, wie es heißt.

Laut Thomas Gläser vom Sächsischen Brauerbund blickt die Branche positiv auf die kommenden Monate und hofft auf Biergarten-Wetter. Dann könnten zahlreiche Events und Großveranstaltungen wie die Fußball-WM den Getränkeabsatz ordentlich ankurbeln.

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