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Smart mit Probewohnen und Grenzüberschreitungen

Görlitz an der Neiße will digitaler, bis 2030 klimaneutral und als Wohnort attraktiver werden. Projekt für Projekt arbeitet sich die Stadt voran, auch wenn es Hindernisse gibt.

Lesedauer: 5 Minuten

Ein Mann und eine Frau schauen lächelnd in die Kamera.
Es gelte, das „Engagement, das es in der Stadt gibt, aufzugreifen, zu absorbieren, zu bündeln und zu nutzen“. Robert Knippschild und Constanze Rehling setzen sich beim Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS) in Görlitz genau dafür ein. Foto: Thomas Kretschel

Von Irmela Hennig

Görlitz. Die deutsche Bahn mal wieder. Zumindest für 2026 verhagelt sie der Neißestadt Görlitz ein Teil der smarten Jahresbilanz. Das ist schon mal sicher. Eigentlich wollte die Stadt im Dezember hinter dem Vorhaben „Elektrifizierung der Bahnstrecke von Görlitz nach Polen“ einen Haken machen. Es wäre dann auch einer gewesen für die Aufgabenliste, mit der Görlitz energetisch, digital, innovativ immer mehr zur modernisierten Stadt werden soll – zur Smart City. Das nämlich hat man sich hier vorgenommen.
Doch bei besagter Bahnstrecke hat das die Kommune mit reichlich 55.000 Einwohnern nicht selbst in der Hand. Zuständig ist die Deutsche Bahn AG. Die hatte im Februar bekannt gegeben – vor Herbst 2027 wird es nichts. Technische Gründe wurden genannt. Zudem, so hieß es in einer Mitteilung, müsse ein Durchgang, ein sogenannter Personentunnel, im Zusammenhang mit der Maßnahme nun doch komplett neu gebaut werden. Er führt von der Bahnhofshalle zu den Gleisen und zu einem der Ausgänge.
Dabei gibt es bahntechnisch für die Stadt noch ein viel dickeres Brett zu bohren – die Elektrifizierung der Verbindungen zwischen Görlitz und Dresden beziehungsweise Berlin. Letzteres läuft, auch wenn es wohl bis 2041 dauert. Bei Ersterem hofft der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU), „dass es bald eine klare Entscheidung dazu gibt. Es gehört zu einem aufstrebenden und modernen Standort dazu, dass er gut erreichbar ist.“ Ursu tritt am 10. Mai gegen drei Mitbewerber zur Wiederwahl an.

Als aufstrebende Stadt eingeordnet
Der aufstrebende Standort – das hängt auch zusammen mit dem Ausstieg Deutschlands aus der Kohlenutzung. Und damit, dass Görlitz von den Kompensationsmilliarden, die der Bund dafür zahlt, profitiert. Unter anderem dadurch, dass die Stadt als Hauptstandort für das vom Bund finanzierte Deutsche Zentrum für Astrophysik ausgewählt wurde. 1,2 Milliarden Euro fließen dazu aus dem Strukturwandel-Topf.

Allerdings spielte dies wohl weniger eine Rolle dabei, dass Görlitz im vergangenen Herbst vom Düsseldorfer Beratungsunternehmen Haselhorst Associates als „emerging“, also „aufstrebend“, eingestuft wurde in Sachen Smart City; Haselhorst berät Kommunen kostenpflichtig dazu, wie sie bei dem Thema vorankommen können. Lag Görlitz 2024 im Haselhorst-Ranking auf Platz 176, landete die Kreisstadt nun auf Nummer 77. Ein sichtbarer Sprung.
Als ein Grund dafür gaben die Forscher hinter der Studie die Fortschritte in der Entwicklung der digitalen Infrastruktur an. Oberbürgermeister Ursu berichtet denn auch, die Glasfaseranbindung werde bis Ende 2027 flächendeckend vorhanden sein, inklusive Ortsteile.
Auch erwähnt bei Haselhorst wurde das Projekt „smartENT“. Dabei geht es um das Euro-Neiße-Ticket. Das ist ein grenzüberschreitend gültiger Fahrschein für den ÖPNV im Dreiländereck Deutschland-Böhmen-Polen. Noch mit Hindernissen. Online ist er nicht überall erhältlich. Fahrpläne sind in Polen teils nicht zugänglich. Das soll sich mit der Umsetzung von „smart ENT“ ändern. Bis Ende 2027 fließen dafür 946.000 Euro, vor allem von der EU. Grenzüberschreitend sind zwei weitere Dinge, die die Stadtverwaltung erwähnt. Schon eine Weile gibt es den Europastadt-Bus, der Görlitz und Zgorzelec verbindet. Zudem führen die Kommunen ihre Fernwärmeversorgung zusammen (beides siehe Kästen).
Wichtig für Octavian Ursu ist überdies die Entwicklung seiner Stadt als ÖPNV-Modellstandort. Dafür fließen ebenfalls Strukturwandel-Mittel über das „Investitionsgesetz Kohleregionen“. Neue Straßenbahnen werden angeschafft. Solche, die mit den Haltestellen kommunizieren. Ebenso wie die Haltestellen untereinander. „Der Fahrgast soll so in Echtzeit sehen, welche Anschlüsse es wo gibt, oder auch, wo es zu Verspätungen kommt“, erklärt Ursu. Eine Strecke werde zudem für autonomes Fahren vorbereitet, wobei weiter ein Fahrer an Bord sei. Auch autonome Busse sollen angeschafft werden.
Ein Haselhorst-Lob gab es für die jüngst erfolgte visualisierte Darstellung der Görlitzer Daten zum Haushalt. Eine digitale Verwaltung sei ihm ein großes Anliegen, so der Oberbürgermeister. Er adressiert aber an den Bund den Wunsch: Es brauche „gemeinsame deutsche Lösungen, durch den Bund für die Kommunen erprobt. Da sollte nicht jeder für sich einen Weg suchen.“ Eva Wittig, Geschäftsführerin der auch für Tourismus zuständigen Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH, sieht die digitale Verwaltung ihrer Stadt auf gutem Weg. Termine online vereinbaren, Vorgänge beim Einwohnermeldeamt digital erledigen – das sei möglich. Octavian Ursu schränkt dennoch ein und sagt: „Es muss für eine Weile noch beides geben. Wenn alles digital ist, können wir einen Teil der Bevölkerung nicht mehr bedienen.“

Das Engagement aufgreifen
In diesem Satz klingt an, wie man beim Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS) in Görlitz die Deutung von Smart City sieht. „Für viele geht es dabei um Digitalisierung und digitale Werkzeuge (Tools). Wir sagen, es hat eher mit Menschen zu tun“, erläutert Constanze Rehling vom IZS. Robert Knippschild, IZS-Leiter, ergänzt, es gehe darum, „das Engagement, das es in der Stadt gibt, aufzugreifen, zu absorbieren, zu bündeln und zu nutzen. Darüber Kapazitäten aufbauen, das wäre smart.“
Schlussfolgerungen für die Stadtentwicklung ziehen
Das Zentrum erforscht und betreut ein Angebot, das in der Haselhorst-Studie auch als Positiv-Beispiel erwähnt wurde, das Probewohnen. Ursprünglich, um die Innenstadt zu beleben, auch als Idee gegen Überalterung und Schrumpfung, bietet Görlitz bestimmten Zielgruppen die Gelegenheit, die Stadt als Lebensort zu testen. Aktuell läuft „Probewohnen meets DZA“ als Kooperationsprojekt mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik.
Darüber sollen so bereits angestellte und potenzielle Mitarbeiter des DZA für das Wohnen in der „City“ gewonnen werden. Wobei ein Umzug an die Neiße für Knippschild ein „schöner Zusatz“ sei. Probewohnen liefere Erkenntnisse über Herkunft, Alter, Familienstand und Ansprüche von Personen, die sich für einen Umzug nach Görlitz interessieren sowie über deren Erfahrungen während der Aufenthalte. Aus diesen Erkenntnissen würden Schlussfolgerungen für die Stadtentwicklung und das Stadtmarketing abgeleitet.
Probewohnen habe Menschen dazu bewegt, sich die Stadt anzuschauen. „Viele halten weiter Verbindung, unterstützen Projekte. Bringen Input, zum Beispiel zu Themen wie Klimaneutralität.“
Letztere will Görlitz bis 2030 erreicht haben, auch als Teil der smarten Zukunft.

Diese Projekte gehören zur smarten Stadt Görlitz:

Probewohnen

Seit 2008 gibt es das Projekt „Probewohnen“. Bestimmten Zielgruppen werden dabei für einige Wochen oder Monate kostenfrei Wohnungen zur Verfügung gestellt, um ihnen die Innenstadt zu präsentieren und sie im Idealfall für einen Umzug dorthin zu begeistern. Anfangs war die Idee, Menschen vom Stadtrand näher ins Zentrum zu locken. „Später hat man das für Auswärtige geöffnet“, erzählt Constanze Rehling vom Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS). Das Zentrum begleitet das Projekt wissenschaftlich. Ein Ergebnis – etwa zehn Prozent der bislang rund 270 Teilnehmenden seien nach Görlitz umgezogen. Vor allem mit Freiberuflern funktioniere dies, so IZS-Leiter Robert Knippschild.

Die digitale Gästemappe

Ein Wust an Flyern, Gästemagazinen, abgelaufenen Veranstaltungskalendern, Visitenkarten von Restaurants – das erwartet Touristen oft in Ferienwohnungen oder Hotels. Dazu gibt es in Görlitz eine Alternative. Die digitale Gästemappe. Auf Deutsch und Englisch gibt es hier Infos zu Sehenswürdigkeiten, Gastronomie, Wander- und Radrouten und mehr. „Wir pflegen dafür Daten aktuell ein“, informiert Eva Wittig, Geschäftsführerin der auch für Tourismus zuständigen Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH. Dafür nutze man eine Datenbank. Auf die könne auch die Deutsche Zentrale für Tourismus zugreifen und Inhalte für ihre Kampagnen nutzen. Eva Wittig sieht sie als Ergänzung zum persönlichen Kontakt.

Vereintes Heizen

Rund 200 Millionen Euro fließen in das deutsch-polnische Großprojekt „United Heat“ („Vereinigte Hitze“), das ab 2030 die vier Görlitzer und das eine Zgorzelecer Fernwärmegebiet zusammenführen soll. Bislang wird auf deutscher Seite für die Wärmeerzeugung vor allem Erdgas genutzt, östlich der Neiße ist es meist Braunkohle. Das verursache 50.000 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid jährlich. Künftig komme die Energie aus erneuerbaren Quellen. Sie soll unter anderem über Wärmepumpen aus dem lokalen Berzdorfer See und dem gereinigten Abwasser einer Kläranlage entnommen werden. 17 Prozent entstehe aus Solarthermie in Kombination mit Wärmespeichern. Das Übrige werde über aus Biomasse generiert.

Grenzüberschreitender Verkehr

Ein gemeinsames Tarifgebiet, ein Liniennetzplan für alle, ein Regionalexpress und ein Bus, die zwischen Görlitz und dem polnischen Zgorzelec hin- und herfahren. Klingt in einem vereinten Europa selbstverständlich. Ist es aber nicht. Doch Görlitz und das benachbarte Zgorzelec bieten das inzwischen. Seit Anfang 2023 fahren beispielsweise Busse der Linie A der Görlitzer Verkehrsbetriebe über die Stadtbrücke und durchs Zgorzelecer Zentrum. Die Europastadt-Buslinie – wochentags zwischen 6 und 20 Uhr halbstündlich und an den Wochenenden in etwas geringerem Umfang – stehe im Einklang mit der Erfüllung der Klimaschutzziele, heißt es in einer Mitteilung der Verkehrsbetriebe.

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