Suche
Suche

„Unsere Reise ist noch nicht zu Ende“

Hiltrud Ludwig ist neue Kanzlerin der Handelshochschule Leipzig und will die internationale Business School sicher durch wirtschaftliche Umbruchzeiten führen.

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Frau schaut lächelnd in die Kamera.
Führungskräfte müssen Veränderungsprozesse unterstützen, sagt Hiltrud Ludwig, Kanzlerin an der HHL in Leipzig. Foto: Andre Kempner

Von Ulrich Milde

Leipzig. Stillstand ist bekanntlich Rückschritt. Durch die Digitalisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz verändert sich die Wirtschaft rasant, die Unternehmen müssen sich darauf einstellen. „Das gilt auch für die Hochschulen“, sagt Hiltrud Ludwig, die seit Mitte Januar Kanzlerin der Leipziger HHL Leipzig Graduate School of Management ist. „Wir brauchen neue Lehrstühle, neue Professoren – kurzum: neue, passende Angebote für unsere Studierenden.“
Gerade in diesen disruptiven und volatilen Zeiten entscheiden sich die Top-Talente für eine internationale Business School, „die ihnen das relevante Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere mitgibt“. Da sei die HHL mit ihrer exzellenten Lehre und ihrer unternehmerischen Praxisnähe hervorragend aufgestellt, urteilt Ludwig, die in der Nähe von Viersen unweit der Grenze zu den Niederlanden aufwuchs.
Das Abkommen von Schengen 1985 „war eine jugendprägende Erfahrung“, sagt die 59-Jährige rückblickend. Die Schlagbäume an den Grenzen fielen weg, der Austausch der Nationen und die Freizügigkeit wurden gestärkt. „Das war eine Horizonterweiterung“, daraus „kann etwas Großes entstehen“. Die Wurzeln für eine internationale Karriere waren gelegt. Nach dem Abitur studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln sowie der HEC in Paris, die als beste französische Wirtschaftshochschule gilt und bei der Auswahl der Studenten extrem wählerisch vorgeht. Nach ihrer Promotion im strategischen Management startete sie 1991 ihre berufliche Laufbahn bei McKinsey, eine weltweit führende Unternehmensberatung, die 1926 gegründet wurde und in mehr als 65 Ländern mit zusammen 45.000 Beschäftigten vertreten ist. Internationalität gehört zu dieser Firma wie Senf zur Thüringer Bratwurst.
Ludwig war dort als Strategieberaterin tätig und durchlief zahlreiche internationale Führungspositionen mit Schwerpunkten in den Sektoren Telekommunikation und Technologie sowie in der digitalen Transformation einschließlich der Künstlichen Intelligenz. Sie war erst im Außen-, später im Innendienst eingesetzt und steuerte das operative Geschäft der europäischen Telekommunikation. Das beinhaltete die Weiterentwicklung der Angebote und bewährte Konzepte in anderen Ländern zu implementieren.
Ziel war Wachstum, um auch auf diese Weise die Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren. Mithin war das Ziel, komplexe Produktionsprozesse zu optimieren und technologieorientierte neue Geschäftsfelder zu entwickeln.

Sprung in Selbstständigkeit
Die Managerin wagte 2023 den Sprung in die Selbstständigkeit mit der Beratung in der digitalen Transformation. Letzteres ist ein wichtiger Punkt in der Lehre der HHL. Sie muss ihren rund 800 Studierenden schließlich auch beibringen, wie sie auf die substanziellen Disruptionen in der Digitalisierung und Nachhaltigkeit reagieren sollten. Unternehmen, lautet das Credo von Ludwig, müssten somit innovativ und veränderungsfähig sein, um sich am Markt zu behaupten. „Das bedingt Vielfalt im Denken und Handeln.“
Die Analogien zur HHL liegen für die Kanzlerin nahe. „Auch wir müssen im Wettbewerb der Business Schools im Kampf um die globalen Talente bestehen“, mithin ein attraktives, zukunftsweisendes Angebot bieten. Schließlich zahlen die Studierenden Geld für die Ausbildung. „Wir versprechen, dass sich diese Investition auszahlt.“ Die HHL leiste dabei einen wichtigen Beitrag „zur resilienten Zukunftsfähigkeit von Führungskräften“. Ziel sei es, Entscheider auszubilden, die sich schnell an technologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche anpassen können und Veränderungen als Chance statt als Bedrohung begreifen.

Horizonterweiterung durch Schengen
Eine Hochschule müsse heute „so agil geführt werden wie ein modernes Wirtschaftsunternehmen“, meint Rektor Tobias Dauth und begründet damit, warum die Wahl auf Ludwig gefallen ist. Sie sei eine Top-Managerin, „die gezeigt hat, wie man komplexe Organisationen erfolgreich skaliert und transformiert“. Die HHL sei dabei hervorragend aufgestellt. „Ich freue mich darauf, mit einem starken Team ihre strategische Ausrichtung erfolgreich weiterzuentwickeln“, sagt Ludwig.
Gut findet sie – Schengen lässt grüßen – die Internationalität, repräsentiert von den Studierenden aus 35 Ländern. Das sei gelebte Normalität und führe zu einem gegenseitigen hohen Respekt vor andersartigen Kulturen. Da werden auch international wichtige Fähigkeiten erworben. „Wer dann wieder nach Hause geht, hat hoffentlich positive Erinnerungen an Leipzig.“ Das sei als Nebenprodukt durchaus hilfreich bei späteren Geschäftsanbahnungen der künftigen Führungskräfte. Die HHL also als Botschafter des Wirtschaftsstandortes Deutschland. „So sind wir eine Art Fenster zur Welt.“
Großen Wert legt die Kanzlerin auf einen vernünftigen Umgang mit den Beschäftigten, bei der HHL sind es 160. Erfahrung hat sie da reichlich. Bei McKinsey war sie zuletzt für 1500 Angestellte verantwortlich. „Gute Führungskräfte holen das Beste aus den Mitarbeitern heraus“, sagt sie. Dazu sei eine große Empathie ebenso nötig wie die Gabe des Zuhörens. „Es geht um Diskussionen auf Augenhöhe.“ Es würden Menschen benötigt, „die nicht über die Zeiterfassung funktionieren“. In Zeiten des wirtschaftlichen Umbruchs sei es wichtig, den Personen zu helfen, deren Tätigkeiten durch Künstliche Intelligenz bedroht seien. „Da müssen Führungskräfte Veränderungsprozesse unterstützen.“
Die Bildungseinrichtung kehrt damit zum Modell der Doppelspitze aus Rektor und Kanzlerin zurück. In der dreijährigen Interimsphase hatte Dauth beide Posten ausgeübt.
Die kaufmännische Geschäftsführung, also Finanzen, Personal, Administration und Campus-Entwicklung, hat er nun an Ludwig abgegeben. Unternehmen, und als solches sieht sich die Hochschule, „brauchen in der Geschäftsführung eine gewisse Bandbreite“, begründet Ludwig dieses „sinnvolle Modell“.

Neue Professuren sind nötig
Vorgenommen hat sie sich, in Zusammenarbeit mit Dauth „frische Themen“ anzusprechen. Neue Professuren müsse die HHL selber stemmen über das Einwerben von Drittmitteln. Natürlich gehe es in ihrer neuen Aufgabe auch darum, die internen Abläufe, wo nötig, zu straffen, um effizienter zu werden. „Wir brauchen eine kontinuierliche Dynamik.“ Die HHL habe ein Top-Rating – „und das soll so bleiben“.
Ludwig, die gerne liest, kocht und reist, fühlt sich in Leipzig schon sichtlich wohl. In Köln studierte sie am nach Eugen Schmalenbach benannten Lehrstuhl, „der sehr unternehmerisch geprägt ist, was auch für Leipzig gilt“. Der Wirtschaftswissenschaftler (1873 bis 1955) gilt als einer der Begründer der Betriebswirtschaftslehre und schrieb sich 1898 als einer der ersten Studenten zum Studium an der neu gegründeten Handelshochschule Leipzig ein.

Beeindruckt von „Koalition der Willigen“
Dabei gefällt der Verwaltungschefin, die für vier Jahre unterschrieben hat, dass in Sachsen die Bildung nicht auf der Kürzungsliste angesichts der Geldknappheit der öffentlichen Haushalte stehe. „Ich sehe darin und auch in der Zusammenarbeit von Stadt und Land eine kluge Politik.“ Diese „Koalition der Willigen“ habe sie beeindruckt. Sie hoffe, dass Sachsen und Leipzig bei dieser Grundausrichtung blieben. Denn: „Unsere Reise ist noch lange nicht zu Ende.“

Das könnte Sie auch interessieren: