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Telux Weißwasser ist an einzigartigem Glas-Verfahren in Istanbul beteiligt

Hinter der Firma in Weißwasser, die sich auf die Lieferung von Rohstoffgemischen für die Glasproduktion spezialisiert hat, liegt ein schweres Jahr. Doch ein neuartiges Verfahren mit Recyclingmaterial macht jetzt Hoffnung.

Lesedauer: 4 Minuten

Mit diesem grünen Pulver könnte sich die Telux Glasproducts & Components GmbH ein Standbein für die Zukunft sichern. Gewonnen wird es in einem, in der Glasindustrie bislang einzigartigen Verfahren aus Recyclingmaterial. Geschäftsführer Andreas Nelte sieht darin große Chancen für die Zukunft des Unternehmens. Quelle: Constanze Knappe

Constanze Knappe

Weißwasser. Es wirkt unscheinbar, das grüne Pulver in der Hand von Andreas Nelte. Und dennoch ist es für den Geschäftsführer der Telux Glasproducts & Components GmbH in Weißwasser ein Stoff, aus dem die Träume sind. Gewonnen wird er aus Recyclingmaterial, noch dazu in einem in der Glasproduktion bislang einzigartigen Verfahren.

Ein europaweit agierender Konzern möchte mit dem Pulver eine neue Technologie aufbauen. Dabei würde er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Recyclingfrage lösen und immense Kosten sparen. Für einen technischen Großversuch in der Nähe des türkischen Istanbuls werden die Weißwasseraner 500 Tonnen des Recycling-Rohstoffgemisches liefern.

Anlagenfahrer Stefan Schulz steuert eine der Mischanlagen in der Telux Glasproducts & Components GmbH Weißwasser. Die Gemengeherstellung aus Rohstoffen für die Glasindustrie ist das Stammgeschäft des Unternehmens.
Anlagenfahrer Stefan Schulz steuert eine der Mischanlagen in der Telux Glasproducts & Components GmbH Weißwasser. Die Gemengeherstellung aus Rohstoffen für die Glasindustrie ist das Stammgeschäft des Unternehmens.
Quelle: Constanze Knappe

Lange zerbrachen sich die Mitarbeiter den Kopf, wie man das Material anderen Stoffen so beimischt, dass es eine homogene Masse ergibt, vor allem fließfähig wird und aus dem Vorratssilo auf die Waage kommt. „Wir haben es hingekriegt“, sagt Andreas Nelte nicht ohne Stolz auf seine kleine Truppe. Wenn nicht mit der kompletten Rohstofflieferung an den Kunden, dann immerhin mit dem Know-how zur Aufarbeitung des Recyclingmaterials könnte die Telux nach dem Großversuch „einen Fuß in der Tür behalten“. Es wäre ein Standbein, um das Unternehmen zukunftssicher zu machen.

Neue Glasschmelzanlage geplant

Während im neuen Glaswerk die ersten Säcke für die Lieferung in die Türkei bereitstehen, installieren Neltes Mitarbeiter in einer Halle im alten Glaswerk einen Edelstahlschornstein. Ein Investor möchte dort eine Glasschmelzanlage errichten. Eigentlich sollte die neue Schmelzwanne schon stehen. Doch wegen Lieferengpässen verzögert es sich. Die Telux wird die Anlage betreiben. Das könnte dann sogar eine zweite Schicht für die Gemengeherstellung und damit für das Stammgeschäft des Unternehmens bedeuten.

Im alten Glaswerk der Telux Glasproducts & Components GmbH Weißwasser möchte ein Investor eine neue Glasschmelzanlage errichten. Wegen Lieferengpässen dauert das Ganze aber noch. Derweil installieren die Mitarbeiter schon einzelne Bauteile wie diesen Edelstahlschornstein.
Im alten Glaswerk der Telux Glasproducts & Components GmbH Weißwasser möchte ein Investor eine neue Glasschmelzanlage errichten. Wegen Lieferengpässen dauert das Ganze aber noch. Derweil installieren die Mitarbeiter schon einzelne Bauteile wie diesen Edelstahlschornstein.
Quelle: Constanze Knappe

Außerdem liefern die Weißwasseraner ab Januar 2026 Rohstoffe in ein Kristallglaswerk nach Dubai. Das sei zwar ein kleiner Kunde, helfe aber wirtschaften, meint Nelte.

Während es der Branche alles andere als gut geht, sieht er wieder Licht am Ende des Tunnels. Aktuell sind seine Mitarbeiter kaum ausgelastet. Kurzarbeit hat er deshalb vorsorglich beantragt.

An der Wiege von Weißwassers Glasindustrie

Im Altwerk an der Straße der Einheit lag 1899 der Ursprung der Glasindustrie in Weißwasser. Ende der 1960er-Jahre entstand gegenüber ein neues Werk für die Produktion von Glühlampenkolben. Dort wurden ebenso Glashalsansätze für die Braunsche Röhre hergestellt, die man für Farbfernsehgeräte brauchte. Errichtet wurde zudem ein Gemengehaus. 32, für die Glasherstellung notwendige Rohstoffe lagern dort in großen und kleinen Silos. In vier Mischanlagen wurden sie hauptsächlich für die eigene Produktion aufbereitet.

Im Auftrag der Treuhand kam Andreas Nelte 1991 nach Weißwasser und blieb als einer von 1300 Beschäftigten. Als Ende 1992 Schluss sein sollte, waren es noch 550 Leute.

Zusammen mit einem ehemaligen Siemens-Vorstand erarbeitete er ein Konzept zur Privatisierung. Mit 230 Beschäftigten wollten sie den Betrieb fortführen, doch machte die Gewerkschaft nicht mit. Für ein zweites Konzept wurde neu gerechnet, mit 128 Leuten.

Mit neuen Technologien Großkunden erobert

1993 wurde die Telux privatisiert und erheblich investiert. Die Kolbenschmelzwannen wurden von einem Gas-Luft- auf ein Gas-Sauerstoff-Gemisch umgestellt. Damit konnte pro geschmolzenem Kilogramm Glas die Hälfte an Energie gespart werden. „Das hat uns gegenüber Mitbewerbern einen riesigen Vorsprung verschafft, zumal wir es mit Qualität untermauern konnten“, weiß Andreas Nelte noch.

Mit Osram, Philips und General Electric konnte man die drei großen Lichtproduzenten der Welt für sich gewinnen. Die erfolgreiche neue Technologie ermöglichte weitere Investitionen wie das Umrüsten anderer Schmelzwannen und den Bau neuer Produktionsanlagen. Der anfängliche Umsatz von 6,8 Millionen Euro stieg auf knapp 20 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeiter auf über 250. Es sei „eine spannende, arbeitsreiche, aber sehr erfolgreiche Zeit“ gewesen.

Dann kam die Globalisierung. Mit dem Technologiewechsel bei Fernsehgeräten auf Flachbildschirme brachen 60 Prozent des Umsatzes weg. Die Finanzkrise gab dem Unternehmen den Rest. 2014 war die Telux Spezialglas GmbH Weißwasser pleite. Die Glasproduktion wurde eingestellt.

Neustart mit Rohstoffgemischen

Gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter und dem Betriebstechnologen schaffte man die Basis zur Fortführung des Unternehmens – mit dem Verkauf von Rohstoffgemischen. Aus der Insolvenzmasse wurden beide Glasfabriken erworben. 2015 startete die Telux Glasproducts & Components GmbH mit 16 Mitarbeitern. „Ich bin noch heute sehr froh, dass von den Entlassenen einige zurückgekommen sind. Offensichtlich haben sie Vertrauen in unseren Plan gehabt“, erzählt der Chef und verweist auf deren Erfahrungen.

Die Telux beliefert Hersteller von Trinkgläsern wie auch von Industrieglas. Mit einem Rohstoffgemisch aus Weißwasser wurden Linsen für Autoscheinwerfer hergestellt, wie sie in allen Autos mit moderner LED-Beleuchtung zu finden sind. Das optische Glas musste hochrein sein, die Qualität der Rohstoffe ebenso.

Rund 4,2 Millionen betrug der Jahresumsatz 2024. Doch die schwierige wirtschaftliche Situation in Deutschland kam auch bei der Telux an. Die hohen Energiekosten und Unsicherheiten setzen der Wirtschaft zu. Im September 2025 verlor die Telux Glasproducts & Components GmbH deshalb ihren Hauptkunden und damit 40 Prozent ihres Umsatzes. 2026 wird ein langjähriger Kunde aus der Medizintechnik nach China abwandern. Für ihn hatten die Weißwasseraner 23 Gläser entwickelt und die Rohstoffgemische hergestellt.

Wenn wir nicht Projekte hätten, von denen wir fest überzeugt sind, dass sie wirken, hätte es bald nicht mehr funktioniert. – Andreas Nelte, Geschäftsführer von Glasproducts & Components GmbH Weißwasser

Weitere Kunden verabschiedeten sich von heute auf morgen. „Die Löcher zu stopfen“, wie es Andreas Nelte nennt, wurde zur wichtigsten Aufgabe der vergangenen drei Monate. „Wenn wir nicht Projekte hätten, von denen wir fest überzeugt sind, dass sie wirken, hätte es bald nicht mehr funktioniert“, sagt er. Dann wäre auch in der Telux das Licht ausgegangen.

Inzwischen schaut er „vorsichtig optimistisch“ ins neue Jahr. In dem Recyclingprojekt sieht er große Chancen. Und dass endlich die Bauteile für die neue Glasschmelze geliefert werden, dafür sind alle Daumen gedrückt.

SZ

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