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Vom Großbanker zum Gründer

Das nachhaltige Finanz-Startup Evergreen wächst mit neuer Investorenrunde – und dem Knowhow eines erfahrenen Bankers: Iven Kurz betreute 16 Jahre lang Großkunden in Frankfurt. Dann fing er in seiner Heimatstadt Leipzig neu an.

Lesedauer: 3 Minuten

Ein Mann schaut in die Kamera.
„Wir investieren nicht nur in einzelne grüne Branchen wie Windkraft oder Solar“, sagt Iven Kurz, Gründer von Evergreen. Foto: Evergreen

Von Sven Heitkamp

Leipzig. Mit Geld umgehen kann er: 16 Jahre lebte und arbeitete der Leipziger Iven Kurz in der Bankenmetropole Frankfurt, war Portfoliomanager, Vermögensberater und Asset-Manager. Zuletzt steuerte er bei privaten Bankhäusern wie Metzler und Lampe Milliardenvermögen für institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Kirchen. Kurz weiß, wie man Fonds baut und Anlageportfolios aus Aktien, Anleihen, Immobilien und Rohstoffen managt. Schon als Leipziger Betriebswirtschaftsstudent mit Schwerpunkt Finanzanalyse war er von der US-Bank J.P.Morgan angeheuert worden und sammelte erste Erfahrungen in der Investmentwelt. „Frankfurt war eine tolle Zeit“, sagt Kurz rückblickend. „Ich habe tolle Leute bis in die Vorstände hinein kennengelernt.“ Doch vor sieben Jahren gab er seiner Karriere eine neue Wende, kehrte mit seiner Familie zurück nach Leipzig und gründete ein nachhaltiges Startup für private Kleinanleger: Evergreen. Heute trägt der 50-Jährige Hoodies statt Anzüge und fährt mit dem Rad von Markkleeberg aus zur Arbeit.

An einem sonnigen Mai-Vormittag sitzt Kurz in einem Erker von Steibs Hof, einem Gründerzeit-Geschäftshaus in der Nikolaistraße, und erzählt, was ihn heute umtreibt: Die Idee, sein Spezialwissen als Fondsmanager großer Anleger auch für kleine Sparer und Familien zugänglich zu machen. Bei Evergreen kann man deshalb Sparpläne schon ab einem Euro im Monat anlegen und damit flexibel bleiben. Ersparnisse und Sparpläne werden in unterschiedlichen Depots – sogenannten „Pockets“ – angelegt. Das sind keine fremden ETFs oder andere Bestände, sondern ausschließlich Fonds, die Evergreen selbst auflegt und managt. Die Portfolios sind dabei transparent, alle enthaltenenUnternehmen sind in Exposés nachzulesen und die Aktivitäten der Fondsmanager live verfolgbar. „Es reicht eben nicht, eine coole App zu haben und ein paar Fonds zu verkaufen“, sagt Kurz. Mit geringen Fondskosten von lediglich 0,79 Prozent im Jahr will Evergreen dabei zugleich günstiger sein als andere Anbieter mit ein bis drei Prozent.

Doch auch die grüne Grundfarbe des Finanzdienstleisters ist Programm: Der digitale Vermögensverwalter hat sich eigens von der gemeinnützigen Organisation „B Lab“ mit dem Nachhaltigkeitssiegel „B-Corp“ als Unternehmen zertifizieren lassen, das trotz Gewinnorientierung hohe soziale und ökologische Standards erfüllt. Das „B“ steht dabei für „Benefit“: Ein Mehrwert soll für alle Menschen und die Natur entstehen. Evergreen investiert überwiegend in nachhaltige Finanzprodukte, die gemäß EU-Offenlegungsverordnung als sogenannte „Dunkelgrüne Fonds“ klassifiziert sind. „Fairness und Nachhaltigkeit sind der Fokus unseres Unternehmens“, sagt Kurz. Damit werden reihenweise Wertpapiere nach diversen Kriterien ausgeschlossen: von Alkoholvertrieb über Kinderarbeit bis zur Waffenproduktion. Andere gewinnträchtige Branchen wie Telekommunikation und Chipindustrien dürfen aber im Portfolio enthalten sein. „Wir investieren nicht nur in einzelne grüne Branchen wie Windkraft oder Solar“, sagt Kurz, „sonst wäre das Risiko für Sparer zu groß.“

Dass die Fonds von Evergreen nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch nachhaltig sind, habe sich erst im Laufe der Zeit entwickelt, erzählt Kurz. Er sieht sich selbst nicht als grünen Aktivisten, aber er hat mit der Zeit festgestellt, dass er beide Welten gut miteinander verbinden kann: sozial verträglich, ökologisch sinnvoll – und wirtschaftlich tragfähig. „Auszahlen müssen sich die Geldanlagen trotzdem“, sagt Kurz. Die meisten Anleger bei Evergreen sind in der Altersgruppe zwischen Ende 20 und Mitte 40. Es sind jüngere Leute, die beginnen, für die eigene Altersvorsorge oder die Kinder etwas anzusparen, unter ihnen viele Frauen. Langfristige Erträge von acht bis neun Prozent pro Jahr sollen – wie bei anderen Geldanlagen – ebenfalls drin sein. Beim Kindersparen und der Altersvorsorge seien es in der Regel drei bis vier Prozent.

Mehr als 120 Millionen Euro Einlagen

Ein Stamm von 20.000 Kundinnen und Kundenmit mehr als 120 Millionen Euro Einlagen hat Evergreen bereits aufgebaut. Und es sollen mehr werden: Gerade haben Kurz und sein Team eine neue Finanzierungsrunde über fünf Millionen Euro abgeschlossen. Mit dem frischen Geld will das junge Unternehmen sein Wachstum beschleunigen, sein Angebot ausbauen und seinen Kundenstamm vergrößern. „Wir streben Richtung 100.000 Kunden mit 500 Millionen Euro Vermögenswerten“, sagt Kurz. „Ökologisch und sozial gerechte Geldanlagen wachsen deutlich – so wie der Nachhaltigkeitsgedanke insgesamt“, sagt der Firmengründer. Teilhaber und Finanziers sind die amerikanische Zais Group, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Sachsen, ein Family Office und ehemalige Bank-Vorstände.

Erst im Frühjahr war Evergreen aus Büros am Dittrichring mit gut 200 Quadratmetern in die mehr als doppelt so große Etage in Steibs Hof umgezogen – deutliches Symbol des Wachstums. Aktuell arbeiten dort zwei Dutzend Menschen, und es dürften mehr werden. Das junge Unternehmen legt dabei Wert darauf, selbst nachhaltig aufgestellt zu sein. Evergreen arbeitet CO2-neutral und macht seinen Kohlendioxidausstoß transparent. Sogar der einzige Firmenwagen – ein E-Auto – wurde wieder abgeschafft. Stattdessen gibt es Deutschlandtickets und Jobräder, so genannte „Guudcards“ für Einkäufe bei nachhaltigen Unternehmen, plastikfreie Wochen, Baumpflanzaktionen, freiwillige Dienste in der Suppenküche und bei der Tafel. „Wir leben gesellschaftliche Verpflichtung und identifizieren uns mit unseren Themen“, betont Kurz. „Das zahlt auf das Vertrauen unserer Kunden ein.“

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