Von Nora Miethke
Dresden. Ostdeutschlands Wirtschaft droht nach Einschätzung des Dresdner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung den Anschluss zu verlieren. Wie aus dem „Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026“ hervorgeht, den Professor Joachim Ragnitz und die Initiatoren des Seeheimer Kreises auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow vorstellten, ist es vor allem ein Mangel an privaten Investitionen, Fachkräften und technologischen Innovationen, der das Wirtschaftswachstum in den östlichen Bundesländern behindert. Der Abstand zwischen Ostdeutschland und dem Rest des Landes drohe wieder größer zu werden, „wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern“, betont Ragnitz, Vize-Chef des Ifo Dresden. Die privaten Investitionen je Einwohner im Osten haben zwischen 2019 und 2023 etwa drei Viertel des Westniveaus erreicht. Zieht man die Bereiche Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur ab, liegen sie jedoch nur bei zwei Dritteln des Westniveaus. Für zusätzliche Herausforderungen sorgt zudem der demografische Wandel. Die Anzahl der Erwerbstätigen werde in Ostdeutschland bis 2035 um sieben Prozent sinken. In Thüringen und Sachsen-Anhalt falle der Rückgang sogar stärker aus, heißt es.
Bekämpft werden könne der Trend etwa durch mehr Innovationen. „Sinnvoll wäre es, sehr viel stärker auf Technologietransfer zu setzen als bisher. Damit könnte die strukturelle Innovationsschwäche ostdeutscher Unternehmen überwunden werden“, so Ragnitz. Er stellt die Studie am 1. Juni erstmals auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) im Detail vor. Bestätigt wird diese Einschätzung vom „OWF-Transformationsbarometer“, einer Umfrage unter 1500 Wirtschaftsentscheidern und -entscheiderinnen in Ostdeutschland und Berlin. Rund die Hälfte bewertet die aktuelle Lage negativ, nur noch etwa ein Viertel positiv. Dagegen sehen 60 Prozent gleichzeitig große wirtschaftliche Chancen in Ostdeutschland. Wie passt das zusammen? Für OWF-Direktorin Juliane Nandra ist das Ausdruck einer Vertrauenskrise. „Das Potenzial für Wachstum ist da, aber viele Unternehmen zweifeln daran, dass die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verlässlich bleiben“, sagt Nandra. Jeder zweite Befragte spürt nach eigenen Angaben keine positiven Effekte durch Maßnahmen der Bundesregierung wie Senkung der Stromsteuer oder Bürokratieabbau im eigenen Betrieb.
Vertrauenskrise der Wirtschaft in die Politik bremst
Zu einem positiveren Bild hauptsächlich für Sachsen kommt eine andere Studie des Ifo-Instituts in München im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Diese hat vor allem die Investitionstätigkeit in der Industrie untersucht. Ein Ergebnis: Die Neigung, Geld in neue Maschinen und Ausrüstungen zu stecken, nimmt in diesem Jahr wieder zu. Neben den traditionellen Industrieregionen Bayern und Baden-Württemberg „verzeichnet vor allem Sachsen eine dynamische Investitionstätigkeit, mit einem Anteil von 16 Prozent am zu erwartenden Investitionsvolumen“, heißt es. Dies sei primär auf die Mikroelektronikbranche in „Silicon Saxony“ zurückzuführen.


