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Schon ab Mittwoch: Görlitzer Wochenmarkt bekommt einen neuen Betreiber

Steffen Gerlich ist Inhaber des Zeitungskiosks auf dem Elisabethplatz. Künftig ist er für den ganzen Markt verantwortlich. Dort will er viele konkrete Verbesserungen angehen.

Lesedauer: 5 Minuten

Kioskbetreiber Steffen Gerlich ist ab Mittwoch neuer Betreiber des Wochenmarktes auf dem Elisabethplatz in Görlitz. Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Von Ingo Kramer

Görlitz. Paukenschlag im Görlitzer Stadtrat: Ein einfacher Görlitzer Händler hat sich gegen die auf 163 Marktplätzen in 110 Städten vertretene Deutsche Marktgilde durchgesetzt und den Zuschlag für die künftige Betreibung des Görlitzer Wochenmarktes auf dem Elisabethplatz erhalten. 26 Stadträte stimmten am Donnerstagabend für Steffen Gerlich, darunter die beiden größten Fraktionen AfD und CDU, acht dagegen. Mirko Schultze (Die Linke) enthielt sich. Somit muss die Marktgilde als bisheriger Betreiber des Marktes Abschied von Görlitz nehmen.

Schon ab 1. Juli, also ab diesem Mittwoch, ist Gerlich neuer Wochenmarktbetreiber. Der 57-Jährige ist gebürtiger Görlitzer und kennt den Platz gut: „Am unteren Teil des Platzes bin ich 1975 zur Schule gegangen.“ Seit drei Jahren betreibt er den Zeitungskiosk im oberen Teil des Platzes – nebenberuflich.

Der Wochenmarkt auf dem Elisabethplatz ist mal mehr und mal weniger gut besucht.
Der Wochenmarkt auf dem Elisabethplatz ist mal mehr und mal weniger gut besucht.
Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Im Hauptberuf hat der gelernte Schienenfahrzeugschlosser und studierte Betriebswirtschaftler viele Jahre in Leitungsfunktionen bei verschiedenen Bahnunternehmen gearbeitet. Im März 2022 machte er sich mit seiner Beratungsfirma OBuS-Gerlich selbstständig: „Ich unterstütze Bahn- und Busunternehmen bei Ausschreibungen und Inbetriebnahmen.“

Als der frühere Kiosk-Betreiber in den Ruhestand ging, sprang Gerlich ein: „Ich wollte nicht, dass der Kiosk schließt.“ Die Betreibung mache ihm einen Riesenspaß. In der Regel ist er am Freitagnachmittag selbst vor Ort – und kennt somit auch die Sorgen und Nöte der Händler ringsum. Am Freitagnachmittag nach dem Stadtratsbeschluss ist er gut gelaunt: „Ich freue mich über das Vertrauen des weitaus größten Teils des Stadtrates.“ Er hätte nicht gedacht, dass er eine Chance hat gegen ein Riesenunternehmen wie die Marktgilde.

Ich werde nicht alles super machen, aber einiges besser. – Steffen Gerlich, neuer Betreiber Wochenmarkt Görlitz

Jetzt will er den Markt weiterentwickeln – „gemeinsam mit der Stadt und mit den Händlern“, wie Gerlich betont. Doch er sagt auch: „Ich werde nicht alles super machen, aber einiges besser.“ Was ihn stört: „Der Markt ist bisher kein Ort des Austausches, des Miteinanders, der Gemütlichkeit.“ Abgesehen von der monatlichen Naschallee, die Gerlich sehr schätzt, fehle ein Ort zum Verweilen. Einen solchen will er schaffen: „Dazu will ich mit Händlern und Vereinen ins Gespräch kommen.“ Die große Sandfläche sei ungenutzt, dort könnte ein solches Angebot umgesetzt werden, sagt er.

Viele Händler klagen bisher über zu hohe Standgebühren und fehlende Toiletten. Für Letzteres hat Gerlich noch keine Lösung im Ärmel, will aber eine Lösung finden, gern zusammen mit Stadtverwaltung und Händlern: „Ich bin da offen.“ Was die Standgebühren angeht, verspricht Gerlich, dass es für niemanden teurer wird. Ganz im Gegenteil: „Für den einen oder anderen wird es billiger.“ Genaueres könne er sagen, wenn er die konkreten Standgebühren jedes Händlers kenne.

Die monatlich stattfindende Naschallee auf dem Elisabethplatz ist ein Magnet, der viele Menschen anzieht.
Die monatlich stattfindende Naschallee auf dem Elisabethplatz ist ein Magnet, der viele Menschen anzieht.
Quelle: Martin Schneider

Zudem will Gerlich Händler wieder aktivieren, die mittlerweile nicht mehr auf den Markt kommen, weil es ihnen vermutlich zu teuer geworden ist: „Ich möchte, dass kleine Gärtnereibetreiber zumindest am Donnerstag und Sonnabend wiederkommen.“ Und er wolle gezielt lokale Händler und Handwerker ansprechen – von beiden Seiten der Neiße.

Ein weiterer Kritikpunkt von Händlern und Kunden: Der Markt ist zu eng. Das sieht Gerlich genauso, vor allem am Donnerstag und Sonnabend, wenn viel los ist: „Das will ich auf jeden Fall verbessern.“ Wichtig sei, dass gerade an diesen beiden Haupt-Markttagen am Morgen jemand vor Ort ist, der den Aufbau der Händler strukturiert mitbegleite: „Am Anfang werde ich selbst da sein, später vielleicht jemanden dafür einsetzen.“ Zudem wolle er an die Stadt herantreten mit der Bitte, dass sie ein Schild aufstellt: „Fahrradfahren verboten“.

Wir begrüßen, dass es eine unternehmerische Initiative aus Görlitz gibt. – Jakob Garten, AfD-Stadtrat

Die Entscheidung der Stadträte für Gerlich und gegen die Marktgilde war keineswegs eine politisch motivierte. Die SZ hat am Tag nach der Entscheidung mit Räten aller Fraktionen gesprochen. Viele haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht: Beide Betreiber hatten sich vor einem Monat im nichtöffentlichen Teil der Stadtratssitzung vorgestellt. Anschließend hatten die Räte einen Monat Bedenkzeit, um alle Argumente abzuwägen oder noch einmal mit den Markthändlern zu sprechen.

Dann ist jede Fraktion zu einem Ergebnis gekommen. Aber keine Fraktion sagt, dass es eine schnelle, klare Entscheidung war. Stattdessen galt es abzuwägen zwischen der sicheren Variante, sich für den bisherigen Betreiber zu entscheiden – oder das Risiko einzugehen, einen neuen Betreiber auszuwählen. Die meisten Räte beschreiben ein Abwägen. Gewonnen hat am Ende die Risikobereitschaft.

An guten Markttagen ist es sehr eng auf dem Elisabethplatz in Görlitz.
An guten Markttagen ist es sehr eng auf dem Elisabethplatz in Görlitz.
Quelle: Martin Schneider

„Wir begrüßen, dass es eine unternehmerische Initiative aus Görlitz gibt“, sagt Jakob Garten (AfD). Er kenne Herrn Gerlich nicht persönlich, „aber ich denke, man sollte ihm eine Chance geben.“ Die Entwicklung des Marktes in den vergangenen Jahren durch die Marktgilde sei nicht überzeugend gewesen, sagt Garten: „Der Markt ist geschrumpft, die Stimmung war schlecht.“ Da sei es schön, wenn es eine Alternative gebe.

CDU-Fraktionschefin Christiane Schulz hingegen sagt: „Es spricht nichts gegen die Marktgilde, sie hat es bisher ganz gut gemacht.“ Aber ihre Partei habe sich dennoch für Gerlich entschieden, weil er hier vor Ort in Görlitz ist. Gerlich habe gesagt, dass er sich engagieren, den Markt vielfältig halten und neue Impulse setzen wolle: „Das hat uns überzeugt.“ Der CDU gehe es darum, dass sich etwas verbessere: „Mit der Marktgilde ginge es weiter wie bisher.“

Die Marktgilde hat schwere Zeiten gut hingekriegt, nämlich Corona und den Umbau des Platzes. – Mike Altmann, Stadtrat für Motor Görlitz

Auch die Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne/SPD hat abgewogen, sagt Co-Fraktionschef Mike Altmann. Im Ergebnis votierten alle sechs Räte gegen Gerlich. „Wir fanden die Marktgilde solide und gut“, sagt Altmann: „Sie haben schwere Zeiten gut hingekriegt, nämlich Corona und den Umbau des Platzes.“ Aber seine Fraktion habe überhaupt nichts gegen Gerlich: „Wir wünschen ihm viel Glück und Erfolg.“

Die Bürger für Görlitz sahen bei beiden Bewerbern ein Für und ein Wider, sagt Co-Fraktionschef Karsten Günther-Töpert: „Bei dem einen ist mehr Risiko, bei dem anderen wissen wir, was wir haben.“ Am Ende könne seine Fraktion mit beiden leben. Deshalb konnte innerhalb der Fraktion jeder stimmen, wie er wollte. Das Ergebnis waren zwei Stimmen für und zwei Stimmen gegen Gerlich.

So sah der Wochenmarkt vor der Sanierung des Elisabethplatzes aus.
So sah der Wochenmarkt vor der Sanierung des Elisabethplatzes aus.
Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Mirko Schultze (Die Linke) enthielt sich als einziger Stadtrat. „Ich konnte mich nicht entscheiden“, sagt er. Einerseits habe die Marktgilde viel Erfahrung, andererseits liege einem einheimischen Marktbetreiber auch persönlich etwas am Markt. Das sei ein gutes Argument für ihn. „Aber er hat keine Erfahrung mit Marktbetreibung“, sagt Schultze: „Das spricht dagegen.“

Was Altmann, Günther-Töpert und Schultze eint: Alle drei schlagen vor, sich die Rahmenbedingungen, die von der Stadt vorgegeben werden, im Laufe der Jahre noch einmal anzuschauen. Altmann nennt die hohen Pachtgebühren, die die Stadt erhebt, und die Forderung nach sechs Markttagen pro Woche. Schultze und Günther-Töpert bringen die Variante ins Spiel, dass die Stadt den Markt auch selbst betreiben könnte, etwa über die Kulturservice-Gesellschaft.

Das aber ist Zukunftsmusik. Gerlich bekommt einen Vertrag für drei Jahre mit jährlicher Verlängerungsoption. Diese kennt kein Limit. Das heißt, der Vertrag kann beliebig oft verlängert werden. Ob das passiert, ob die Marktgilde irgendwann zurückkehrt, ob die Stadt die Bedingungen ändert oder den Markt eines Tages gar selbst betreibt, wird am Ende davon abhängen, wie gut Gerlich seine neue Aufgabe macht.

SZ

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