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Schienenfahrzeughersteller Alstom meldet Gewerbe im Waggonbau Niesky an

Auch in Görlitz bleibt Alstom trotz der Übernahme des Standorts durch den Rüstungskonzern KNDS weiter aktiv, denn in Bautzen reicht der Platz nicht mehr aus. Was zu den Hintergründen bekannt ist.

Lesedauer: 3 Minuten

Im Januar wurde die erweiterte Produktionshalle bei Alstom in Bautzen feierlich eingeweiht. Der Schienenhersteller produziert in der Stadt Straßenbahnen, Doppelstock- und Elektro-Züge für ganz Deutschland. Derzeit zählt der Standort etwa 1500 Beschäftigte. Quelle: Steffen Unger

Constanze Junghanß

Niesky/Görlitz/Bautzen. Seit einigen Tagen brodelt die Gerüchteküche rund um das ehemalige Waggonbaugelände Niesky. Da passiert etwas auf der Schiene. Jetzt ist die Öffentlichkeit ins Boot geholt worden: Was genau passiert, darüber hat Oberbürgermeisterin Kathrin Uhlemann am Mittwoch dieser Woche im Verwaltungsausschuss informiert und bereits kurz zuvor gegenüber der SZ bestätigt, was unter der Hand die Runde machte: „Alstom meldete ein Gewerbe am Standort an.“

Nach ihren Angaben waren Danny Di Perna und Marco Michel – die Vize-Präsidenten von Alstom – zur Eröffnung „der Außenstelle Niesky“ vor Ort. Nach Kenntnis des Rathauses sollen Gleise auf dem Areal für Fahrzeuge der Baureihe 490 zur Fertigstellung genutzt werden. „Baureihe 490, das sind elektrische Triebzüge für das Hamburger S-Bahn-Netz“, weiß Kathrin Uhlemann. Die Stadt und die Oberbürgermeisterin selbst blieben beim offiziellen Start in Niesky allerdings außen vor: „Das war eine geschlossene Veranstaltung.“

Neue Arbeitsplätze entstehen nicht

Pressesprecher Björn Bischoff von der Alstom Transportation Germany GmbH mit Sitz in Berlin teilt auf Nachfrage der Sächsischen Zeitung mit: „Alstom hat in Niesky eine Betriebsstätte angemeldet.“ Demnach würden die entsprechenden Anlagen „temporär und mietweise“ genutzt. „Dabei geht es nicht um umfassende Produktionsaktivitäten“, wie Bischoff sagt.

Der aufgeflammten Hoffnung auf neue Arbeitsplätze muss der Pressesprecher eine Absage erteilen. „Ein bis zwei Dutzend Mitarbeiter“ des Bautzener Alstom-Werks werden in Niesky dafür zuständig sein, dass verschiedene Fahrzeuge vor Ort künftig „den letzten Schliff erhalten“ und so für die Übergabe an die Alstom-Kunden vorbereitet werden. Der Pressesprecher nennt den Grund für die Standortwahl: Die Bedingungen in Niesky seien günstig. „Die Infrastruktur ist für die geplanten Arbeiten optimal dimensioniert und verfügt über einen eigenen Gleisanschluss.“

Blick auf einige der Hallen auf dem Gelände des Waggonbaus Niesky.
Blick auf einige der Hallen auf dem Gelände des Waggonbaus Niesky.
Quelle: André Schulze

Waggonbau-Gelände hat einen neuen Eigentümer

Die Schienenfahrzeuge, die in Niesky den letzten Schliff bekommen, werden bei Alstom in Bautzen, aber auch in anderen Alstom-Werken produziert. Der Schienenfahrzeughersteller investierte innerhalb von fünf Jahren 33 Millionen Euro in den Standort Bautzen. Eine zentrale Fertigungshalle wurde kürzlich Ende Januar im Beisein des sächsischen Wirtschaftsministers Dirk Panter (SPD) feierlich eingeweiht. „Unser Ziel ist es, dass der letzte große internationale Bahnkonzern mit Fahrzeugfertigung in Sachsen auch langfristig hier produziert – wettbewerbsfähig und zukunftsfest“, hatte Panter zur Einweihung gesagt.

Die Infrastruktur ist für die geplanten Arbeiten optimal dimensioniert und verfügt über einen eigenen Gleisanschluss. – Björn Bischoff, Pressesprecher von Alstom

Das Gelände des Nieskyer Waggonbaus, auf dem sich Alstom jetzt einmietet, gehört nicht der Stadt. Im Herbst 2025 wurde bekannt, dass der Waggonbau einen neuen Eigentümer hat. Durchgesickert war schnell, dass der Käufer einer aus der Region ist. Anfang dieses Jahres, zum Nieskyer Neujahrsempfang, fiel erstmals öffentlich der Name: Tino Frindt, Geschäftsführer renommierter Unternehmen in Beiersdorf und Steinigtwolmsdorf, erwarb das Areal.

Belebung des Nieskyer Standortes

Für Niesky ging damit ein großer Wunsch in Erfüllung. Denn Jahre zuvor sei der Nieskyer Waggonbau „zu einem Spekulationsobjekt geworden“, wie Landrat Stephan Meyer zum Neujahrsempfang sagte. Dem vorausgegangen war, dass in dem mehr als 100 Jahre alten Traditionsbetrieb nach erneuter Insolvenz im August 2023 die Lichter endgültig ausgegangen waren. Zuvor war das Werk 2018 vom slowakischen Hersteller Tatravagónka Poprad übernommen worden. Nach dem Scheitern einer Übernahme und fehlenden Aufträgen kam es zur Schließung. Zuletzt hatte der Waggonbau noch etwa 180 Mitarbeiter.

Alstom-Betriebsrat René Straube aus Görlitz erinnert sich noch gut an diese schwere Zeit. Der Alstom-Gesamtbetriebsratsvorsitzende unterstützte die Mahnwachen, stand mit den Mitarbeitern, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpften und Mahnwachen abhielten, vor den Toren des Nieskyer Werks. „Wir waren Kollegen in der Branche.“

So geht es in Görlitz weiter

Bei Alstom in Görlitz indes verließ das letzte Schienenfahrzeug – ein Doppelstock-Waggon für Israel – im Dezember 2025 die Produktionsstätte. Fast ein Jahr zuvor, Anfang 2025, war bekannt geworden, dass der Rüstungskonzern KNDS das Görlitzer Alstom-Werk übernimmt. 175 Jahre Schienenfahrzeugbau in der Neißestadt endeten. Allerdings steht jetzt fest: Alstom wird auch am Standort Görlitz den eigenen Fahrzeugen noch weiter den „letzten Schliff“ geben, Test- und Abnahmefahrten durchführen. Produziert wird in Görlitz hingegen definitiv nicht mehr, wie Alstom-Sprecher Bischoff bestätigt.

Hintergrund für die aktuelle Entwicklung ist nach Angaben von Bischoff, dass nach derzeitigem Stand mindestens bis 2027 so viele Schienenfahrzeugen ausgeliefert werden sollen, dass der Platz in Bautzen für die Schlussaufbereitung schlichtweg nicht mehr ausreicht. Die Fertigstellung findet also weiterhin in Görlitz, am Produktionsstandort Bautzen und nun neuerdings zusätzlich in Niesky statt. Mit dem Rüstungsunternehmen am Görlitzer Standort hat das nichts zu tun. Bischoff erklärt: „Der Übergang in Görlitz an KNDS erfolgt sukzessive.“

SZ

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